Leon Neschle 31 (46. Woche 2007)

Die Klau- und Maulerseuche wütet.

He that respects not is not respected. (George Herbert)

Alle reden von der Klimakatastrophe. Wir haben sie längst! Die menschliche. Das Klima ist erhitzt. Wolkenbrüche von Verbalinjurien, Unwetter von Tätlichkeiten nehmen zu. Aus heiterem Himmel! Der gegenseitige Respekt nimmt ab. Ganz zu schweigen vom Charme im persönlichen Umgang, jener Eigenschaft bei anderen, die uns zufriedener mit uns selbst macht (Henri Amiel). Hier steht ein Klimagipfel aus, bevor der Gipfel des schlechten Klimas erreicht ist:

„Verpiss Dich Alter!“, sagt ein 17-jähriger Schüler zu seinem Lehrer. Er wird in der letzten Woche zu Jugendarrest und Sozialarbeit verurteilt. Symptom: Maulerseuche. Seine Freundin meint, ihr Freund habe ganz normal und gesund gesprochen!? –

Ein Student bricht in den geschützten Bereich der Doktoranden von Neschles Alter Ego ein, entwendet Fotos, stellt sie ins Internet. Zum öffentlichen Amüsement. Er verrät anderen, wie sie dort plündern können. Symptom: Klauseuche mit anschließender Maulerseuche. Denn es wird „chatmäßig abgelästert“ über die Beute mit allem, was der kleine Verstand hält. –

Zwei Studentinnen beklagen, dass Neschles Alter Ego seine Vorlesungsfolien nicht öffentlich ins Netz stellt. Eine macht einen Verbesserungsvorschlag. Weder Mauler- noch Klauseuche! Die andere hält es für selbstverständlich, dass der Professor alle Folien öffentlich macht, kostenlos an die Welt abtritt und zum „Stehlen“ freigibt. Sie beschimpft ihn wild, sondert Beleidigungen ab. Im ersten Anschreiben! Symptom: Maulerseuche wegen eines Hangs zur Klauseuche. –

Neschle fragt nicht, ob dieses Verhalten „asozial“ und egomanisch ist. Wie soll er es anders deuten, wenn respektlose Leute für sich selbst höchsten Respekt einfordern? „And in the end the love you take is equal to the love you make“, singen die Beatles. Für Respekt gilt dasselbe! Doch kann jeder Respekt zollen? Schopenhauer ist skeptisch: „Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen und gelten zu lassen, muss man eigenen haben.“ Und wer diesen Wert nicht hat, bei wem die Erkenntnis für den eigenen Wert fehlt? Kunstfiguren der Medien lassen es ja schwer werden, das „eigene kleine Ich“ zwischen Superschönen, Superschlauen und Superreichen ansehnlich zu positionieren. Was ist man noch wert in dieser Scheinwelt?

Seit es Märchen gibt, gibt es die Sucht nach dieser Welt. Doch heute halten sie viele für real. Weil sie mit Bild und Ton in unser Leben eindringt. Wer will denn wissen, dass einem Fernsehbericht stundenlanges Selektieren, Beleuchten und Schminken vorausgeht. Illusion ist das Reale! Daran messen viel zu viele ihren Eigenwert. Ihre eigene „Unerträglichkeit des Seins“ lässt auch die anderen nicht gelten. Die können sich erst recht nicht messen mit den Scheinhelden der Scheinwelt, die im Cyberspace noch quadriert wird.

A. Die einfache Klauseuche, die sich unmerklich einschleicht.

In der letzten Woche sind zwei Paparazzi in einen Unfall verwickelt. Einer davon wird schwer verletzt. Beide verfolgten Britney Spears, um das öffentlich zu machen, was diese Frau der Öffentlichkeit nicht freiwillig (preis-)geben will. Ein Diebstahl, bei dem der Paparazzo sich zwar zum Affen macht, dafür aber von der Regenbogenpresse hoch bezahlt und von Gerichten selten belangt wird.

Es reicht ihren Auftraggebern und Abnehmern (das sind auch die Leser der Regenbogenpresse) offenbar nicht, was Britney freiwillig preisgibt. Das ist schon jede Menge, obwohl sie wohl von Paris Hilton klar übertroffen wird. Auch Jamie Fawcett reichte es nicht, einer der wenigen Paparazzi, die wegen ihrer „Diebstahlstouren“ vor Gericht kamen. In Sydney lieferte er Nicole Kidman eine halsbrecherische, traumatische Verfolgungsjagd. Von Diana will Neschle hier gar nicht reden!

Eine vor geifernder Neugier strotzende Leserschaft freut sich diebisch über gelungene Einbrüche in den Privatbereich von Promis, weil die das „Sensationelle“ zutage fördern, was Promis nicht öffentlich zeigen wollen. Wer zur „öffentlichen Person“ geworden ist, wird auch „öffentliches Eigentum“. Er hat sein Recht auf „Privatheit“ verwirkt, muss sich in halsbrecherischer Weise vor Raubzügen der Promi-Jäger schützen. Das ist „Klauseuche“. Die aus der untersten Schublade.

Es gibt auch die aus der oberen: Jüngst gingen in den USA die Drehbuchautoren auf die Straße. Sie fühlten sich bestohlen von ihren Produzenten und wollten teilhaben an der Mehrfachnutzung ihrer „Produkte“, an der sich die Produzenten eine goldene Nase verdienten. Da gingen den Showmastern die Gags aus und die Zuschauer konnten erkennen, wer den Inhalt, den „Content“, in der glänzenden Fassade der Shows macht und wer ihn sich aneignet. Aber wirklich verdienen tun bislang nur die, die präsentieren und vermarkten und „Produzenten“ heißen. Den Baustoff, aus dem alle Träume sind, liefern freilich andere. Aus ihrem geistigen Eigentum.

Ja, ja, die bösen Produzenten. Das wird sich mancher denken und dann in einen der großen Elektromärkte gehen, um sich einen neuen Fernseher kaufen. Natürlich nicht ohne sich vorher intensiv beraten zu lassen. Doch im Elektronikmarkt? Natürlich nicht! Von einem der verbliebenen Fachhändler. Aber kaufen kann man da nicht! Zu teuer! Also die Information beim Fachhändler klauen und kaufen im Elektronikmarkt. Das ist das Zeichen einer verbreiteten Klauseuche. Oder glaubt jemand die Arbeitszeit des Fachhändlers sei kostenlos. Ja, sicher! Für einen selbst ja! Man hat dem Fachhändler ja seine Zeit gestohlen. Und Geld gespart beim Einkauf, wollen wir nicht vergessen!

B. Gib mir was von Deinem Ruhm – Betteln statt stehlen!

Die zarte Variante dieser Klausucht ist die Bettelsucht. Neschle erzählt dazu mal wahre Geschichten:

Da sitzt jemand mit einem „Promi“ beim Fondue. Kaum hat sich ein Gespräch entwickelt, zögert sich ein Kind heran, von Mama und Papa mit schiebender Kopfbewegung nach schüchternem Frageblick dirigiert und ermuntert. „Ein Autogramm bitte!“ Kein Problem: Der Promi kann sogar schreiben, was vor 800 Jahren noch gar nicht so selbstverständlich war.

Wäre das alles, wäre es gut! Aber der Kleine hat nur eine Pilgerei eröffnet. So ermuntert entwickelt sich eine „selbsttragende“ Autogrammprozession. Die Pilger kommen, unterbrechen den Promi sogar mitten im Satz mit der Formel: „Ein Autogramm bitte!“ oder „Sie sind doch …?! Kann ich mal ein Autogramm haben?“. Sie halten alles hin, worauf man schreiben kann: Servietten, Bierdeckel, vergammelte Kladden. Einer sogar seinen Arm. Alles für den Test: Kann der wohl schreiben? Meist für nur zwei Anwendungen: 1. Ich habe ihn gesehen, habe ein Stück von ihm „geklaut“ (Es ist ja keine freiwillige Autogrammstunde!)! 2. Papierkorbfüllung!

Wirkt der erstaunlich geduldige Promi langsam von den nichtnutzigen Störungen genervt, kommt der Standardsatz: „Bin ja nur ich!“ Sagen das dreißig Leute in zwei Stunden, wird der Satz zynisch, von den Bittstellern aber unbemerkt. Jeder sieht nur sich selbst. Egomanen ohne Wertgefühl! Alle vier Minuten einer! Sie brauchen etwas von diesem Promi und nehmen ihm viel weg. Die Qualität seines Gesprächs, den Abend: Geopfert wertvergessenen Bettelgraphophilen! Für was eigentlich? –

Vorher in einer „Kneipe“. Türsteher! Das Ambiente ein Erlebnis. Freunde gehen hinein. In deren Mitte derselbe „Promi“. Getarnt mit Mütze und Sonnenbrille, wie ein Erlkönig. Keine dreißig Sekunden, dann feiert einer in der Kneipe schon dessen Enttarnung, schlägt ihm auf die Schulter und gibt seiner ungezügelten Freude Ausdruck, ihn hier zu treffen. Unvernebelt!

Merklich betrunken ist der Schnellmerker (noch) nicht. Trotzdem nennt er den „Promi“ beim Vornamen! Der ist ja „öffentliche Person“ und gehört deshalb auch ihm. Sie sind also „geborene“ Kumpel! Er nimmt ihn sogar in den Arm. So froh ist er, seine kostenlose Gegenwart zu genießen. Doch den Promi kostet er den ganzen Abend!

„Gleich liebt er ihn kaputt!“, denken seine Freunde, nehmen den genervten „Promi“ auf dessen Wunsch wieder in die Mitte und flüchten aus dem Lokal. Nach einer Minute ist vorbei, was ein schöner Abend für alle werden sollte.

Der schulterklopfende Umarmer hat die Klauseuche an den Händen, ohne zu wissen, wie stark er infiziert ist. Er hat im Leben der anderen geräubert. Hat deren Leben nichts hinzugefügt, nur gestohlen. „Gute Zeit“ geklaut und sich „Eigentum“ an einem „Promi“ angemaßt, das dieser nicht an ihn abgeben wollte.

Dabei geben Promis mehr von sich weg als andere . Deshalb sind sie ja Promis. Machen sie aber Ansätze, auf dem „Recht an sich selbst“ zu bestehen und sei es nur auf ihr Recht auf „Privatheit“, begegnen dem viele mit Unverständnis. Manche maßen sich sogar das Recht an, sich zu nehmen, was der Promi nicht freiwillig bietet. Oder es der Öffentlichkeit zu schenken. Papparazzi jedoch gegen hohen „Finderlohn“! –

C. Auf Klau- folgt manchmal Maulerseuche

Der „Finderlohn“ des Studenten, der sich in den Doktorandenbereich bei Neschles Alter Ego gehackt hat, war wohl der gefühlte Zuwachs an Coolness und persönlicher Überlegenheit. Und was war das für ein Spaß bei der „Beurteilung“ des Doktorandenseminars! Da waren z.B. Fotos von einer Sicherheitsübung mit Schwimmweste und ein kleines Bussi-Bild, bei dem einer Doktorandin gleich von zwei Seiten ein Küsschen aufgedrückt wurde. Was nicht zu sehen war: Bilder von der Arbeit!

Die Fotos interessierten auch andere Studenten und so plünderten sie in Windeseile auf der Seite, deren Schlüssel der Hacker bereitwillig geliefert hatte. Innerhalb einer halben Stunde wurde x-mal heruntergeladen. Das musste man sehen! Sensation!

Auf diese Klauseuche setzte sich flugs die Maulerseuche. Nach dem Diebstahl der Fotos folgte der Versuch, nun auch den Ruf zu stehlen. Die Maulerseuche befiel die Synapsen sensationsgeiler Kleinhirne: Gibt es keine Bilder von der Arbeit, wurde auch nicht gearbeitet. Sieh mal einer an! So sind also Doktorandenseminare bei Neschles Alter Ego! Die Sache mit dem Küsschen verhieß sogar sexuelle Abenteuer. Was ist da los? Auf einem DoktorandInnenseminar.

Und der Chef selbst!? Nee, was hat der glasige Augen auf dem Bild mit der Rettungsweste! Da wurde wohl bis in den tiefen Morgen gesoffen. So ein Banker hat ja lieber mehr Prozente als weniger. Wie viel Blut war da wohl noch im Alkohol? Wie lange musste der nichts trinken, bevor der wieder auf 0,5 Promille war? –

Davon war das Alter Ego schon angefressen. Er quälte sich damals mit dem Fieber einer Virusgrippe durch das Seminar, dachte sogar daran, das Zeitliche zu segnen und seine Löffel abzugeben. Glasig ja! Doch leider ohne Alkohol! –

Das hätte Graf von Wackerbarths „Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit“ (Google doch mal!) heftig missfallen. Schließlich hat die gute Gründe für sich: Nur etwa 13 Prozent der Unfälle werden in angetrunkenem Zustand verursacht, 87 Prozent im nüchternen. Wenn das kein Grund für mehr Alkohol im Straßenverkehr ist! Mit derselben „statischen Methode“ folgerten die Einbrecher im Doktorandenportal von den geklauten Fotos auf den Arbeitsanteil. Was ist daran falsch?

Unrechtsbewusstsein bei den Stehlern, Hehlern und Verleumdern? Fehlanzeige, wenn man eine einzige nachdenkliche Stimme ausklammert! Weder dafür, solche Fotos zu stehlen und an die Öffentlichkeit zu zerren, noch dafür, einer schmuddeligen Phantasie darüber öffentlich Raum zu geben. Als Heckenschütze! Man selbst versteckte sich hinter Decknamen. So wahrte man eigene „Privatheit“ und zog aus gesicherter Position das phantastisch „Erkannte“ öffentlich in den Dreck.

Hätte die Klau- und Maulerseuche nur etwas Hirn hinterlassen, wäre noch Raum gewesen, um wenigstens zu fragen, wann man selbst Fotos schießt. Natürlich während der Arbeit und nicht in den kargen, phantasielosen Stunden der eigenen Freizeit.

D. Der Professor als „öffentliche Person“ und sein Recht auf Selbstbestimmung

Auch ein Professor ist eine „öffentliche Person“. Sondert er Essays im Internet ab sowieso! Deshalb glauben einige, von ihm verlangen zu können, dass er all seine Gedanken und Arbeiten öffentlich macht. Und das kostenlos! Dabei hatte ein Professor mal gesagt: „Habe ich eine gute Idee, nutze ich sie. Habe ich eine schlechte, schreibe ich eine Veröffentlichung.“ Schließlich ist „Vorsprung durch Wissen“ sofort weg, sobald eine Idee veröffentlicht ist. Da muss man schon ein wenig zuwarten, bis es schon jeder weiß und man seinen nicht mehr vorhandenen Vorteil kostenlos und freiwillig aufgibt. Und selbst dann: Stellen Pop-Stars ihre Ohrwürmer zum kostenlosen Herunterladen für jedermann verfügbar ins Netz? Oder lassen sie teuer danach angeln?

Sicher hat sich ein Professor gegen Gehalt (quasi eine Flat-Rate) verpflichtet, eine Gruppe von Menschen mit Informationen zu beliefern, einen Teil seines Wissens einer definierten „Allgemeinheit“ zu vermitteln. Er hält ja auch öffentliche Vorlesungen, in denen er Ansichten „öffentlich bekennt“. „Professor“ bedeutet ja „Bekenner“! Er muss sich also öffnen gegenüber seinen Studierenden. Doch gibt das einer Studentin das Recht, von ihm die Einstellung sämtlicher Vorlesungsunterlagen ins Internet zu fordern, wo sie jeder herunterladen kann? In ihrem Anschreiben von „Dreistigkeit“ zu sprechen, wenn er es nicht schon im vorauseilenden Gehorsam getan hat?

Wir „Kinder im Pott“ hatten eine Standardformel bei solchen Verbalinjurien: „Wer et sacht, der isset auch! Hatt’n dicken Wasserbauch!“ Neschle weiß die Sache mit dem Wasserbauch nicht (Da denkt er an sich selbst und daran, dass hier der Umkehrschluss nicht gilt!), aber er weiß eines: Als „dreist“ empfindet er das Verhalten dieser Studentin. Eine Erscheinungsform der Maulerseuche. Der ganz gemeinen!

Die Studiengebühr lässt da offenbar manche Gehirne ausrasten. Sie gilt bei denen als vorausbezahltes Bußgeld für Beleidigungen der Lehrkräfte. Was wäre aber, wenn Professoren so reagieren wie der Lehrer im Vorspann? Die unperfekte Welle des miesen Tons ist nun jedenfalls von den Schulen an die Universitäten geschwappt. Wehren wir uns nicht dagegen, werden wir von ihr überschwemmt. Doch ist das Gericht immer die richtige Instanz? Manchmal ist sie aber wohl die letzte.

Stiehl man etwas, das materiell,

bemerkt man es ganz oft sehr schnell.

Doch: Wer könnte es verhehlen,

man kann auch etwas anderes stehlen.

Stiehlt er Ideen, Ruf und Zeit,

dann kommt der Dieb recht oft sehr weit.

So schleicht sich ein in uns’re Bräuche

die Klau- und auch die Maulerseuche.

Doch wer bei sich ’nen Wert entdeckt,

hat auch für andere Respekt.

Würd’ ihn die Seuche je ereilen,

versucht’ er sich davon zu heilen.

Von Paderborn bis hoch nach Lima,

auch das beeinflusst unser Klima.

Wir können uns hier schon bedanken,

falls wir nicht zählen zu den Kranken,

die dieses Klima infizieren,

sich selbst und uns nicht respektieren.

Doch lass Dich niemals hier verführen,

Du kannst dabei Dich selbst verlieren!

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2 Antworten auf „Leon Neschle 31 (46. Woche 2007)“

  1. An einer Essener Schule hat ein Schüler unlängst einen Lehrer per Kopfnuss in eine „5-Minuten-Pause“ geschickt und erfuhr die harte Strafe einer zweiwöchigen Suspendierung! Lieber Neschle, warten Sie mal bis er im nächsten Jahr nach den Folien fragt…

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