Leon Neschle 91

Die Erbsünden des Liberalismus – Essay in neun Teilen und sieben Sünden

Teil 7

„Der Materialismus ist aus der Zeit gefallen. Längst haben immaterielle Werte eine höhere Bedeutung für die aktive Freiheit.“ (Neschle)

Die sechste Erbsünde: allein passive statt auch aktive Freiheit

„Freiheit ist für mich, wenn ich tun darf, was ich tun kann“, sagte mir mein philosophischer Blumenhändler Christoph Gesthüsen in Winnekendonk, kurz bevor er seinen Blumenladen schließen musste. „Aber was“, fragte ich, „ist das für eine Freiheit, wenn Du nur ganz, ganz wenig oder fast nichts tun kannst, weil Du nur wenige Möglichkeiten dazu hast? Wer mehr tun kann, hat doch auch mehr Freiheit.“ –

Die Philosophie meines Blumenhändlers wird offensichtlich dominiert von der Idee der „negativen“ Freiheit, der „passiven“ Freiheit oder der Freiheit von Einmischung in meine Entscheidungen, sei es durch Einzelpersonen, Kollektive, staatliche oder private Institutionen. Die einseitige Betonung dieser passiven Freiheit ist die sechste Erbsünde des Liberalismus, oft extrem im Wirtschaftsliberalismus.[1] Auch diese Erbsünde ist real und nicht nur von den Gegnern des Liberalismus angedichtet. 

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Leon Neschle 90

Die Erbsünden des Liberalismus – Essay in neun Teilen und sieben Sünden

Teil 6

„Neo-Feudalismus ist Realität und reale Gefahr in liberalen Gesellschaften. In nicht-liberalen Gesellschaften ist Feudalismus ein fester Bestandteil des politischen Systems.“ (Neschle)

Die fünfte Erbsünde: (Neo-)Feudalismus statt (Neo-)Liberalismus

Die fünfte Erbsünde kann eigentlich keine Sünde aus der Genetik des Liberalismus sein. Denn es war der Liberalismus, der den Feudalismus zu Fall gebracht hat. Feudalismus zeigt sich viel stärker in Ländern, an denen Aufklärung und Liberalismus vorbeigegangen sind: etwa bei Familienclans der Regierenden in Nordkorea, in der Türkei oder in der arabischen Gesellschaft. Feudale Strukturen in liberalen Gesellschaften sind ein Grund zum Schämen und zur Selbstkritik bei den Liberalen. Doch diesen Grund gibt es mehr oder weniger in allen liberalen Gesellschaften.

Liberale haben im Kampf gegen den Feudalismus zu früh eine Kehrtwende vollzogen, gerade in Deutschland. Die National-Liberalen verbündeten sich mit den deutschen Fürsten gegen Frankreich und übten damit den Schulterschluss mit dem Feudalismus. Zwar haben bürgerliche Liberale in westlichen Demokratien die Machterhaltungsinstrumente des (Land-)Adels[1] zerstört, es blieben aber Reste feudaler Strukturen. Zudem erlaubte oder förderte der Liberalismus die Entstehung eines „Geldadels“, der zur Sicherung seiner Macht auf eine Refeudalisierung unter neuem Vorzeichen hinarbeitete: Geld ersetzte Land als Basis der Macht.

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Leon Neschle 89

Die Erbsünden des Liberalismus – Essay in neun Teilen und sieben Sünden

Teil 5

„Der Markt kann gar kein Klimakiller sein, weil es ihn für freie Umweltgüter nicht gibt. Da hat er ein perfektes Alibi.“ (Neschle)

Die vierte Erbsünde: Umweltschmutz statt Umweltschutz

Hier gibt es keine Ausflüchte: Die vierte Erbsünde ist anders als die dritte den Liberalen nicht angedichtet, sie ist genetisch bedingt und kam mit der Geburt des Liberalismus. Ihre Quelle ist schlichte Unwissenheit.

Dem Liberalismus fehlt die Gnade der späten Geburt. In der vorindustriellen Zeit seiner Entstehung bestanden viele Bereiche der Umwelt im ökonomischen Denken aus „freien Gütern“, die kostenlos und in beliebiger Menge zur Verfügung standen. Das betraf nicht alle Teile der Umwelt: Für Grund und Boden oder Schürfrechte war damals schon ein Preis fällig und dort, wo man Wasser verknappen konnte, musste die Wasserzufuhr bezahlt werden. Luftverschmutzung spielte im vorindustriellen Zeitalter kaum eine Rolle, Wasserverschmutzung durch Schlachtabfälle oder Gerberei war ein lokales Problem und wurde, wenn das Wasser ungenießbar war, auch von Kindern mit dünnem Bier heruntergespült.

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Leon Neschle 88

Die Erbsünden des Liberalismus – Essay in neun Teilen und sieben Sünden

Teil 4

„Wer die Freiheit anderer achtet, zeigt allein dadurch mehr soziale Verantwortung als die Befürworter totalitärer Systeme, denen individuelle Freiheit nichts gilt.“ (Neschle)

Die dritte Erbsünde: Egoismus statt soziale Verantwortung

Die dritte Erbsünde wird den Liberalen am häufigsten angelastet. Dennoch steckt sie nicht in den liberalen Genen. Sie findet sich aber in der libertären Mutation des Liberalismus. Libertäre verbergen sich (zu) oft als „Bekenntnisliberale“ hinter dem liberalen Etikett. Den Liberalen ist vorzuwerfen, dass sie nicht deutlich genug und nicht öffentlichkeitswirksam gegen diesen Etikettenschwindel vorgehen. 

So mancher Bekenntnisliberale glaubt, der Liberalismus lasse unbeschränkte Freiheit zu und völligen Egoismus des Einzelnen, ja fordere ihn sogar im Wirtschaftsliberalismus, ohne dass davon ein Schaden für die Gesellschaft ausgeht. Nach der Bienenfabel von Mandeville[1] werden durch den Zwang zu freiwilliger Einigung am Markt sogar private Laster zu öffentlichen Vorteilen. Auch der politische Abstimmungsprozess setzt den Individuen gesellschaftliche Schranken bei der Durchsetzung ihrer egoistischen Ziele.

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Leon Neschle 87

Die Erbsünden des Liberalismus – Essay in neun Teilen und sieben Sünden

Teil 3

„Wenn der Verstand gottgegeben ist, muss auch sein Einsatz gottgewollt sein“ (Neschle)

Die zweite Erbsünde: Menschenverstand statt Gottes Gebot

Die zweite Erbsünde liegt wie die erste in den Genen des Liberalismus. Sie wird den Liberalen jedoch nur von Seiten der Religionen vorgeworfen. Dennoch ist die Aus-einandersetzung damit nicht nur von religiösem oder historischem Wert. Sie bringt tiefe Einblicke in den Liberalismus, insbesondere zu der Frage, ob man sich durch den eigenen Verstand versklaven kann und sich so selbst die Freiheit nehmen kann, für die man eigentlich eintreten will.

Die Liberalen haben den menschlichen Verstand, kein göttliches Gebot zum Ausgangspunkt ihres Denkens gemacht. Die Freiburger Thesen der FDP[1] fordern in diesem Sinne „Fortschritt durch Vernunft“. Philosophien, die den Menschen und seine Vernunft und nicht Gott zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen, ordnet Harari zwar dem „Humanismus“ zu, betrachtet sie aber als „Religionen“[2]:

„Die Grundüberzeugung humanistischer Religionen wie des Liberalismus, des Kommunismus und des Nationalsozialismus lautet, dass Homo sapiens über einen einzigartigen und heiligen Wesenskern verfügt, der Quell allen Sinns und aller Macht im Universum ist.“ 

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