Leon Neschle 43 (21. Woche 2008)

Formel 1 ersetzt Straßenverkehr

Das Schiff hat Schlagseite. Wir können es nur wieder aufrichten, wenn wir alle auf dieselbe Seite gehen 😉 (Willi Entenmann, Ex-Trainer des VfB Stuttgart)

Neulich in Düsseldorf: Eine Diskussion unter Bankern über die Subprime-Krise. Neschle hatte in zwei Essays schon eine ganze Kollektion von Ursachen dafür genannt (Neschle 33 und 41). Die wurden dort zum Teil erwähnt. Aber die Übertragung der Krise nach Deutschland wurde durch weitere Ursachen ergänzt, die auf intimen Kenntnissen beruhen: „Da kommen die Verträge an mit drei Ordnern ‚Allgemeine Geschäftsbedingungen’. Auf Englisch! Ja meinen Sie, die liest einer hier durch? Wir vertrauen da den amerikanischen Kollegen und den Rating-Agenturen.“ Oder: „Wer hebt denn in Deutschland den Finger und fragt nach? Da gibt man sich die Blöße, vom modernen Banking nichts zu verstehen. Modernes Banking ist für die meisten von uns identisch mit dem amerikanischen. Da denkt keiner mehr nach. Aber das ist in der Wissenschaft doch nicht anders. Auch die ist ja völlig amerikanisiert.“ Fast hätte Neschle noch hinzugefügt: „Was aus den USA kommt, wird hier doch gefressen wie Hamburger aus den Donald-Stuben“(Neschle 36).

Neschles akademischer Lehrer hatte diese Praxis schon vor Jahrzehnten gegeißelt mit den Worten: „In Treue fest den Blick nach West und nur nicht selber denken!“ Dennoch hat sich heute eine ganze Horde von Wissenschafts-Lemmingen aus Deutschland auf den Weg gemacht, genau das zu tun: Nicht zu denken und sich nichts dabei zu denken! Das große Problem beim Nichtdenken ist jedoch, dass man nie weiß, wann man damit fertig ist. Und so geht es weiter und weiter.

A. Amerika, Du hast es besser!

Den Vorwurf des Bankers über die Amerikanisierung der Wissenschaft beantwortete ein Kollege mit der Aussichtslosigkeit, heute noch einen anderen Weg zu gehen. Wer in unserem Fach in einer der Top-Zeitschriften veröffentlichen will, der muss sich auf dem Weg in die USA machen und sich den dortigen Standards, Riten und Gebräuchen unterwerfen. Jedes Spiel ist da ein Auswärtsspiel, wo die Amerikaner Heimrecht haben. Nicht wenige behaupten, dass die das nutzen, um ihren Zeitschriften einen gehörigen home bias zu geben.

Die exklusive Gesellschaft der amerikanischen Gutachter beansprucht, den Bittstellern aus anderen Ländern ihre Maßstäbe aufzudrängen. Wer sich nicht fügt, wird abgelehnt. Dabei führen durchaus nicht alle Gebräuche der amerikanischen Wissenschaft auf den Pfad der höheren Erkenntnis. Doch ist die Zahl der Gläubigen in aller Welt, die sich durch keineRealität belehren lässt, so groß, dass für eine Änderung amerikanischer Gepflogenheiten gar kein Grund besteht.

Das geht so weit, dass man in Deutschland nur noch dann wissenschaftliche Karriere machen kann, wenn man den Gutachterprozess amerikanischer Zeitschriften erfolgreich überstanden hat. Wer bei uns Karriere macht, entscheiden nicht mehr wir selbst, sondern die amerikanischen Gutachter. Diese Entscheidung haben wir abgetreten. Und so stehen wir da ohne eigenen Arsch in der Hose. Den haben die dort und wir sind es.

Das wissen unsere Nachwuchswissenschaftler und begeben sich daher auf den amerikanischen Weg. Zweifel kommen nicht auf, denn ihr beruflicher Erfolg hängt ja vom Reputationsgewinn durch die amerikanische Anerkennung ab.

Es ist schon dreißig Jahre her, da sagte mir ein deutscher Professor: „Was können wir denn anders tun, als die Amerikaner zu übersetzen.“ Er meinte damit ein von ihm selbst (?!?) geschriebenes Lehrbuch. Achselzuckend begleitete er meinen Einwand, dass man nie jemanden überholen könne, dem man ständig hinterherlaufe und begierig in dessen Fußstapfen trete.

Dass Abweichungen von diesem amerikanischen Weg durchaus sinnvoll sein können, ist nur schwer jemandem zu vermitteln, der in unserem System nur noch Karriere macht, wenn er genau der in den USA vorgezeichneten Linie folgt.

Diese Haltung überträgt sich aus Bildung und Ausbildung auf unser praktisches Handeln. Das genau hat der Banker in Düsseldorf mit seiner obigen Aussage kritisiert, indem er eine Beziehung zwischen dem Verhalten der Praxis und der Wissenschaft postulierte.

In der Praxis latschen wir den Amerikanern manchmal sogar in die Hacken. Den Sarbanes-Oxley-Act, der seine Ursache in den Krisen von Enron und Worldcom hat, setzen deutsche Unternehmungen meist strikter um als die Amerikaner selbst, obwohl durch dieses Gesetz Lücken im amerikanischen Rechtssystem geschlossen werden sollten und nicht im deutschen. Viele bezweifeln, ob das deutsche Recht überhaupt diese Lücken aufweist.

Amerikanisches Case Law und deutsches Rechtssystem (Civil Law) unterscheiden sich fundamental. Ein deutliches Zeichen sind die fulminant fetten „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, die den amerikanischen Vertrag begleiten und tausenden amerikanischer Juristen einträgliche Beschäftigung versprechen. Die Amerikaner glauben indes trotz aller Pleiten an die Überlegenheit ihres Rechtssystems und schütteln den Kopf, wenn sich die Chinesen am deutschen System orientieren. Amerikaner machen ihr Ding gern unabhängig vom Rest der Welt.

Das gilt auch für alles, was Basel II betrifft. Da haben sich die Deutschen in vorauseilendem Gehorsam geübt. Die dort verhandelten Regulierungen sollten zunächst allein die großen international tätigen Banken betreffen. Später wollte man unter amerikanischem Einfluss die Regelungen auf das gesamte Benkensystem übertragen. In Deutschland hat man daher auch die kleinsten Bänklein damit malträtiert.

Da ist man den Amerikanern so schnell nachgelaufen, dass man ihnen nun in die Hacken getreten hat. Denn die sind plötzlich einfach stehen geblieben und haben sich gefragt: Sollten wir nicht besser zu der ursprünglichen Absicht zurückkehren und das ganze Regulierungswerk nur noch auf die internationalen Player anzuwenden? Aber schön, dass sie mal darüber gesprochen haben!

Die Übernahme amerikanischer Ausbildungsusancen, die Neschle schon doppelt kritisch „gewürdigt“ hat (Neschle 1 und 32) wird die West-Gläubigkeit weiter beschleunigen. Dabei sollten uns doch die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse dort Warnung sein. Wenn die mal Vorbild waren, kommen wir nun zu spät. Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, wusste einst Gorbatschow.

B. Methode, um der Methode willen. Eine Fahrt ohne Ziel.

Man sagt zuweilen, Frauen würden nur deshalb kein Formel 1 Auto fahren, weil sie immer irgendwo hin wollen, wenn sie sich in ein Auto setzen. In der Formel 1 wird dagegen gefahren um des Fahrens willen. Und natürlich wegen der Werbung, die mit dem Fahren meist gar nichts zu tun hat, sondern allein mit der Aufmerksamkeit, die dieser Kunst gewidmet wird.

Die Mär, aus den Lehren der Formel 1 würde vieles für den öffentlichen Straßenverkehr nutzbar gemacht, lässt sich zwar nicht ausrotten, ist aber völlig falsch. Man tue aber aus gutem Grund nichts, um sie auszurotten, versicherte Neschle vor zwei Jahren ein sehr bekannter Formel 1 Experte. Denn sie ist freiwillig gelieferte Sinnstiftung.

Immer häufiger überfällt Neschle ein Formel 1 Gefühl beim Lesen wissenschaftlicher Artikel in amerikanischen Fachzeitschriften oder in deutschen Fachzeitschriften, in denen sich das amerikanische Muster wiederfindet. So sieht es aus:

  1. Die Fragestellung ist ganz speziell und zumeist völlig bedeutungslos.
  2. Das Ergebnis ist ganz speziell oder nichtssagend.
  3. Die Methode ist elegant ausgefeilt, bombastisch und überzogen angesichts des behandelten Problems, aber bis ins kleinste durchkomponiert.
  4. Die Methode allein und nicht Fragestellungen oder Ergebnis stehen im Mittelpunkt. Um sie rankten sich Diskussion und Erkenntniswille. Der Textanteil liegt dabei über 75%, womit auf dieser Welt die Verfassungen ganzer Gesellschaften geändert werden könnten.

Es ist eben so wie in der Formel 1. Gefahren wird das Ganze nur wegen der Technik und der Methode, aber weder Frage noch Ergebnis haben ein erkennbares Ziel.

Methodenzentrierte Veröffentlichungen dominieren immer mehr in den höchstgerankten Zeitschriften. Die Ergebnisse betreffen immer mehr die Methode selbst als irgendetwas, das mit der Methode analysiert oder begründet werden soll. Das einstige Hilfsmittel wird immer mehr zum Selbstzweck. Um es am Beispiel festzumachen:

Neschle las jüngst einen wissenschaftlichen Artikel mit der Frage, ob die Geber von Venture Capital Einfluss auf die von ihnen finanzierten Gesellschaften haben. Für Neschle stand die Antwort schon fest: Ja sicher! Es zeichnet Venture Capital geradezu aus, dass es smart und nicht stupid money ist. Venture Capital Geber investieren mehr als dummes Geld. Sie investieren ihre Kenntnis über erfolgreiches Management und ihr Netzwerk Know-how. Wie sollten sie da keinen Einfluss nehmen und haben?

Die Schreiber (heute meist im Kollektiv!) sahen das freilich anders. Für sie galt es, genau diese Frage zu klären. Dazu setzten sie eine voluminöse empirische Studie an und wandten darauf ein martialisches Instrumentarium an, dessen Darstellung und Diskussion über 90 Prozent des gesamten Beitrags einnahm. Der füllte immerhin fast 30 Seiten. Das Ergebnis aber fiel noch hinter Neschles Einsicht zurück:

Auf einem hohen Signifikanzniveau könne die Hypothese nicht abgelehnt werden, dass Venture Capital Geber tatsächlich Einfluss auf die von ihnen finanzierten Unternehmungen haben. Welche Überraschung! Da lässt man Berge kreißen, um Mäuslein zu gebären.

Die Verfasser aber hatten der ganzen wissenschaftlichen Welt gezeigt, dass sie in der Lage waren, ein sehr komplexes wissenschaftliches Instrumentarium anzuwenden. Zu welchem Zweck war offensichtlich egal, bis auf einen: Den Beitrag in dieser wissenschaftlichen Zeitschrift zu platzieren.

Dass das mit umgekehrt strukturierten Beiträgen kaum mehr geht, hat Neschle ebenfalls erfahren. Eine junge Verfasserin wollte die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit in einen wissenschaftlichen Zeitschriftenaufsatz umgießen. Auch sie hatte eine empirische Untersuchung gemacht mit einer Vielzahl von Fragestellungen und Ergebnissen. Weil bei solchen Vorhaben immer mächtig gekürzt werden muss, stellte sich die Frage, wo das denn sinnvollerweise sein sollte:

  1. Sollte die Verfasserin ihre Forschungsfragen und Ergebnisse in den Mittelpunkt stellen und bei Methodenfragen auf ihre Doktorarbeit verweisen? Dann könnte sie mit einer Vielzahl von Fragen und Ergebnissen aufwarten, müsste aber Methodendarstellung und -diskussion knapp halten.
  2. Oder sollte sie ihre ausgefeilte Methode stolz präsentieren und sie an nur einer Fragestellung und einem Ergebnis präsentieren und die Leser bei den anderen Fragen und Ergebnissen auf ihre Doktorarbeit verweisen.

Die Verfasserin selbst neigte zu der ersten Version, weil sie damit weitere Forschungsfragen inhaltlich anregen konnte. Neschle unterstützte sie in ihrer Auffassung. Wie enttäuschend und frustrierend war aber das Ergebnis der beiden unabhängigen Gutachter: Einer empfahl die Veröffentlichung wegen der zu knappen Methodendarstellung und -kritik abzulehnen, obwohl die Verfasserin dazu auf ihre Doktorarbeit verwiesen hatte. Der andere schlug ihr die Überarbeitung mit einer Ausweitung des Methodenteils vor, ohne aber darauf Rücksicht zu nehmen, dass dann viele inhaltliche Fragen und Ergebnisse der Seitenbegrenzung zum Opfer fallen würden.

Am Ende verzichtete die Verfasserin aus Gründen ihrer beruflichen Belastung ganz auf eine Veröffentlichung. Neschle blieb mit Kopfschütteln zurück. So weit war die amerikanische Wissenschaftskultur also schon durchgedrungen! Die Zeitschrift war nämlich eine deutsche. Die lag voll im Trend der amerikanischen Vereinzelung inhaltlicher Fragestellungen und Ergebnisse sowie der Konzentration dessen, was „Wissenschaft“ sein soll, auf bloße Techniken und Methoden. Das aber ist der Weg, auf dem die Wissenschaft ihre gesellschaftliche Relevanz verliert.

Da wundert es nicht, dass der amerikanische Doktortitel allein die Karriere in der Wissenschaft vorzeichnet. Damit muss man sich in der amerikanischen Praxis fast schämen. Das gibt es freilich in Deutschland auch. Doch hier fing das bislang erst mit der Habilitation an. Graduiertenkollege in Deutschland gehen heute den amerikanischen Weg. Am Ende wird man sich wundern, dass deren Absolventen fast nur noch in einem esoterischen Spiel zu gebrauchen sind, dass sich „Wissenschaft“ nennt.

Jenseits vom Alltagsverkehr wird da immer mehr Formel 1 gefahren. Technik und Methode zählen, das inhaltliche Ziel verliert an Gewicht. Der Nutzen für die Fortbewegung dieser Gesellschaft wird daher immer fraglicher. Wahrscheinlich fallen sogar viele, die sich dort tummeln durch die praktische und theoretische Fahrschulprüfung, weil sie eine Gefahr für die öffentlichen Straßen wären. Umso verwunderlicher, dass sie zugleich die Funktion der Fahrschullehrer übernehmen sollen und den jungen Schülern zur Gesellen- (Bachelor) und Meisterprüfung (Master) verhelfen sollen.

Einst zählte mal der Inhalt sehr,

heut’ aber die Methode mehr.

Die Frage hohl und generell,

Ergebnis unsensationell,

doch die Methode ist ein Kracher,

das Resultat ist meist ein Lacher.

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