Leon Neschle 47 (37. Woche 2008)

Let’s KISS, KISS, KISS!

In character, in manners, in style, in all things, the supreme excellence is simplicity. (Henry Wadsworth Longfellow)

Lass es uns einfach halten! Alles! Einfach einfach! So einfach wie nur eben möglich! Richtig simpel! Auch für Einfältige erfassbar. Intuitiv und lösbar! – „Keep It Simple and Stupid!“ heißt das Motto für Exzellenz und Exzellenzen! –

So gesehen sind die meisten technischen Geräte und Computerprogramme grottenschlecht. Sie sind von Technikfreaks, die es nicht einfach machen können oder wollen, für Technikfreaks geschaffen, die sich an Komplexität erfreuen oder gar aufgeilen, weil die ihnen den Status der Exklusivität sichert.

So gesehen ist aber auch deutsche Verwaltung alles andere als exzellent. Sie ist nicht einmal ex-elend. Sie ist laufendes, nein feststehendes und fest stehendes Elend. Jedes weitere Gesetz stürzt uns tiefer dort hinein! Lasst uns zusammenstehen gegen diese „Eruption der Bürokrater“ (Leon Neschle 24)!

A. Warum sind einfache Dinge kompliziert?

So fängt die Geschichte an: Ein älterer Herr ist auf der Suche nach einer Pflegehilfe und fragt Neschle, ob es für ihn günstig ist, diese in einem 400-Euro Job einzustellen. Ernst fügt er hinzu: „Du hast doch studiert. Du bist Professor. Du musst das wissen.“

Neschle bedeutet, da müsse er kapitulieren,nur weniger manierlich: „Einen Scheißdreck weiß ich! Heute lohnt es sich doch gar nicht mehr, sich mit einem solchen Thema zu befassen. Außer man ist gerade direkt davon betroffen. Eben meint man noch etwas zu wissen, da haben sich die Dinge wieder geändert.“

Warum all das? Sehen wir es einmal ein wenig „schräg“ und doch recht geradlinig:

Viele Menschen verdienen heute gerade an der Beherrschung und der Auflösung der Komplexität. Die sind offenbar daran interessiert, dass Komplexität geschaffen und erhalten wird. Das sind auf beiden Seiten, beim Verwalter und beim Verwalteten, die Juristen. Unsere Ministerien und Finanzämter kennen faktisch ein Juristenmonopol, selbst im Wirtschaftsministerium oder der technischen Verwaltung. Wut

Während in den Unternehmungen technikverliebte Entwickler in die Schranken der Wirtschaftlichkeit gewiesen werden, dürfen die Juristen in den Ministerien ihrem Hang zum Regelungsperfektionismus schrankenlos frönen. Da werden Orgien penibler Regulierungswut gefeiert, da werden besoffen von Paragraphenprasserei widersprüchliche Regelungen in die Welt gesetzt, da wird Regulierung mit unbeirrtem Überfluss übertrieben und durch Änderungen alles im Fluss gehalten. Intensive Regelungsaktivität und Gesetzeshuberei gelten als Zeichen von Reformwillen und Fleiß.

Einfachheit und Rechtssicherheit sind die Opfer dieser orgiastischen Ordnungsausschweifungen. Der Bürger kennt die Regeln nicht mehr, versteht sie noch weniger und kann ihre Änderungen weder nachverfolgen noch ihnen nachfolgen. –

Bleiben als Menschen, die an Regelungskomplexität verdienen: Beamte, Verwaltungsangestellte und Steuerberater. Beamte und Angestellte stehen als Menschen auch auf der anderen Seite, so wie der Leiter eines Finanzamts. Der legt seit Jahren mehrfach Einspruch gegen seine eigenen Steuerbescheide ein, schreit aber nie.

Dieser Komplexität hat er die „Größe“ seines Finanzamts zu verdanken. Neschle hat diesen Mann kennengelernt und sich gefragt, ob eine solche Haltung ein Zeichen sozialer Verantwortung und Zivilcourage ist. Ergebnis negativ! Wenn ich selber sehe, was faul ist im Lande und dieses Land zugleich vertrete, müsste ich mich unwohl fühlen in meiner Haut und mich aktiv um Besserung bemühen. .–

Können diese Leute in den Veraltungen nicht etwas anderes arbeiten, statt sich selbst und ihren Mitmenschen durch Beamtentrödel die Freizeit zu versauen?

Seit Maschinen für uns Menschen die Produktion in menschenleeren Fabriken übernehmen, seitdem selbst die Nahrungsmittelproduktion industrialisiert abläuft, haben wir nichts anderes mehr zu tun als Arbeitsplätze zu schaffen, um die weggefallenen zu ersetzen. Überall wird das gefordert: auf der Straße wie in den Propagandareden der Politiker. Mit dem Ziel, sich selbst und anderen so viel Arbeit zu machen, dass möglichst „viele Arbeitsplätze“ daraus entstehen.

Weil aber das Schaffen von Arbeitsplätzen mit „nützlicher Arbeit“ immer schwieriger geworden ist, versucht man es schon seit langer Zeit gezielt mit völlig „unnützer Arbeit“. Die hat den Vorteil, dass sie beliebig vermehrbar ist.

Nun glaubt heute fast jeder, dass das Reinigen des Gehsteigs mit der Zahnbürste niemandem mehr zuzumuten ist. Deshalb wird „unnütze Arbeit“ auch fast allein durch Bürokratie erzeugt. Gerade das entlässt jedoch die schlecht Ausgebildeten in die Arbeitslosigkeit und dauerparkt sie dort. Für Bürokratiearbeit braucht man nämlich eine gute Ausbildung. Über den Beamtendreikampf (Knicken, Lochen, Abheften) hinaus: Man muss Lesen und Schreiben können.

Solche Bürokratiearbeitsplätze werden seit jeher staatlich gefördert und mit Steuermitteln subventioniert. Man kann sogar sagen, dass Bürokratiearbeit die weitaus meisten staatlichen Subventionen bekommt. Sie ist der permanente und klassische Subventionsfall, den jedoch kaum einer als solchen erkennt.

Aus dem Subventionsmarathon ist der „süße Brei“ der Arbeitsplatzvermehrung geworden, der überkocht in die gesamte Republik und den Betroffenen so viel Arbeit macht, dass sie sogar in ihrer „Freizeit“ dafür leben und arbeiten müssen. Alles für den guten Zweck, anderen Zeitgenossen einen Arbeitsplatz zu verschaffen. Die gestalten ihrerseits fast selbstlos ihre Freizeit damit, um weitere Menschen mit Arbeitsplätzen zu versorgen. Das Schaffen von Arbeitsplätzen in der Bürokratie und für die Bürokratie ist die bedeutendste Freizeitbeschäftigung in Deutschland geworden, weit vor dem Sport, der Hobbygärtnerei oder gar dem Lesen zusammenhängender Texte.

In dieser Welt hat eigentlich nur noch der Arbeitslose Freizeit neben einer geregelten Arbeit. Der Arbeitslose arbeitet während der Arbeitszeit der anderen, indem er deren Formulare ausfüllt und die besucht, denen er durch seine Arbeitslosigkeit einen Arbeitsplatz verschafft hat. Der Arbeitende macht dagegen in seiner Freizeit das, was der Arbeitslose in seiner Arbeitszeit macht: Arbeitsam fügt er sich Behördenwahn!

So hat also nur noch der Arbeitslose Freizeit in der Freizeit, während die Arbeitenden arbeitsplatzschaffende Formulare in ihrer Freizeit ausfüllen und freizeitarbeiten. In seiner Freizeit kann nur noch der Arbeitslose alle Viere fahren lassen oder auch alle Viere von sich strecken und nur einen fahren lassen. Alle anderen schaffen und sichern Bürokratiearbeitsplätze durch ihre Freizeitaktivitäten.

B. Überflüssige Beispiele für beispiellosen Bürokratieüberfluss

Neschles Freizeitarbeit hat sich in den letzten Jahren merklich erhöht und Neschles Freizeit ist geschrumpft, um neue Arbeitsplätze in der Bürokratie zu schaffen. Die werden den Standort Deutschland noch von allen produktiven Zwängen befreien:

  • Neschle macht die Steuererklärung für seinen Vater, der mit seinen über 90 Jahren dazu nicht mehr in der Lage ist. Früher mussten Rentner faktisch keine Steuererklärung abgeben, von Großverdienern mal abgesehen. Heute dagegen nennt die Boulevardpresse über 2.000.000 Rentner in Deutschland „Steuerhinterzieher“, weil sie keine Steuererklärung abgegeben haben. Wie viele davon wohl arglos, weil sie das vorher nie tun mussten?Wer, glauben unsere Politiker, macht diese Steuererklärung für alle, die nicht dem Werbe-Bild des „rüstigen und selbständigen Rentners“ entsprechen? – Die Söhne und Töchter in ihrer Freizeit oder eben keiner, weil diese älteren Leute es nicht mehr können. Unser Staat kriminalisiert so immer mehr arglose, bürokratisch handlungsunfähige Rentnerinnen und Rentner.Demnächst sollen Steuererklärungen nur noch Online möglich sein. Heißt das nun, entweder machen 95-jährige einen Computerkurs oder sie werden zu Steuerhinterziehern?

    Entmündigen? Welche ein Schwachsinn! Diese Leute finden sich mit klarem Verstand im Alltag immer noch gut zurecht, nur nicht im über-bürokratischen, sich ständig komplizierenden Steuermilieu, in dem eine staatliche Denkverwirrung die nächste jagt. Entmündigen müsste man daher eher den Gesetzgeber:

    Neschle wartet noch auf den ersten Prozess, in dem eine Hundertjährige vor den Kadi gezerrt wird, weil sie Steuern hinterzogen hat. Dann erkennen wir vielleicht die bürokratische Pervertierung unserer Gesellschaft ohne jegliche „Achtung vor dem Alter“.

    Warum hatten die Leute in Politik und Verwaltung früher eigentlich mehr Verstand als es einen solchen Unsinn nicht gab, jedenfalls nicht in solcher Dosierung? Sind wir schon Opfer der „Generation Ober-Doof“?

  • Viele Leute haben erhebliche Mühe, sich daran zu erinnern, wann ihre Steuererklärung vom Finanzamt das letzte Mal fehlerfrei bearbeitet wurde. Das gilt vor allem für Selbständige. Da ist kaum ein Steuerbescheid mehr im ersten Anlauf richtig. Ständige Einspruchsverfahren belasten Bürger und Finanzämter. Die werden von den Finanzämtern aus Zeitmangel immer willkürlicher beschieden, was entweder Frust mit diesem Staat oder Prozesse vor den überlasteten Finanzgerichten erzeugt. Denn da erfahren erst die Erben, ob der Steuerpflichtige Recht hatte oder nicht.Bei den Selbständigen geht all dies zu Lasten der Freizeit, beim Staat schafft es neue Arbeitsplätze, die wiederum zu Lasten der Freizeit der Selbständigen gehen, weil die Bürokratie sich selbst zu beschäftigen weiß. Daher empfinden Finanzbeamte diese Lage bei weitem nicht als so schlimm wie die Selbstständigen.Aber glaubt etwa irgendein verständiger Mensch, dass Herr Stoiber in Brüssel daran etwas ändern wird? Hat schon jemand etwas von den heldenhaften Taten dieses Bürokratievereinfachers gehört? Der kann nicht einmal einfache Gedanken klar formulieren und der soll unsere Bürokratie vereinfachen? Wer glaubt, dass man in 10 Minuten direkt vom Münchener Hauptbahnhof abfliegen kann, kann sich auch sicher keine Vorstellung davon machen, wie viel Zeit für unnütze Bürokratie verpulvert wird.

    Für Selbständige gibt es zudem fast keinen Steuerbescheid mehr, der „ohne Vorbehalt“ erlassen wird. Alles ist „vorläufig“ und ohne Planungssicherheit. Jeder neue Fiskalprozess, z.B. über die Abziehbarkeit von Steuerberatungskosten, liefert einen neuerlichen Grund dafür, weil Klagen der Bürger über Jahre anhängig sind. Statt aber im Wahnsinn der galoppierenden Regelungsinflation innezuhalten, wird mit neuen Gesetzen fleißig „verschlimmbösert“: „Reformiert“ wäre dafür so schief wie die Nase eines Boxers.

    Wie aber kommt unser Staat überhaupt dazu, bei der Komplexität, die nicht einmal seine Finanzbeamten auch nur einigermaßen beherrschen, dem Bürger den Abzug von Steuerberatungskosten zu verweigern. Welche Dreistigkeit! Erst macht man die Regelungen so komplex und umfangreich, dass die Leute gar nicht mehr anders können als entweder ihre gesamte Freizeit mit dem Hobby Steuerrecht zu verbringen oder sich professionellen Beistand zu suchen. Dann versagt man ihnen den Abzug von Steuerberatungskosten! Was sollen denn ältere Rentnerinnen ohne den Beistand eines Beraters tun, in einer Welt, in der demnächst Online-Erklärungen gefordert sind, wobei eine rechtlich und wirtschaftlich undurchdachte Rechtsflickerei die nächst ablöst?

    Die Nichtabzugsfähigkeit der Steuerberatungskosten ist selbst ein Bespiel dafür. Natürlich gilt sie nur teilweise, so dass wieder Fragen der Aufspaltung nach der Daumenregel entstehen, womit erneut Einsprüche und Rechtsstreitigkeiten absehbar sind, was wiederum den Schrei nach mehr Behördenplätzen laut werden lässt.

    Die Steuerpflichtigen müssen zudem bei steuerlicher Abzugsfähigkeit den großen Teil der komplexitätsbedingten Mehrkosten selbst tragen. Nur durch Abzüge der Beratungskosten von der Steuerschuld (oder Erstattung der Beratungskosten) übernähme der Staat die volle Haftung für den von ihm angerichteten Regelungswirrwarr. Nun aber streicht er sogar die steuerliche Abzugsfähigkeit „privat veranlasster“ Beratungskosten, wie immer man die von anderen trennen mag. Damit erklärt er die „staatliche Veranlassung“ der Bürokratiekosten zum „privaten Problem“ der Bürger. Wie pervers ist das denn bitte? –

  • Viele Arbeitnehmer freuen sich merkwürdigerweise darüber, wenn sie im nächsten Jahr Geld vom Fiskus zurückerhalten. Sie sollten nachdenken und sich darüber ärgern: Dieses Geld haben sie nämlich zu früh und zu viel an den Fiskus abgeführt. Das kann sich rächen!Wem nämlich die Steuererklärung als Arbeitnehmer zu kompliziert wird, und das sind immer mehr Leute, der macht sie erst gar nicht mehr und verzichtet auf Geld, das nach Recht und Gesetz ihm gehört. Auf „Recht und Gesetz“ wird von Seiten des Fiskus immer mehr geschissen, weil die steigende Komplexität des Rechtsgewusels Menschen immer häufiger daran hindert einzufordern, was ihnen nach eben diesem „Recht und Gesetz“ zusteht. Je einfacher ein Mensch, umso verarschter! Von seinem Staat und dessen Bürokratiegewusel.
  • Die Zahl der Vorschriften, die ständig kompliziert werden, um neue Arbeitsplätze in der Bürokratie zu schaffen (Wer spricht da noch von „unnötig“ kompliziert?), steigt in allen Lebensbereichen. Und die Verwaltung wird dümmer und renitenter. Ein jüngstes Beispiel aus Neschles Erfahrung:Da geht eine seiner Töchter in den USA zweimal zum Arzt und bekommt für die kurze Untersuchung jeweils eine Rechnung von 15 Euro, die zusammen mit dem Zahlungsbeleg zur Rückerstattung eingereicht werden. Neschle erhält jedoch beide amerikanischen Arztrechnungen zurück mit der Bitte, sie für die Sachbearbeitung zu übersetzen. Auf beiden Rechnungsbelegen (wohlgemerkt über jeweils 15 Euro) steht klar lesbar der Befund in der lateinischen Bezeichnung, wie sie in der Ärztesprache üblich ist. Fast jeder Laie hätte diese Krankheitsbezeichnungen gekannt, aber der „Verwaltungsprofidame“ hatte wohl die Anweisung, sich alle ausländischen Rechnungen vom Einreicher übersetzen zu lassen, um den Einreicher zu malträtieren oder solche Ansprüche, wenngleich rechtmäßig, dennoch abzuwehren.Neschle war versucht, eine falsche Übersetzung zu liefern. Für 30 Euro war es ihm aber zu müßig. Anders als der Bürokratenstute, die ja nicht wie Neschle ihre Freizeit für solchen Schmarren ver(sch)wenden muss. Allein Neschles Arbeitszeit in der Freizeit (einschließlich der Postgebühren) war bereits mehr wert als die anteilige Erstattung der 30 Euro. Welcher Wahn, welcher Witz?

    Läppische Formfehler des Antragstellers bei immer komplexeren Vorschriften werden immer häufiger vorgeschoben, um sachgerechte Erstattungen zu verweigern oder zu verzögern. Welche Kosten für welche Medikamente erstattet werden, ändert sich im Rhythmus von Kinoprogrammen und Varieteevorstellungen. Alles wird nur anders, nicht besser! Und der Rhythmus wird kürzer.

    Das Ganze ist eine riesige „Freizeitindustrie“, die statt mit Entspannung und Vergnügen unser Leben zu verzaubern, es mit Stress und Verdruss belastet und jeden in diesem Lande nervt, einschließlich derer, die dieses „Vergnügungsgeschäft“ aktiv betreiben. Dass die an anderer Stelle selbst Opfer sind, vermag Neschle nur wenig zu trösten. Denn sie sind es die an der Quelle sitzen, sie könnten sich am ehesten kümmern, aber es kümmert sie nicht.

    Und das soll jetzt der Stoiber ändern, der selbst Wahn und Witz ist!? Haben wir schon gemerkt, dass wir täglich erleichtert werden? Ja sicher werden wir erleichtert (macht der Staat immer gerne bei denen, die viel leisten), aber nicht von Bürokraterei. Noch ein Beispiel aus einem anderen Feld gefällig:

  • Im Rechnungswesen wurde vor etwa 50 (!) Jahren im letzten Jahrtausend eine Regelung zur Verwaltungsvereinfachung eingeführt. Geringwertige Wirtschaftsgüter unter 800 DM sollten sofort abgeschrieben werden dürfen, ohne komplizierte Überwachung der Jahresabschreibung. Dieser seit Jahrzehnten gültigen Grenze würde heute sicher ein Wert von 5.000 Euro entsprechen. Aber wo bleibt die Idee der Verwaltungsvereinfachung, wenn die Grenze heute noch bei 410 Euro liegt. Die Grenze für Bußgelder im Straßenverkehr wurde inzwischen mehr als fünfmal erhöht. Ein Referentenentwurf im Bundesfinanzministerium sah vor kurzem sogar eine Kürzung (!!!) auf 60 Euro vor. Das hätte Bürokratiefutter gegeben und Bürokratiehengste und Verwaltungsstuten zum Wiehern gebracht!Künftig soll – man höre und wundere sich nicht – die Sache nun „bundesdeutsch vereinfacht“ werden: Ab 2008 gilt die Sofortabschreibung nur für Gegenstände unter 150 Euro. Und nun wieder etwas Neues: Darüber und bis 1000 Euro müssen die Wirtschaftsgüter in einen jahrgangsbezogenen Sammelposten eingestellt werden, der über 5 Jahre abzuschreiben ist.Es laufen also nach 5 Jahren immer 6 Positionen parallel. Bei einer Sofortabschreibung bis 1000 Euro gäbe es dagegen nur eine einzige Position. Dabei sind 1000 Euro kaufkraftmäßig immer noch deutlich weniger als die großzügigen Erfinder der Regelung sich das vor fünf Jahrzehnten gedacht haben, um die Bürokratiehengste im Zaum zu halten.

    Wer aber denkt sich solche neuen „Vereinfachungen“ aus? Die gehen natürlich auch zu Lasten vieler Steuerzahler, sind also heimliche Steuererhöhung. Denn einige der hier erfassten Gegenstände haben bislang nur betriebsgewöhnliche Nutzungsdauern von 3 oder 4 Jahren.

    Und wer scheißt eigentlich solchen Leuten ins Hirn, wenn sie danach dummdreist von einer Bürokratieentlastung sprechen? Entlastung im Vergleich wozu? Zum Größsten (oder Gröbsten) Anzunehmenden Bürokratie-Unsinn (GABU)? Solche Vergleiche findet man immer! Aber immer weniger, denn so weit vom GABU sind wir gar mehr entfernt.

    Der Bürokratiezer-Stoiber wird das nicht einmal bemerken, geschweige denn für eine Änderung sorgen. Mit welchen Kompetenzen ist er denn ausgestattet, in rechtlicher und persönlicher Hinsicht? Nutzen darf man da nicht erwarten!

Es könnte hier bei Neschle über Seiten hingehen über die ständige Meldungen beim Kindergeld, über Einkommensnachweise bei Kindergartenbeiträgen bis hin zu Anträgen bei Schwerbehinderung (die neuerlich selbst bei geistiger Behinderung nicht vor Steuererklärungen schützen). Niemand scheint wirklich ein Interesse an Vereinfachung zu haben, viele aber an Verkomplizierung, auch um eigentlich unnütze Arbeitsplätze zu schaffen und – natürlich ohnehin – sie zu erhalten.

Die Bürokratie versteht es immer wieder, selbst da zu komplizieren, wo der Gesetzgeber die Formalarbeit erleichtert hat: Für haushaltsnahe Dienstleistungen gibt es seit 2006 ein steuerliches Abzugsrecht für Arbeitsleistungen. Dafür müssen deren Kosten von denen für Material getrennt werden. Für 2006 gab es aber für Unternehmer keine getrennte Ausweispflicht. Folglich mussten die Finanzämter schätzen! Die taten es meist so, dass sie den Arbeitskostenanteil extrem niedrig einschätzten.

Der Steuerpflichtige war deshalb gezwungen, den von ihm beschäftigten Unternehmer nachträglich für 2006 um eine Aufschlüsselung der Kosten zu bitten, obwohl diese für diesen Zeitraum noch gar nicht vorgeschrieben war. Das Mittel der Bürokratie: Der gezielte Angriff auf den Geldbeutel des Steuerpflichtigen. Schätzte der den steuerlich abzugsfähigen Wert der Arbeitskosten auf 50%, setzte das Finanzamt provokativ lächerliche 10% (für Arbeitskosten in Deutschland!!!) dagegen.

Schon war beim Steuerpflichtigen erzwungen, was der Gesetzgeber gar nicht vorgesehen hatte. Für ihn entstanden zusätzliche Umstände und erhöhte Kosten für Einsprüche, Telefonate und Steuerberatung. Die Unternehmung musste eine neue Rechnung ausweisen nach Vorschriften, die gesetzlich erst für das Folgejahr galten. Keiner in der Steuerverwaltung machte sich einen Kopf um dieses ungesetzliche Wuchern der Bürokratie.

Doch kommen wir zurück zu dem, was diesen Artikel ausgelöst hat: dem Wunsch des alten Herrn nach einer Pflegehilfe.

C. Ein guter Rat und/oder Du drehst am Rad

Also der arme Neschle war mit dem Wunsch des älteren Herrn konfrontiert, eine Pflegekraft nach Recht und Gesetz einzustellen und er wusste nicht, was zu tun war. Nun sind Männer für ihre Hilfsbereitschaft bekannt: Bei hübschen jungen Damen spielen sie liebend gern und aufopferungsvoll den barmherzigen Samariter, der dem gefallenen Mädel wieder aufhilft. Doch dies war ein anderer „Fall“!

Nach einem karitativen Anfall schaute Neschle ins Internet. Da fand er verschiedene und sich zum Teil widersprechende Informationen. Den Umgang mit Internetinformationen erschwert eben manchmal die Tatsache, dass fast sämtliche Informationen nicht mit Datum gekennzeichnet sind und alte Informationen ein Beharrungsvermögen jenseits des Trägheitsgesetzes zeigen.

Was war nun richtig? Ein wenig konnte man sich nach der Quelle und deren Glaubwürdigkeit richten. Doch da erwies sich alles als nicht so einfach, wie es die Zeitungen schildern. Vor allen nicht für einen Neunzigjährigen.

Also rief Neschle seinen eigenen Steuerberater an mit der Bitte um Hilfe. Der aber bat um Vergebung. Bei der Komplexität des Steuerrechts und seiner mit heißer Nadel gepatchworkten Änderungen müsse die Steuerberatung sich längst spezialisieren Kurz und schlecht: Er gestand ein, dass er von dieser „einfachen Sache“ keine Ahnung habe. Aber es gebe jemanden in seiner Kanzlei, der werde sich mit mir in Verbindung setzen und mir ein „aktuelles“ Formular zusenden. Das tat „sie“ dann auch per Fax und Neschle leitete das Formular an den älteren Herrn weiter.

Als Neschle ihn Wochen später wieder traf, hatte er seine Pflegkraft immer noch nicht eingestellt. Er käme mit diesem Formular nicht zurecht, behauptete er. Und überhaupt könne er nicht übersehen, welche Folgen das Ganze für ihn habe. Da er dummerweise einem Gesetz treu sein wollte, das ihn so schlimm vorführte, unterließ er die Einstellung der Pflegekraft, die er eigentlich dringend benötigte. So bleibt er bis zum heutigen Tag „ungepflegt“. Das aber wird diesem immer gepflegt auftretenden Herrn mit zunehmendem Alter sicher zu schaffen machen. –

Schickt ihn doch ins Altenheim! Dann ist das Ganze kein Thema mehr! – Aber wenn er partout nicht hin will? Und wo bliebe seine Selbstbestimmung, seine Würde? An die Würde älterer Menschen rühren wir mit unserer Verwaltungskomplexität und auch mit dem Ansinnen, künftig Steuererklärungen nur noch Online zu akzeptieren. Wollen wir Greisinnen und Greise vor den Kadi zerren, weil sie das nicht mehr können, was eine gedankenlos mechanische Bürokratie von ihnen verlangt? Wollen wir sie zwingen, ihren Kindern die Arbeit aufzuhalsen? Was ist, wenn sie keine Kinder haben?

Die zunehmende Verwaltungskomplexität schafft jede Menge Arbeitsplätze. Mancher Dummdeutsche bekommt allein schon dabei glänzende Augen und hält das für erfolgreiche Beschäftigungspolitik. Dass dies zumeist „unnütze“ Arbeitsplätze sind, stört ihn wenig, weil er gar nicht merkt, dass er dafür über die Steuer zur Ader gelassen wird. Und was ist wenn wir am Ende nur noch uns selbst verwalten: „Geld kann man nicht essen“ sagen manche, aber wer weiß das schon von Formularen?

Die „unnützen“ Arbeitsplätze werden technisch-organisatorisch so rationalisiert, dass man jede Dummheit noch effizienter umsetzen kann. Die interne Rationalisierung der Verwaltung erzwingt aber wiederum zur Erhaltung der Arbeitsplätze das Ausdenken neuer Komplexitäten für die Verwaltung und den Bürger und so weiter.

Die Verwaltung denkt zudem nur an effizientere interne Abläufe. Der externe Bürger wird dagegen als willfähriger und williger Behörden-Lieferant betrachtet. Er wird zu größeren Ineffizienzen gezwungen, wenn diese und er nur treu der Verwaltung dienen. Staatsdiener ist mittlerweile eben nicht der Beamte, sondern der Bürger. Der Staat sind nicht mehr wir, sondern die „bürokratische Macht“ seiner Verwaltungsbeamten in den Ämtern und der Angestellten in den Versicherungen.

Die Hippy-Bewegung hat Liebe gegen Gewalt empfohlen. Neschle ist für KISS gegen Bürokratengewalt. Neschle hat schon gegen die „Eruption der Bürokrater“ (Leon Neschle 24) geschrieben. Er hat einen weiteren Tipp: Erst wird immer nach der absolut einfachsten Lösung gesucht. Ist die festgestellt, bedarf jede Abweichung davon einer nachvollziehbaren Begründung, die umso ausführlicher sein muss, je komplexer die Lösung ist. Vereinfachungen bestehender Regelungen werden hoch prämiert, die Erhaltung bestehender Komplexität muss dagegen jährlich vorm Parlament verteidigt werden. Für die Durchsetzung einer komplexeren Lösung reicht nicht mehr die einfache Mehrheit.

Da werden wir sehen, wie schnell die Regelungen einfacher werden, wenn auch noch die Vorschläge in Leon Neschle 24 beachtet werden. Die gegenwärtige Komplexität rührt schon an die nach dem Grundgesetz unantastbare Menschenwürde (vor allem bei älteren Menschen) und sie verbreitet Dauer-Frust in der Gesellschaft[1].

Keep it simple, keep it stupid!

Warum machst da nicht auch Du mit?

Deutschland sperrt sich, Deutschland wehrt sich,

die Verwaltungsarbeit mehrt sich.

Und in diesem Unverstand,

ist Deutschland einig Vaterland.

Kann da wer nicht mehr mitmachen,

hat er auch nichts mehr zu lachen.

Nur wer bürokratieversiert,

der wird nicht kriminalisiert.

Alte Rentner in den Knast,

sie sind der Bürokraten Last.

Doch da kommt einer, welch ein Held,

dem solch’ Bürokratie missfällt.

Er wird ausmisten und auch säubern,

den Bürokratenurwald „stoibern“.

Die Bürokraten wird’n erzittern,

wenn sie den Stoiber auch nur wittern.

Wie man hier sieht, so wird mit Macht

dem Bürokraten Dampf gemacht.

Was kann man mehr entgegensetzen,

als Stoiber gegen die zu hetzen.

Ihr werdet’s sehn, er wird gewinnen,

es sei denn, dass wir einfach spinnen.


[1] Vor einer Woche noch erzählte Neschle jemand, in seiner Firma sei ein komplexes Computerprogramm mit dauernden Komplikationen durch ein gut funktionierendes ersetzt worden. Frust und Flucherei hatten augenblicklich ein Ende. Das Betriebsklima hellte sich auf, die Leistungen wuchsen, so dass man es mit den Händen greifen konnte. Sorgen wir doch für eine solche Stimmung auch in Deutschland. Konjunktur und Wirtschaftsstandort werden aufblühen.

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