Leon Neschle 87

Die Erbsünden des Liberalismus – Essay in neun Teilen und sieben Sünden

Teil 3

„Wenn der Verstand gottgegeben ist, muss auch sein Einsatz gottgewollt sein“ (Neschle)

Die zweite Erbsünde: Menschenverstand statt Gottes Gebot

Die zweite Erbsünde liegt wie die erste in den Genen des Liberalismus. Sie wird den Liberalen jedoch nur von Seiten der Religionen vorgeworfen. Dennoch ist die Aus-einandersetzung damit nicht nur von religiösem oder historischem Wert. Sie bringt tiefe Einblicke in den Liberalismus, insbesondere zu der Frage, ob man sich durch den eigenen Verstand versklaven kann und sich so selbst die Freiheit nehmen kann, für die man eigentlich eintreten will.

Die Liberalen haben den menschlichen Verstand, kein göttliches Gebot zum Ausgangspunkt ihres Denkens gemacht. Die Freiburger Thesen der FDP[1] fordern in diesem Sinne „Fortschritt durch Vernunft“. Philosophien, die den Menschen und seine Vernunft und nicht Gott zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen, ordnet Harari zwar dem „Humanismus“ zu, betrachtet sie aber als „Religionen“[2]:

„Die Grundüberzeugung humanistischer Religionen wie des Liberalismus, des Kommunismus und des Nationalsozialismus lautet, dass Homo sapiens über einen einzigartigen und heiligen Wesenskern verfügt, der Quell allen Sinns und aller Macht im Universum ist.“ 

Später erweitert er dieses ideologische Trio um den Buddhismus und den Taoismus, die „behaupten, die übermenschlichen Gesetze seien Naturgesetze und nicht das Geschöpf dieses oder jenes Gottes.“

In den Augen derer, die an Gottesgebote glauben, befleckt das den Liberalismus (und die anderen humanistischen „Religionen“) mit einer weiteren Erbsünde. Aus der Sicht der Gottesreligionen ist „Moral ohne Gott“[3] unmöglich. Liberalismus ist darum schiere Blasphemie. Das macht den Ausgangspunkt der Liberalen von der menschlichen Vernunft für religiöse Fundamentalisten zur schweren Sünde. Die fügt sich direkt an die erste Erbsünde an, hier liegt die Betonung aber nicht auf leidenschaftsloser Vernunft, sondern darauf, dass diese Vernunft rein menschlich ist und nicht geleitet von göttlichen Geboten. 

Verwirrend ist, wenn Harari sogar den Nationalsozialismus als „Religion“ bezeichnet und als „humanistische Ideologie“. Denn nicht der Mensch als solcher spielt darin die Hauptrolle, sondern der arische Übermensch, der nicht-arische Untermensch und das arische Volkskollektiv. David A. Noebel[4] stellt auch den Marxismus neben den Humanismus, betrachtet ihn nicht als Teil davon. Allerdings sah sich die DDR als Hort eines neuen Humanismus[5], der den Menschen von einer Obliegenheit der herrschenden Minderheit zur Sache aller mache, indem er die Reste feudaler Eigentumsverhältnisse aufhebe und den Menschen von Selbstentfremdung befreie. Dass dies heute noch von einigen Linken so gesehen wird, die meisten Menschen der DDR sich aber von den Folgen dieses „realen Humanismus“ zu befreien suchten, gehört zu den Treppenwitzen der Weltgeschichte.

Dennoch stimmen alle Formen des „Humanismus“ im Sinne Hararis in dem Glauben überein, dass der Mensch selbst die Quelle einer besseren Welt ist oder sein kann. Soweit dies ideologisch ohne Gott geschehen kann, erweckt das den Widerspruch der Gottesreligionen, besonders ihrer fundamentalistischen Anhänger. Obwohl es auch von islamischer oder jüdischer Seite heftige Kritik am gottlosen liberalen Humanismus gibt, beschränkt sich das Folgende zunächst auf die christliche Kritik, weil sie hierzulande leichter zugänglich ist und sich besser überprüfen lässt:

„Christliche Humanismuskritik wendet sich gegen den anthropozentrischen, als ‚weltlich‘ betrachteten Ansatz der humanistischen Modelle, der als unvereinbar mit dem christlichen Konzept eines auf Gott ausgerichteten Lebens angesehen wird. Christliche Kritiker des Humanismus missbilligen nicht nur die Glaubensferne, teils religionsfeindliche Haltung vieler Humanisten, sondern verwerfen auch den ‚christlichen Humanismus‘, in dem sie einen Versuch der Harmonisierung von Unvereinbarem sehen.“ [6]

Keiner hat sich in diesem Sinne rüder gegen den menschenzentrierten Rationalismus gewandt als Sardá y Salvany in seiner Hetzschrift „El Liberalismo es Pecado“ („Der Liberalismus ist Sünde“) aus dem Jahre 1884[7]. Die Sünde des Liberalen liege darin, dass der Liberale weder eine Autorität Gottes noch der Katholischen Kirche anerkenne, sondern allein die seiner eigenen Vernunft. Das sei Häresie! Und diese Häresie der Liberalen sei „die größte Sünde, die man im Codex des christlichen Gesetzes“ kenne: Der Liberale sei „sündhafter als ein Gotteslästerer, ein Betrüger, ein Ehebrecher oder Mörder“ (S. 20). 

Allerdings gebe es drei Arten von Liberalen: 1. den radikalen, der seinen Liberalismus „durch Brüllen“ bekunde, 2. den gemäßigten, der das durch vernünftige Reden tue, und 3. den armen „in den Liberalismus eingetauchte(n) Tropf“, der das mit „Seufzen und Gewimmer“ mache. Den ersten lähme seine Wut, den dritten mache sein „zwitterhaftes Wesen selbst unfruchtbar“. Folglich sei gerade der zweite, gemäßigte Liberale „der satanische Typus in hervorragender Weise. Er ist’s, der in unseren Tagen eine wahre liberale Verheerung anrichtet“ (S. 46). Gemäßigte Liberale bedienten sich der eigenen Vernunft am konsequentesten und gotteslästerlichsten. Vor allem mit ihnen sei jede Koexistenz von Liberalismus und Katholizismus ausgeschlossen: 

Von „allen Inkonsequenzen und Widersprüchen, welche man in den mittleren Abstufungen des Liberalismus findet, ist die widersprechendste und die gehässigste jene, welche nichts weniger als den Einklang des Liberalismus mit dem Katholizismus behauptet, um dasjenige zu bilden, was in der Geschichte der modernen Verirrungen unter dem Namen katholischer Liberalismus oder liberaler Katholizismus bekannt ist.“ (S. 22).

Das ist eine harte Absage an jedwede liberale Theologie[8], die sich in ähnlicher Form im liberalen Islam findet.[9] Extreme Anhänger des Islam kommen zum selben Ergebnis: Liberalismus und Islam sind unvereinbar. Für die Anhänger der Religionen kommen die Inhalte direkt von Gott. Sie sind folglich nicht „vernünftig“ diskutierbar, zumal sich diese göttlichen Inhalte der menschlichen Vernunft nicht vollständig erschließen.

Religionsgegner verbinden dies mit der Vorstellung der „Allmacht der Religion“, die keine Freiheit mehr erlaube.[10] Doch wie im Christentum gibt es auch im Islam liberale Gegenpositionen wie die von Mustafa Akyol in „Islam Without Extremes“.[11]

Sardás heutige Jünger sehen den Kern der Irrlehre des Liberalismus in der „selbstherrlichen und freudlosen Philosophie ihres metaphysischen Begründers Immanuel Kant“ und dessen Kategorischen Imperativ:[12]. Sie widerlegen damit zugleich die Behauptung, der Katholizismus habe dem Liberalismus nur „bis in die 1950er Jahre hinein heftigen Widerstand entgegengesetzt“[13]. Für sie sind Sardás Thesen aktuell.

Nach Kant bedingt die Erhaltung der Freiheit nicht nur die Freiheit des Einzelnen, sondern auch die Verantwortung gegenüber anderen. Diese ethische Forderung scheint auf den ersten Blick im Einklang mit der christlichen Ethik und dem Gebot „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“. Doch Kants rationale Begründungdieser „Sittlichkeit“ macht ihn für radikale Katholiken sogar zu einem besonders üblen Burschen. Denn er leite diese ethische Pflicht nicht aus einem göttlichen Gebot her, sondern er rufe die „Versklavung durch die menschliche Vernunft“ aus. Nach Kant müsse „der Mensch sittlich sein, nicht um eines göttlichen Gebotes willen, sondern aus Pflicht gegen sich und die Menschheit, die sonst ohne das harte ‚Du sollst‘ der Pflicht aus den Fugen gehen würde.“ Sein Kategorischer Imperativ der individuellen Vernunft zwinge den Menschen „unter das Joch seines eigenen Verstandes“.

Richtig ist: Der Mensch kann seine eigene Haut zu Markte tragen, sich im „Hamsterrad der Selbstoptimierung“[14] verfangen, sich zum „Spielball seiner Selbst“ machen, einem inneren Zwang zur „totalen Durchökonomisierung“[15] folgen, zu reinem „Humankapital“ werden. Insbesondere marktgläubige Ökonomen scheinen dem zu verfallen, heute etwa die „rundum- evaluierten“ Influencer im Internet, die dort im Wettbewerb mit anderen Influencern ihr Ich als Marke verhökern[16]:

„Wenn ich im Wettbewerb stehe, dann muss ich schauen, was macht die Konkurrenz: Ich muss mich abheben von den Mitbewerbern. Ich muss Alleinstellungsmerkmale entwickeln. Anders sein als die anderen und besser oder zumindest interessanter. Die Konkurrenten müssen aber das gleiche: Alle sind ständig damit beschäftigt in der Optimierung der eigenen Person … Ich hab keine klare Richtung mehr, wo ich mich hinoptimieren muss, sondern die Aufgabe, mich permanent neu zu justieren …“.

So tritt „an die Stelle des mündigen Intellektuellen … der wendige Entrepreneur“, dessen vermeintliche Freiheit durch den steten Zwang ersetzt wird, „sich an den potentiellen Abnehmern, den Kunden zu orientieren und an dem, was die Wettbewerber tun.“ „Unsere angebliche Freiheit ist an eine zentrale Bedingung geknüpft: Es ist unsere Pflicht, Erfolg zu haben, … “.[17] In der Folge kann die Verheißung unternehmerischer Freiheit zur Zwangsvorstellung werden, in der am Ende die Angst die Oberhand gewinnt: „Wenn du dich nicht genügend anstrengst, wenn du nicht deine unternehmerischen Fähigkeiten genügend entwickelst, dann wirst du abstürzen“.

Richtig ist daher: Der Mensch kann seine Freiheit und seine Vernunft verwenden, um sich selbst zu unterjochen. Fehlgebrauch und Missbrauch von Freiheit sind möglich. Und: Ohne Freiheit kein Missbrauch von Freiheit!

Ist individuelle Freiheit am Ende sogar gefährlicher als eine Schusswaffe und sollte man ihr Einhalt gebieten, weil der Freie sie gegen sich selbst richten kann? Sollte man dem Menschen deswegen seine Freiheit stehlen? Ist der (Neo-)Liberalismus der Verursacher dieses Missbrauchs, weil er Freiheit des oder der Einzelnen einfordert?[18]

Doch die individuelle Freiheit als ideologische Verführung des (Neo-)Liberalismus führt nicht zwangsläufig in die Sklaverei der Vermarktung des Ichs. Wenn jede Freiheit, die man jemanden zugesteht, zu dem Verdacht führt, er werde sich dadurch selbst oder andere schädigen, schließt man damit deren Nutzung und den Nutzen aus, der aus dieser Freiheit erwachsen kann. Man erstickt jede Kreativität im Keim.

Zudem bringt der ständige Blick auf den Kunden und den Wettbewerb keinesfalls die größten Markterfolge. Den größten Erfolg haben Produkte und Leistungen, von denen der Kunde gar nicht weiß, dass er sie sich wünschen konnte. Sie werden ohne Kundendruck entwickelt. Im Kleinen sind das Post-it Zettel, im Großen das i-Phone. Der Ressource-Based View zeigt entgegen dem Market-Based View, dass es für diese größten Erfolge sinnvoll sein kann, den Markt und die Vermarktung zunächst zu ignorieren und sein eigenes Ding zu machen. Der Pionier schafft Wege gerade dort, wo bislang für Wettbewerber und Kunden unbekannte Öde war. Er ist überraschend gut. Die Biographie von Steve Jobs gibt dafür ein beredtes Beispiel.[19]

Nirgendwo gibt es mehr Möglichkeiten, sein Ding zu machen, als in einer liberalen Gesellschaft. Vernunft gebietet dem Liberalen sogar, scheinbar vernunftfreie Ideen zunächst zu akzeptieren. Oft genug sind es gerade diese Ideen, auf denen sich Veränderung und Fortschritt gründen. 

Es gab kaum eine Zeit mit mehr Möglichkeiten als heute, sich in gesellschaftlichen Subsystemen zu engagieren und kreativ zu entfalten. Und es ist paradox, dass gerade diejenigen, die Selbstunterjochung und Selbstvermarktung in „neo-liberalen Gesellschaften“ rügen, auf dem Weg sind, sich davon zu lösen oder es bereits geschafft haben.[20] Selbsterkenntnis ist der Weg zum Bewusstseinswandel. Das zeigt, dass andere Wege möglich sind, gerade in einer liberalen Gesellschaft. Anders als in einer Zwangs-Gesellschaft, wie sie Rechten oder Linken vorschwebt, wo der Missbrauch kollektiver Macht an die Stelle des Missbrauchs individueller Freiheit tritt. 

Was wäre also die Alternative? Sicher nicht eine völkische Gesellschaft, in der die Leute ihr Mütchen kühlen, indem sie Jagd auf alles „Unvölkische“ machen. Vielleicht eine sozialistische Gesellschaft, die jede kreative Eigenleistung ideologisch genehmigen muss und jede nicht genehmigte erdrosselt? Eine Gesellschaft, die Freigeister drangsaliert und die Sensibelsten unter ihnen in den Suff treibt? Oder gar die sozialistische Kontrollgesellschaft Nordkoreas oder Chinas? Eine fundamental christliche oder islamische Gesellschaft? Was ist gravierender: der kollektive Missbrauch externer Macht und die Kontrolle in einem totalitären System oder der Verlust der Selbstkontrolle Einzelner in einer liberalen Gesellschaft? 

„Frei sein“, heißt für den Liberalen keinesfalls, frei sein von Selbstkontrolle. Im Gegenteil: „Frei sein“ heißt aus liberaler Sicht, die externe Kontrolle durch die interne Kontrolle des Einzelnen und seine Eigenverantwortung zu ersetzen.

Doch das ist nicht der Freiheitsbegriff von Sardás Jüngern. Bei Ihnen ist Freiheit, frei zu sein von Entscheidungszwängen und Verantwortung, von Gott geführt und in seiner Fürsorge und Macht geborgen. Das sind nicht Herausforderung und Risiko liberaler Freiheit, sondern das ist das Rundum-Sorglos-Paket eines fürsorglichen und liebenden allmächtigen Gottes.

Diese „Freiheit“ entsteht nur durch völlige Unterwerfung unter Gottes Willen, den man genau zu kennen glaubt, obwohl seine Wege unerfindlich sind. Dieser Gott beschützt und behütet, selbst wenn viele meinen, in persönlicher Not schon andere Erfahrungen gemacht zu haben. Doch nur wenn sich das Gottes-Kindbedingungslos führen lässt, kann es geistig sicher und frei sein von jeder Belastung. Das ist religiöse Freiheit von Entscheidung und Verantwortung statt liberale Freiheit zu Entscheidung und Verantwortung. (Neschle 84)

Noch ein weiterer Vorwurf wird der Philosophie Kants von Sardás Jüngern gemacht: „Wo das Leben nur aus Pflicht besteht, da ist für die Liebe kein Platz mehr“[21].

Das aber gilt für alle Gebote, weil alle Gebote Menschen in die Pflicht nehmen. Da macht die Herkunft des Gebotes von Gott oder von Menschen keinen Unterschied. Liebe lässt sich nicht befehlen, auch nicht durch göttliche Gebote. 

Warum aber beschert dann aus der Sicht dieser Jünger allein der Kategorische Imperativ eine „Armut an Freude“? Warum sorgt im Gegensatz dazu die „Verankerung unseres Tuns und Handelns in den göttlichen Geboten“ für „Wärme, Beschwingtheit des Gefühls, Freundlichkeit, Frohsinn, Liebe“ und warum kann dies allein „das Leben in den tausendfältigsten Formen verschönern und abwechslungsreich gestalten?“[22]

Würde dieser christliche Schwärmer für Gottgeborgenheit dasselbe auch von der Scharia behaupten? Machen sogar die Gebote der Scharia beschwingt und froh, weil sie von Gott kommen? Und das ganz ohne Musik?

Wer das verstehen will, muss es einfach glauben und sich von menschlicher Vernunft verabschieden, deren Sklave er angeblich durch die Aufklärung und die Philosophie Kants geworden ist. Wer sich zwangsläufig zum Sklaven seiner eigenen Vernunft und seiner selbst machen muss, kann nirgends (liberale) Freiheit finden. Mit solchen Vorstellungen wird Freiheit im Sinne des Liberalismus zur selbstwidersprüchlichen Absurdität. Freiheit scheint am Ende unmöglich: Entweder müssen wir „fröhliche Sklaven“ Gottes sein oder „freudlose Sklaven“ unseres Verstandes.

Der Wahlspruch der Aufklärung „Sapere aude!“ (Kurz: „Trau Dich zu denken!“) ist für religiöse Fundamentalisten ein Lockruf des Teufels. Ihnen hilft allein der feste Glaube: Folge Gottes Gebot und schalte Dein sündiges und hochmütiges Denken aus! Eigenständiges Denken macht Dich blasphemisch und unfrei. 

Doch wie hochmütig muss dann fundamental religiöses Denken sein, das sich anmaßt, Gottes Willen zu kennen, seine „unerfindlichen“ Wege zu verstehen, genauso zu denken wie Gott selbst und das Recht zu haben, dies anderen vorzuschreiben. –

Die zweite „Erbsünde“, menschlicher Verstand als Ausgangs- und Richtpunkt liberaler Philosophie belastet den Liberalen allein bei der Auseinandersetzung mit Anhängern der abrahamitischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Bei denen gilt der Liberale als „gottloser Geselle“. Dieser Konflikt wird derzeit vor allem von radikalen Christen und Muslimen ausgefochten. Bei religiösen Eiferern gibt es dieselbe Feindseligkeit allerdings auch gegenüber anderen „Humanisten“ im Sinne Hararis, also gegenüber Kommunisten oder Nationalsozialisten. 

Einer der radikalsten Anti-Liberalen und Anti-Demokraten, Alexander Dugin, ist orthodoxer Christ und hätte Europa gern zum russischen Protektorat gemacht.[23] Als „philosophischer“ Kopf der „Eurasischen Bewegung“ wendet er sich mit quasi religiösen Symbolen und in Koalition mit schiitischen Fundamentalisten gegen den Liberalismus der westlichen Welt, aber auch gegen Sozialismus und Faschismus. Seine „völkischen“ Ansichten tragen faschistoide Züge. Er bewegt sich jenseits aller vertrauten politischen Dimensionen. Einigkeit zwischen den unter ihm vereinigten Gegenpolen schafft seine antidemokratische und antiliberale Haltung.

Doch ist es wirklich unvereinbar mit dem Christentum, liberal zu sein? Dass die menschliche Vernunft nicht von Gott, sondern vom Teufel geleitet ist, mag man zwar bei Nationalsozialisten gerne glauben, aber bei Liberalen? Sollte die menschliche Vernunft von Gott kommen, welchen Sinn sollte ein Verbot haben, sie zu benutzen? Wenn der Mensch denkt und Gott lenkt, kann der Mensch ohnehin denken, was er will: Mit jedem seiner Gedanken beschreitet er einen von Gott vorbestimmten Weg. Warum sollte dieser Weg schlecht sein? Warum also sollte man diesen Weg verbieten? Ein gütiger Gott wird seinen Gotteskindern den Gebrauch der von ihm geschenkten Fähigkeiten nicht nur erlauben, er wird diesen Gebrauch sogar fordern, zum Wohle der Mitmenschen.

Für einen solchen Gott ist die Einhaltung seiner Gebote nur notwendige Rahmenbedingung, aber keinesfalls hinreichend. Hinreichend ist erst, wenn der Mensch über die negativ belegten Gebote („Du sollst nicht…“) hinaus Gutes tut. Allein für einen unsicheren und misstrauischen Gott, für den Fehlervermeidung wichtiger ist als die Schaffung von Gutem, ist die Einhaltung seiner Gebote notwendig und hinreichend. Sardás Jünger unterstellen das. Doch warum sollte ihr Gott so negativ sein?

Aber hat der Liberale überhaupt das Wohl seiner Mitmenschen im Auge? Zwar betrachtet der Liberale Moralität und karitative Solidarität als Privatsache[24], doch immerhin fordert er, andere und deren Meinung zu respektieren. Entspricht das nicht eher dem Gebot der Nächstenliebe als die Verteufelung der Liberalen durch selbsternannte Gottesversteher, die sich mit eitler Hybris zu dessen Vertreter auf Erden aufschwingen? Ist denn für sie die menschliche Vernunft nicht gottgeschaffen?

Sobald man gottgeschaffene Vernunft und nicht allein gottgeschaffene Verbote zulässt, scheint das Verhältnis von Religion und Liberalismus nicht mehr so widersprüchlich, wie religiöse Fundamentalisten es behaupten. Und was für Liberale gilt, das gilt auch für die anderen Versionen des „Humanismus“ bei Harari, sofern nicht Gottesleugnung selbst Teil ihrer Ideologie ist. Bei Liberalen ist sie das nicht. Das schließt nicht aus, dass dort mancher zum Agnostizismus oder gar zum Atheismus neigt, aber auch nicht, dass ein Professor einer katholischen Hochschule positiv über Liberalismus philosophiert, wenn auch abstrakt und nicht immer plausibel.[25]

Wie dem auch sei. Nationalsozialisten, vor allem aber Kommunisten neigen ideologiebedingt stärker zum Atheismus als Liberale. Sie würden sich jedoch viel mehr beleidigt fühlen, würden sie in anderer Hinsicht mit Liberalen in einen Topf geworfen, würde ihnen neben ihrem anthropozentrischen Weltbild auch ein egozentrisches Weltbild unterstellt. Denn im Zentrum ihres Weltbildes steht das sozialistische Kollektiv oder die völkische Gemeinschaft, nicht der Einzelne und seine individuelle Freiheit. Der Einzelne ist bei ihnen nur sozial verankerter Teil eines Kollektivs: der internationalen Arbeiterklasse oder Teil einer völkischen Gemeinschaft. So lautet daher auch ihr Vorwurf an den Liberalismus, dessen Zentralgestirn sei das Ich und die Egomanie. Ist es bei den Religiösen der Liberale als gottloser Geselle, so mutiert der Liberale hier zum egoistischen und verantwortungslosen Gesellen.


[1] Artikel „Freiburger Thesen“, https://de.wikipedia.org/wiki/Freiburger_Thesen. (4.12.19)

[2] Yuval Noah Harari, Homo Deus, Eine Geschichte von Morgen, 9.Auflage München 2017. Die folgenden Zitate ebenda S, 157 und 284.

[3] Vgl. Fiete Kalscheuer, Mehr Kant wagen, https://www.cicero.de/kultur/immanuel-kant-philosophie-liberalismus-aufklaerung. (19.12.2019)

[4] Vgl, David A. Noebel, Kampf um Wahrheit – Die bedeutendsten Weltanschauungen im Vergleich, Gräfelfing 2007.

[5] Vgl, https://de.wikipedia.org/wiki/Humanismus. (6.10.19)

[6] Ebenda.

[7] Vgl. Félix Sardá y Salvany, Der Liberalismus ist Sünde: Brennende Fragen. Deutsche Übersetzung von Ulrich Lampert nach der 7. Auflage des spanischen Originals 1884, Salzburg 1889. Man muss dieses Buch nicht kaufen oder ausleihen. Im Internet lassen sich das Buch oder Teile davon herunterladen. Und die Tiraden darin finden noch heute Unterstützer.

[8] Vgl. Liberale Theologie, https://de.wikipedia.org/wiki/Liberale_Theologie. (6.10.19) Kant selbst sieht das übrigens ganz anders: Vgl. Dazu Fiete Kalscheuer, Mehr Kant wagen, https://www.cicero.de/kultur/immanuel-kant-philosophie-liberalismus-aufklaerung. (19.12.2019)

[9] Vgl. https://de.wikipedia.org/wik i/Liberale_Bewegungen_im_Islam. (6.10.19).

[10] Vgl. Der Islam hat zivilisatorisch vollkommen versagt, https://www.welt.de/debatte/article13315630/Der-Islam-hat-zivilisatorisch-vollkommen-versagt.html.

[11] Vgl. dazu auch die Buchbesprechung von Daniel Issing, Islam und Liberalismus –Geht das Zusammen?, https://peace-love-liberty.de/islam-und-liberalismus-geht-das-zusammen/.

[12] https://katholischglauben.info/die-freudlose-philosophie-kants/. (6.10.19)

[13] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liberale_Theologie. (6.10.19)

[14] Philipp Lemmerich, Freiheit oder Liberalismus, Teil 2, Wie das Ich zu Markte getragen wird. https://www.deutschlandfunkkultur.de/freiheit-oder-liberalismus-2-4-wie-das-ich-zu-markte.976.de.html?dram:article_id=310802. (12.01.20).

[15] Vgl. dazu auch Harald Staun, Neoliberlismus, Das Gespenst der totalen Durchökonomisierung, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/neoliberalismus-das-gespenst-der-totalen-durchoekonomisierung-13874301.html. (15.01.2020)

[16] Vgl. das Zitat von Ulrich Bröckling bei Philipp Lemmerich, Freiheit oder Liberalismus, Teil 2, Wie das Ich zu Markte getragen wird. https://www.deutschlandfunkkultur.de/freiheit-oder-liberalismus-2-4-wie-das-ich-zu-markte.976.de.html?dram:article_id=310802. (12.01.20)

[17] Paul Verhaeghe zitiert nach Anja Kümmel, Sachbuch „Und ich?“ – Unsere vorgegaukelte Freiheit, https://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-01/paul-verhaeghe-und-ich. (14.01.2020)

[18] So Paul Verhaeghe, ebenda; kritisch dazu die Besprechung von  Anja Kümmel.

[19] Vgl. Walter Isaacson, Steve Jobs, die autorisierte Biographie des Apple-Gründers, 1. Auflage München 2012.

[20] Deutlich etwa bei Norbert Niemann, Neoliberalismus, Wo bleibt der demokratische Widerstand? https://www.zeit.de/kultur/literatur/freitext/neoliberalismus-widerstand-demokratie-marktwirtschaft. (22.01.20) Er prangert die „Ausschaltung kritischer Intelligenz im Dienst sogenannter Marktkompatibilität“ an, obwohl das nicht für ihn selbst gilt und er zugibt: Überall auf der Welt sitzen Idioten wie ich…“

[21] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liberale_Theologie. (6.10.19) 

[22] https://katholischglauben.info/die-freudlose-philosophie-kants/. (6.10.19)

[23] Vgl. EURASIEN UBER ALLES (Das Manifest der eurasischen Bewegung), http://www.4pt.su/de/content/eurasien-uber-alles-das-manifest-der-eurasischen-bewegung

[24] Vgl. dazu den Abschnitt „Politische Philosophie“ im Wikipedia-Artikel „Liberalismus“, https://de.wikipedia.org/wiki/Liberalismus. (22.03.20)

[25] Vgl. Heinz Theisen, Freiheit bewahren unter globalen Bedingungen –  warum Liberale heute konservativ sein sollten, https://www.nzz.ch/meinung/freiheit-bewahren-warum-liberale-heute-konservativ-sein-sollten-ld.1525710. (24.04.2020)

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