Neschle-Depeschle 14

Ausnahmetalente

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Für den kleinen Hunger zwischendurch: Der schnelle Einwurf in den Strafraum

We read the world wrong and say that it deceives us. (Rabindranath Tagore)

Was ist ein „Ausnahmetalent“?

1. Jemand, der sogar bei den Talenten eine Ausnahme ist? Zwingend auch eine (hyper-)positive? In der Hölle ist der Teufel selbst das Ausnahmetalent!

2. Jemand, bei dem Talent die Ausnahme ist? Viele Ausnahmetalente bleiben es schließlich ihr Leben lang und da fragt man sich – zum Podolski noch mal – warum?

3. Jemand, der Talent zum Ausnehmen hat?

a. Die Fischverkäuferin, die am schnellsten den Hering bratfertig macht?

b. Jemand, der seine Mitmenschen finanziell abzockt und ausnimmt? –

Neschle wird sich hier nur mit den 3b-Talenten beschäftigen, den Ausnehmern und Abzockern. Ausnahmsweise und ausnahmslos!

A. Scheinspielchen mit bizarren Spielscheinen

Ohne eigene Arbeit an das Geld anderer Leute zu kommen: nirgends ist der Mensch erfindungsreicher. Vieles ist dabei illegal, vom Taschendiebstahl bis zum Hütchenspiel im Fußgeläuf beliebter Touristikmeilen. Manches bewegt sich in der Grauzone, wie Schenkkreise oder andere Formen des Schneeballsystems. Doch direkt im Rampenlicht macht sich ganz legal längst die Abzocke breit. Das Ausnehmen über Telefongebühren! Alle machen mit, auch „Seriöse“. Neschles lokaler Radiosender fährt gerade auf dieser Masche: mit den Seriennummern von 10 Euro-Scheinen.

Wer die exakte Seriennummer hat, bekommt im Wechsel 100.000 Euro. Meldet er sich nicht „rechtzeitig“, gelten die letzten drei Ziffern. Da erhält man 100, 1.000 oder 10.000 Euro je nachdem, wie viele der Ziffern am richtigen Platz auf dem Geldschein sind. Es gibt allerdings einen Haken:

Man muss mit seinem Anruf durchkommen und der zehnte Anrufer sein! Jeder Anruf kostet 50 Cent aus dem Festnetz, mehr vom Handy. Da das Spielchen auf mehreren lokalen Sendern läuft, kommt etwas zusammen an Anrufen. Eine Bekannte versicherte Neschle, man käme nicht durch. Die Leitungen litten unter chronischer Verstopfung (med. Obstipation). Sie hatte es mehrfach versucht und dafür über Gebühr Gebühr bezahlt. Also massig, massig mehr als zehn Anrufe! Und fast immer werden nur 100 Euro gewonnen. –

Man kann sich nur ausmalen, was da an Geld zusammenkommt. Ausrechnen kann man es nicht. Das Ausmaß der Abzocke bleibt im Verborgenen. Beim Lotto kennt man die Quote. Da trägt der Haifisch die Zähne offen im Gesicht. Hier aber sieht man das Messer der Ausnahmetalente(3b!) nicht. Man kann vermuten, dass die Gewinnquote mehrfach niedriger liegt und die eingenommenen Gebühren ein Vielfaches der Preisgelder betragen. Mit dem Fünffachen sei man da an der unteren Grenze trug ein Insider Neschle zu. Also deutlich schlechtere Erwartungen als beim Lotto. Aber die Leute erfahren nichts darüber, machen mit und lassen sich ausnehmen. Berthold Brecht empfahl, für den „Ausnahme-Fall“ eine Bank zu gründen, Neschle empfiehlt das Telefonspielchen. Alles völlig legal!

Doch seien wir ehrlich! Können wir überhaupt ausgenommen werden, wenn wir alles freiwillig tun und es eigentlich wissen müssten? Betrügen wir uns in Wahrheit nicht selbst und werfen anderen Betrug vor? So wie im Zitat zu Beginn dieses Beitrags? – Ein Freund von Neschle ließ sich von einem Hütchenspieler (und dessen Komplizen) ausnehmen, obwohl er es eigentlich wusste. Voll Scham berichtete er: Ich wollte einfach nicht glauben, dass mir das passieren kann. – Diagnose: Selbstbetrug, die häufigste Form des Betrugs überhaupt! Neschle wollte es bei sich nicht so weit kommen lassen. Er rief nicht bei seinem Lokalsender an!

B. Transparent sind nur die Doppel D-Körbchen

Ein Vorstadium dieser frag(e)losen Abzocke hatte Neschle jüngst bei einem privaten Fernsehkanal in Augenschein genommen, denn hier wurde noch eine Art Quiz-Frage gestellt. Ermüdet vom Alltag hatte Neschle den letzten Teil der Trilogie „Herr der Ringe“ auf dem Seniorensender ZDF über sich hinwegrieseln lassen. Das Ende hatte er allerdings verpasst. (Aber wer kann schon im Zeitalter der ständigen Werbeunterbrechung das Wasser noch so lange halten?)

Frustriert zappte Neschle noch einmal durch das Restprogramm und blieb stehen, wo er sonst achtlos wegzappt: Im DSF sah er ein Ausnahmetalent. Das war weiblich, quietschblond und üppig D-formiert. Ihre beiden großen Formen waren durch Fliegengitterstoff eines Quellbikinis dürftig verschleiert. Es fiel ihr sichtlich leicht, bumsfidel eine schlüpfrige Proletensinnlichkeit auszufunzeln.

Diese vollgeformte Verführerin verstand es aber anscheinend, Leute mit ihrer saublonden Strotzigkeit zu kostenpflichtigen Anrufen zu verführen. Nicht durch lachhaft brutale Befehle wie „Ruf mich an!“, sondern so: „Das ist doch nicht möglich, dass keiner den Fehler sieht! Liebe Leute, nun erlöst mich doch!“ Und dick eingeblendet 2.000 Euro, die dem Entdecker des Fehlers winkten.

Der Fehler war aber nicht die Sendung selbst oder die Tatsache, dass man ihr zusah. Der „Fehler“ war angeblich ein Unterschied zwischen rechtem und linkem Foto, das hinter ihr eingeblendet war. Er war klein, sprang aber Neschle sofort ins Auge: In einer Boxengassen-Szene beim Autorennen fehlte bei rechten Bild eine Fahne in der Zuschauergalerie. Die kleine Fahne links hob sich deutlich gegen den hellblauen Himmel ab. Sie war selbst für jemanden zu sehen, dessen Blick sich ab und an (an) die Rundungen der bloßblonden Bettlerin heftete.

Trotzdem rief niemand an und befreite das Rapunzel mit einer warmen Antwort von ihren 2.000 Euro, für die sie sich rappelnackt ins Kalte stellte. Die Zuschauer ließen sie zitternd auf die Antwort warten. Sankt Martin hatte nur den halben Mantel hingegeben und wurde damit schon zur Dauerlegende. Diese arme Bettlerin aber schien frieren zu müssen, damit die Zuschauer sich weiter an ihrer überquellenden Üppigkeit erquicken konnten.

Vorerst interessierte sich auch der hartherzige Neschle nicht mehr für das Schicksal der nudelnackten Nepperin, sondern zappte auf die Dart-Weltmeisterschaft bei der Konkurrenz. Um die nötige Bettschwere zu tanken, ließ er die Pfeile einige Zeit dahinfliegen. Doch vor der Dart-Entscheidung und ehe sich Müdigkeit einstellte, kam Werbung. Grund genug, zum Ausnahmetalent im DSF zurückzuschalten.

In zwanzig Minuten war sie noch kein Bisschen weiter gekommen, außer natürlich beim Ausnehmen der Anrufer. Noch immer hatte scheinbar niemand den „Fehler“ bemerkt. Oder er war eben „leider“(?!) anrufmäßig nicht bei ihr gelandet. Nun bedauerte sie, dass die Sendung in Kürze zu Ende sei und dass sie das Geld bedauerlicherweise nicht auszahlen könne, falls nicht einer mit der richtigen Antwort anriefe. Wieder und wieder flehte sie darum, jemand möge sie von ihrem kalten Schicksal erlösen. Ein Anruf genüge! Wie viel der kostet, sah man unten eingeblendet: 50 Cent aus dem deutschen Festnetz. (Doch das hatten wir ja schon beim Lokalradio!)

Dann war noch zu lesen, welche Anschlüsse freigeschaltet waren. Das waren viele, doch bei weitem nicht alle. Und auch die mussten dauerhaft verstopft sein. Kein Wunder, wenn der Anrufer da nicht durchkam, selbst wenn er die Antwort wusste. Er musste es eben nochmals versuchen, bis er eine offene Leitung traf. Das gelang über Stunden nicht einem einzigen. Und Neschle war davon nicht einmal überrascht.

Hätte es nämlich wirklich einer geschafft, dann nur gegen den Willen der Sendungsmacher. Das ausnehmende Talent hätte dann nicht gewusst, was es machen sollte. Ein „Danach“ war offenbar nicht geplant, jedenfalls erzählte sie nie davon. Sie flehte nur wiederholt und ging Neschle damit so auf den Keks, dass er wieder die Dart-Pfeile vorbeifliegen ließ.

Als die Entscheidung beim Dart gefallen war, kam das Sandmännchen zu Neschle. Der konnte sich aber einen letzten Blick auf das vollgeformte, durchmodellierte Busenwunder nicht verkneifen: Bei ihr stand die Zeit still. Es gab immer noch 2.000 Euro für denselben „kleinen Fehler“ und Neschles blinde Mitseher hatten das Rätsel noch nicht gelöst. Oder sie hatten dauerhaft und über Stunden das „Pech“, nicht zu ihr durchzukommen. Das war Neschle zu fad; er schaltete ab und ging schlafen. Denn wer glaubt, wird selig, wer nicht glaubt, sollte wenigstens selig schlafen.

C. Ein Auto für Millionen

Hier geht es nicht um Ferdinand Porsche und dessen Idee, mit dem VW-Käfer (Kraft-Durch-Freude-Auto) ein Auto für Millionen (von Menschen) zu schaffen. Die Frage ist: Wie kann man mit einem einzigen Auto ganz legal Millionen verdienen? Das ist selbst beim Papst-Auto nicht geglückt! Aber beim Autogewinn in der Sportschau da ist das möglich. Wechseln wir also vom DSF vollends ins „Seriöse“, zur ARD!

Bei deren Telefonquiz in der Sportschau bewegen sich die Fragen auf dem Niveau: Wer war deutscher Meister 2007: 1. VfB Stuttgart; 2. Real Madrid? – Bei Real Mallorca könnte man ja noch zögern, aber bei Real Madrid? – Alle Antworten sind von der Qualität: Es sollen möglichst viele anrufen. Denn jeder Anruf kostet oder bringt etwas, je nachdem auf welcher Seite des Hörers man sitzt. Hier kommt auch jeder durch, denn jeder Anruf zählte und den Preis bekommt am Ende nur einer. Der Preis ist ein Mittelklasse-Auto. Doch dessen Wert liegt ein unbekanntes Vielfaches unter dem, was die Anrufe einbringen. Denn hier sind es zumindest hunderttausende.

Warum aber meckert der ansonsten liberale Neschle daran herum? Die Leute rufen doch freiwillig an, so wie bei seinem Lokalsender! – Also was stört den Neschle?

Jede Ware muss ausgezeichnet sein, vor allem und gerade, wenn sie nicht ausgezeichnet ist. Beim Lotto kann jeder in Erfahrung bringen, welche Erfolgswahrscheinlichkeit er hat und welchem Erwartungswert er seinen Einsatz opfert. Bei den Telefonspielchen ist all das völlig unklar. Selbst im Nachhinein liegt darüber der dunkle Mantel des Schweigens. Das ist selbst bei der ARD-Variante so. Bei den anderen beiden kommt noch etwas hinzu:

Das Verfahren bei der Nichtannahme der Anrufe, beim Nichtdurchkommen, ist für die Anrufer komplett undurchsichtig. Was würde der Lottospieler sagen, wenn seine Annahmestelle seinen Spielschein nicht annimmt und dies gerade dann tut, wenn er die richtigen Zahlen enthält? Was „richtig“ und was „falsch“ ist, weiß hier nämlich die „Annahmestelle“ im Vorhinein. Sie kann daher durch ihr Verhalten die Quoten manipulieren:

Die Hauptgewinn-Geldscheine hat Neschles Radiosender unter „notarieller Aufsicht“ in den Verkehr gebracht. Aber diese Aufsicht erstreckt sich nicht auf die Entgegennahme der Anrufe? Für den Hauptgewinn wird den Anrufern nur kurze Zeit gelassen. Da muss ich die Leitung nur kurz verstopfen; beim Rest kann ich „den zehnten ‚richtigen’ Anruf“ gezielt auswählen und von Zeit zu Zeit jemanden 100 Euro gewinnen lassen. Die abgewiesenen Anrufer und die gewonnene Attraktivität als Werbemedium entschädigen sogar noch für diese „Tricks“.

Niemand kann sich zudem eine Vorstellung von der „Lotterieeinnahme“ machen und ihrem Verhältnis zum Gegenwert. In der Fernsehabzocke fällt das direkt auf. Über Stunden kommt kein Anruf mit der richtigen Lösung durch? Doch im Ergebnis ist das beim lokalen Radiosender nicht anders.

Wollen wir das? Brauchen wir das? Sollten wir nicht auch die Doofen und die Selbstbetrüger ein wenig schützen vor der verlogenen Telefonabzocke? Schließlich neigen doch alle Menschen ein wenig zum Selbstbetrug. Denn was der Mensch wünscht, hält er allzu leicht für Wahrheit. Auch Fußballfans von Schlusslichtern wetten daher allzu leicht auf den Sieg ihrer Mannschaft! – Neschle lässt sich von lullenden Lokalsendern und nudelnackten Nepperinnen zwar nicht betrügen. Aber diejenigen, die diese Welt nicht lesen können, sind wirklich betrogen, wie beim Hütchenspiel, wie beim Schneeballsystem. Anders als bei Lotterien mit transparenten Quoten und durchsichtigen Losverfahren ist das legitimierter Taschendiebstahl bei unbedarften Bürgern und Selbstbetrügern. Fies und unseriös! Aber so machen es mittlerweile ja auch die „Seriösen“. Neschle gefällt das jedenfalls nicht!

Der blonde Busen-Bomber aus dem DSF hat Neschle zu einem Gedicht inspiriert, obwohl sie selbst nicht gerade ein „Gedicht“ war:

Neschle der ist richtig böse,

denn heut’ treiben auch Seriöse

mit den Dummen böses Spiel

und das alles mit dem Ziel,

sie um Euros zu betrügen,

scheu’n sich nicht dabei zu lügen.

Sie stellen Dummen leichte Fragen,

so kann dann ein jeder sagen,

dass er wohl die Antwort hätte,

schon gewinnt er diese Wette.

Nur ein Anruf muss noch sein,

dann stellt sich das Glück bald ein.

Fünfzig Cent kostet er nur,

schnell gewählt und mit Bravour

hat man diesen Preis gewonnen,

doch das Glück ist schnell zerronnen,

Leider ist das Ziel besetzt

und man hat „umsonst“ gesetzt.

Doch das ist nicht „kostenlos“,

denn die machen das doch bloß,

um Geld zu schneiden aus der Börse,

durch Zuschauers Achillesferse:

Gläubigkeit und Selbstbetrug

bringen Einnahmen genug.

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