Neschle-Depeschle 7

Warum gibt es im Tee-Punkt Tih-mohbail? Was sind eigentlich Fla-trate?

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Für den kleinen Hunger zwischendurch: Der schnelle Einwurf in den Strafraum

Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge. (Arthur Schopenhauer)

Schopenhauer ist gerade mal lange tot und schon geht der Trend gegen ihn. Jetzt heißt es: „Man brauche ungewöhnliche Worte und sage gewöhnliche Dinge“. Wichtigtuer drücken sich heute englisch aus, selbst wenn ihre eigene Sprachdecke dünn und kurz ist. Doch ausgerechnet in einer Profession, wo Englisch „Amtssprache“ ist, scheiden sich Experten und Pfuscher darin, ob sie „Rechner“ sagen wie die Experten oder „Computer“ wie die Pfuscher, wozu zweifellos auch Neschle gehört.

Es mag ja diese Verwirrung sein, die eine große deutsche Telefongesellschaft zu einer Sprachmixtur sondergleichen verführt hat. Da ist es kein Wunder, dass der Service dort der reinste Wirrwarr ist. Doch Sprachwirrwarr herrscht nicht nur bei Telefondiensten. Selbst in „höchst ehrenvollen“ akademischen Kreisen gibt es die aka-dämlichsten Auswüchse.

A. Man kennt Fil-trate, Ni-trate, Ti-trate und Kas-trate. Doch was sind Fla-trate?

Ein älterer Herr nahe den Neunzigern fragte Neschle vor ein paar Tagen: „Sag mal, was sind eigentlich Fla-trate!“ Neschle war einen Moment verwirrt und der ältere Herr schob als Beweis seiner Bildung nach, dass er Fil-trate, Ni-trate und Kas-trate, ja sogar Ti-trate kenne. Aber das Wort „Fla-trate“ finde er nirgendwo in seinem Lexikon. (Auch bei Neschles programmgemäßer Rechtschreibprüfung fällt das Wort „Flatrate“ rot unterschlängelt durch. „Neschle“ übrigens auch, doch das ist kein Wunder!)

Neschle rang um Fassung. Darauf wäre er allein nie gekommen. Er sagte dem alten Herrn behutsam – wie es sonst nicht immer seine Art ist – es handele sich dabei um eine „Flätt-räht“, was wörtlich übersetzt eine „Flach(e)-Rate“ ist. Das brachte den alten Herrn allerdings nicht weiter.

Das sei „in“, ergänzte Neschle, nicht nur dem Worte, sondern auch der Sache nach. „Flatrate“ sei eine Pauschalzahlung. Jedes zusätzliche Telefongespräch sei bei einer Flatrate kostenlos. Man könnte es „Pauschale“ nennen, dann würden es auch Rentner verstehen. Aber die sind nicht die Zielgruppe für die Flatrate. Für diese Zielgruppe, meinen offenbar die Werbefuzzis, klingt „Pauschale“ zu verstaubt, eben nach Rentner.

„’Für nur 15 Euro im Monat kostenlos telefonieren’ sagen sie im Radio“, meinte Neschle. „Für 15 Euro kostenlos?“ reduzierte der ältere Herr das auf den sprachlichen Kern und war einen Moment sprachlos angesichts solcher Dummdödelei. Er habe auch etwas von „Fla-trate Parties“ gelesen, kam der ältere Herr erneut ins Geschäft, ohne seinen Sprachgebrauch in „Flätt-räht“ zu ändern.

„Die gibt es. Aber da bekommt man keine Fla-trate, sondern man zahlt eine Flätt-räht und bekommt dafür so viele Getränke wie man gar nicht mehr möchte“. (Neschle vermied ganz bewusst das Wort „Drinks“.)

„Ist das nicht dieses ‚Koma-Saufen’“, legte der ältere Herr nach. Da war er wieder in der richtigen Begriffschiene, denn trotz „Flatrate Party“ sagt niemand „Coma Drinking“ or „Coma Boozing“. Letzteres klingt zwar im Englischen derb genug, aber zu niedlich für deutsche Ohren. „Koma-Saufen“ fordert da schon mehr Opfer. Hier konnte Neschle den alten Herrn also inhaltlich und sprachlich zu bestätigen:

„Heute gibt es Gleichberechtigung. Jedem und jeder seine oder ihre ‚Flatrate’: Was Koma-Saufen für die jungen Männer, das ist Koma-Quatschen für die jungen Damen. Beides ist gleichermaßen sinnlos, wird aber durch die Flatrate gefördert, die mittlerweile unser ganzes Leben inflatriert. Man hat ja bezahlt und dann geilt der Geiz, denn die Gespräche sind ‚kostenlos’ und daher immer häufiger auch umsonst.“

– Jau, jetzt ist der alte Macho Neschle wieder „politisch unkorrekt“. Das mit dem „Koma-Quatschen“ der Mädels hätte er nicht sagen dürfen. „Telefonitis“ hätte „voll gereicht“. … Aber Leute: Erstens war es ein Gespräch unter Männern und wir haben nur gelauscht. Und zweitens: Was ist der letzte Männersport, seitdem die Mädels Fußball spielen oder boxen statt Halmich (oder Halma?) zu spielen? – Angeln! Da werden wir demnächst aber auch jede Menge Mädels sehen. Auf Entzug! Nachdem sie aus dem Quatsch-Koma erwacht sind. –

Angefangen hat das alles mit „all inclusive“ und bunten Plastikbändchen am Armgelenk. Seitdem man diese Peinsmale nicht mehr tragen muss, ist daraus die Flatrate geworden. Aber genau so wie bei dem „all“ von „all inclusive“ muss man bei der „Flachrate“ darauf achten, was hier alles „flach“ liegt und was nicht. Bei dem „all“ kann es sein, dass man den Sekt oder die zweite Flasche Wein separat bezahlen muss. „All“ heißt eben nicht immer „alles“, sondern „alles, außer …“. Das kennen wir aus der „Praktiker-Werbung“: „Zwanzig Prozent auf Alles, außer Tiernahrung!“

Bei der Flatrate beim Telefonieren ist das so wie bei Neschles Bauch. Da ist alles flach, außer … . Ja außer Gespräche in dieses oder jenes Mobilfunknetz, außer Auslandsgespräche und überhaupt alles außer Außer. Wie das „Außer“ Neschles Bauch fett macht oder den Kohl (und dessen Bauch), so macht das Außer trotz Flatrate die Telefonrechnung fett. „Flach“ ist eben relativ im Tarifgebirge.

B. Nach Tele-Koma bei den Tele-Komikern.

Neulich war Neschle einmal im Tee-Punkt. Ach, was heißt hier einmal. Er und seine Ex-Verlobte waren insgesamt neunmal da (in Zahlen 9x). Sie wollten ihren Tarif ändern auf die neue Flatrate (Man ahnt ja jetzt, was das ist!). Nach neun Besuchen dort und einem Besuch vom Service-Techniker funktioniert es immer noch nicht richtig mit t-online (sprich: „tea-online“, für Deutsche „tih-onnlein“), aber beim zehnten Mal müssten wir im Tee-Punkt einen Tee ausgeben.

Neschle hat sich gefragt, warum es „Tee-Punkt“ heißt quasi als Gegenstück zum Kaffee-Punkt bei Tchibo. Im Tee-Punkt findet man nur „Tea“ entweder als „mobile“ oder neuerdings wieder als „online“. Neschle findet „tih-mohbail“ doofer als „Tee-mobil“ und „tih-onnlein“ doofer als „Tee auf Draht“. Aber so richtig doof ist nur die Mischung zwischen „Tee“ und „Tea“ am Tee-Punkt.

Neschle hat vor kurzem Mozarts „Entführung aus dem Serail“ gesehen in einer Version wie sie auf der Roadshow[1] einer Bank präsentiert wurde, übrigens auch in Paris. Da wurde die Entführung in eine Bank verspielt. Auf der stand oben „Banque de Serail“. Unten war zunächst „closed“, später „open“ zu lesen. Das fand Neschle ähnlich doof wie draußen „Tee-Punkt“ und innen „tih-onnlein“ und wie vermutlich die Franzosen in Paris.

Die Tele-Komiker treiben es in ihrem Tee-Punkt mit Tea-online und Tea-mobile aber noch viel toller mit der Sprachverwirrung. Neschle bekam mit dem neuen Tarif zwei neue Identifikationsnummern, eine ad rem für den Anschluss, eine ad personam für Neschle. Das verstand sogar er. Dann aber kam es. Sowohl in den Unterlagen als auch in den Gesprächen war der Phantasie zur Bezeichnung dieser beiden Nummern keine Grenze gesetzt.

Neschle fühlte sich erinnert an die samstäglichen Fußballübertragungen, bei denen es den Reportern immer zu langweilig ist, „Ball“ zu sagen. Also ziehen sie vom „Leder“ (Wo doch längst keines mehr dran ist!) oder spielen mit dem „Spielgerät“, wenn alle Sprachmedizin versagt sogar mit der „Pille“.

Während man da immer weiß, was gemeint ist, ist man sich nicht sicher, ob „Kennung“ dasselbe ist wie „Identifikationsnummer“. Schließlich kennen die am Tee-Punkt eine „Anschlusskennung“ und eine „persönliche Kennung“ und z.B. die „PIN-Nummer“. Die müsste eigentlich „PI-Nummer“ heißen, weil das „N“ schon für Nummer steht. Aber bei „PI-Nummer“ käme man wohl auf falsche Gedanken!?

Neschle hat damals sieben verschiedene Bezeichnungen für die beiden Nummern gelesen und gehört. Man soll ja seinen Text durch die Wortwahl spannend machen! Doch mit den zentralen Begriffen muss man langweilen!!! Für zwei entscheidende Zahlen darf es nur zwei Wörter geben und nicht sieben, bei denen sich keiner mehr entscheiden kann, welches Wort welche Zahl meint. Literarisch kann man zwischendrin sein. Man soll es sogar, um nicht zu langweilen.

Als Neschle zum sechsten Mal in seinen Tee-Punkt kam, fragte er sich, warum dieser Laden immer so brechend voll war, dass die Leute bis zur Tür standen. Er erkannte einige Gesichter und so fragte er laut aus reinem Wissensdurst, wie man die Neugier mit Abitur nennt: „Wer von Ihnen ist in derselben Angelegenheit heute das erste Mal hier!“ Voll schmunzelnder Verzweiflung überboten sich die Anwesenden gegenseitig: „Drei!“, „Fünf!“, „Ich biete sieben!“, „Ich acht!“, „Und ich zwölf!“. Jetzt weiß Neschle, wie Telekom-Mitarbeiter versuchen, ihre Arbeitsplätze zu sichern. Wie sagt man doch vom Arzt: Der lebt am besten, wenn er seine Patienten in der Schwebe zwischen Leben und Tod hält. Bei der Telekom ist dies das Tele-Koma. –

C. Wir verleihen die Ehrenpromotion. Es geht auch aka-dämlich.

Am 29.März 2007 sah Neschle an einer Universität ein Hinweisschild: „Verleihung der Ehrenpromotion an Univ.-Prof. Dr. -Ing. habil. ….“ mit der Angabe der Raumnummer und zwei Pfeilen. Neschle hat mit seinem Handy gleich ein Photo gemacht.

Neschle wusste immer schon, dass man einen Doktorgrad, Doktortitel oder gar die Doktorwürde „verleiht“. Denn unter unangenehmen Umständen kann man die Leihfrist beenden und den „Doktor“ zurückfordern. Was Neschle bislang nicht wusste: Man kann offenbar auch eine „Promotion verleihen“, zumindest eine Ehrenpromotion.

Klar ist, dass man „einer“ Promotion etwas verleihen kann, sogar eine gewisse Würde. Das ist die Erotik des Akademikers. Aber „die Promotion“ ist ein Akt, eine Handlung. Die verleiht man ebenso wenig wie seine Frau oder seiner Frau sein Auto, wobei Neschle das Letztere häufig tut. Aber „Verleihung einer Ehrenpromotion“? Das hört sich verdächtig danach an, als solle viel Arbeit auf andere verlagert werden!

Na ja, es war ein Inschenjöhr. Von Ingenieuren sagt man ja, sie wären schon welche, bevor sie wüssten, wie man es schreibt. Vielleicht erklärt das, warum Ingenieure so viele Ehrendoktorbezeichnungen haben, die vom sonst üblichen h.c. (honoris causa) abweichen. Ingenieure werden in der Regel Doktor ehrenhalber, abgekürzt entweder „eh“ oder „e.h.“ oder „E.h.“[2]. Das ist filmreif: ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun’.

Hat da jemand mehrere Ehrendoktortitel mit verschiedenen Bezeichnungen, weiß er nämlich kaum noch, was er tun soll. Ist es nur dreimal „h.c.“, dann ist es einfach. Es heißt: „Dr. h.c. mult.“. Es gibt aber vielgeehrte Zeitgenossen, die lassen selbst nach mehreren Ehrwürdigungen das Spaßen nicht. Die nennen sich „Dr. Dres. h.c.“. Nun ist allerdings „Dres.“ die Abkürzung von „Doctores“ und damit sind mehrere Doktoren gemeint. Als Menschen, nicht als Titel; also etwa die „Dres. Müller und Meier“.

Ergebnis: Wer sich als „Dr. Dres. h.c.“ bezeichnet, klont sich selbst. Das ist „verbales Ehrenklonen“. So aka-dämlich kann man selbst als mehrfacher Ehrendoktor sein.

Was will man da sonst an Sprachfähigkeit erwarten? Wie soll ein normal begabter Mensch noch eine verständliche Bedienungsanleitung schreiben können?

D. Je flacher das Hirn, umso flacher die Rate: Neschle wird nachtragend.

Eigentlich wollte Neschle nur über Sprache sprechen. Doch wegen des Sauf-Koma-Todes eines Jugendlichen trägt er der Party-Flatrate auf Flatrate-Parties etwas nach. Betriebwirtschaftlich dürfte es Flatrate-Parties, so scheint es, gar nicht geben. Denn hier gibt es erhebliche Quersubventionen. Diejenigen, die wenig trinken, zahlen für die mit, die sich zu Tode saufen. Warum tun sie das?

Neschle hat nur eine Erklärung: Sie nehmen als Gaffer an einem Sauf-Spektakel teil, an dem sie sich selbst zugleich moralisch überhöhen. Hat sich auf der Autobahn einer totgefahren oder will einer vom Dach springen, werden solche Leute von der Polizei verjagt. Hier können sie ungestört zusehen, wie sich einer totsäuft. Und sie können etwas Spannendes erzählen nach dem Motto: „ Zu Hause glaubt mir das wieder kein Schwein!“ Weil sie selbst nicht spannend genug sind, lassen sie sich ihre Spannung von anderen machen. Diese Gaffer tragen Mitverantwortung für den Alkohol, den sie den saufenden „Koma-ntschen“ spendieren.

Aber warum machen Wirte das? Bei nicht verursachungsgerechter Preisstellung müssten sie sich damit eigentlich aus dem Markt kalkulieren (siehe Depeschle 1). Warum geschieht das nicht? Zum einen wegen des „Zusatznutzens“ der Gaffer (s.o.), zum zweiten wegen ihrer hohen Fixkosten und geringen variablen Kosten der Wirte, zum dritten wegen natürlicher Saufbarrieren und der Saufgrenze „Koma“. Spätestens beim Kom(m)a ist der Punkt erreicht, wo der Engländer von „Fullstop“ oder von „Foolstop“ spricht. Neschle meint: Dieser Punkt ist auch für die im Koma liegenden Staatsorgane erreicht. Die Staatsleber sollte hier mal richtig reinigen, bevor sie selbst vergiftet ist von solchen Infil-traten wie Fla-trates.

Was also sind Fla-trate? Hier sind es: Unflätige Flatulenzen im Kopf von Gastronomen. Kurz, der Furz! Im Hirn!

Ein flacher Geist war einst der Pate

als man gebar das Wort „Flat-Rate“.

Denn es gab ja schon einmal

ein kleines Wörtchen, na? „Pauschal“!

„Pauschale“ kannte schon die Oma,

nun säuft (quatscht) man sich ins Koma.

(Und nun der Folgeteil:)

Ob dummes Schwein, ob dummes Huhn,

die Flatrate hat damit zu tun.

Denn dafür kann man sich heut’ kaufen

endlos zu quatschen und zu saufen.

Ach wären wir am Ende bloß

die doofen Flatrate-Parties los.

(Die Ursache der Folge:)

Was ist das für ein Lebenszweck,

sich vollzusaufen in den Dreck.

Und was ist hier der ganze Reiz,

es ist der ganz offenbar der Geiz.

Man säuft (quatscht) nur weiter, weil

man denkt, die Welt glaubt, „Geiz ist geil!“


[1] „Roadshow“ ist keine „Straßendarbietung“, wie man denken möchte. Es ist eine auswärtige Werbeveranstaltung, mit der man Geld für einen Investitionszweck einwerben will. Sie findet nicht auf der bronxigen Straße statt, sondern meist im vornehmen Inneren von Repräsentationsgebäuden.

[2] Vgl dazu auch das indiskutable Machwerk eines gewissen Elschen, der Neschle auf den Kopf stellt, veröffentlicht unter dem nichtswürdigen Titel „Promivieren in Ehren kann niemand verwehren – oder doch?“ In: Thomas Meuser, Promoviren, Zur Behandlung promotionaler Infekte und chronischer Doktoritis, 2., völlig infizierte Auflage, Wiesbaden 1994, S. 211 – 224.

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Eine Antwort auf „Neschle-Depeschle 7“

  1. Hallo Neschle,

    man könnte auch an eine ‘extended version’ denken, die Kommentare einbezieht: “tih-mohbail” hat eine “Mobil-Box”, auf die der Anrufer spricht, also eine “tih-mohbail Mobil-Box”. Sind wir nicht schon alle ein wenig “Bluna”? Und zwei Versionen der “PI-Nummer” könnte man auch mal hinschreiben: “Passwort” und “Kennwort”. Ist doch klar, dass alle Wörter dasselbe meinen! Oder? Nicht einmal allen im Tee-Punkt ist das klar.
    Herzliche Grüße
    Geheimer Eichkater

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