Au … Aufschrei 15

Müllers Esel? Das bist Du!

Das Ende von der Sperr-Müllerei:

Im Wilden Westen war es lebensgefährlich, jemandem einen Drink abzuschlagen. Es galt als extrem unhöflich und als Beleidigung, weil der Ausschlagende damit ein persönliches Geschenk verweigerte. Schon lange beleidigen deutsche Gemeinden so ihre Bürger. Mehrfach im Jahr, indem sie deren Geschenk ablehnen. Sie sind nach allen Seiten Ausschlagende. Jedes Mal wenn Sperrmülltag ist!

Neschle wohnt in einer beschaulichen Gemeinde nahe der niederländischen Grenze. Da kann er sie beobachten am Vortag einer großen Sperrmüllsammelentsorgungsaktion: Karawanen von Transportern mit niederländischen, polnischen und deutschen Kennzeichen (Reihenfolge nach gefühlter Häufigkeit). Sie ziehen durch seinen Ort und durchkämmen die Straßen. Forschende Augen und gierige Hände tasten sich tief hinein in Einfahrten, Höfe und Gärten. Wie lausende Affen lesen und pflücken verwegene Verwertungsexperten das Beste aus den Sperrmüllbarrikaden heraus und laden es auf ihre bis zum Bersten gestopften Gefährte[1]. Den Rest holen am nächsten Tag die Gemeindefahrzeuge. Die zermalmen, zermahlen den Müll wahllos in riesigen Schneckenmühlen in einer brutalen, rücksichtslosen Sperrmüllerei.

Nun könnte man auf den ersten Blick denken: Wie schön! Da muss die Gemeinde nur noch den nicht verwertbaren Rest entsorgen und wir sparen Müllgebühren. Denn die meisten Sperrmüllhaufen wurden bereits von den scharfen Blicken niederländischer, polnischer und deutscher Experten analysiert, verwertungsbewertet und entsprechend entkernt. Alles Wertvolle wurde entfernt und zur Verwertung „verbracht“, wie es im schwelldeutschen Behördenton heißt!

Manchmal wird da einfach mal eine öffentliche Sitzbank mitgenommen, wenn sie nicht fest genug im Erdboden verankert ist. Solche „Fehler“ passieren! Aber dass Wertstoffe liegengelassen werden? Nee, das wirklich nicht! Das Ansteigen der Stahl- und Schrottpreise konnte man sogar direkt am Such- und Sammelverhalten und dessen steigender Stahlfixierung ablesen.

Offenbar lohnen sich für die plündernden Horden der Sperrmüllfilzer sogar weite Anfahrwege und hoher Zeitaufwand. Trotz Ebay und erhöhten Wertbewusstseins bei den Bürgern! Denn beides hat die Werthaltigkeit der Sperrmüllbarrikaden, der Kleider- und Schuhsammlungen gedrückt. Vieles, was früher dorthin gewandert ist, wird heute über Ebay entsorgt oder im „Man-weiß-ja-nie“-Keller gehortet. Da erzielt oder erwartet man noch einen einträglichen „Schundpreis“. Was dem einen sin Uhl, ist schließlich dem andern sin Nachtigal!

Vorbei sind die schlaraffenländischen Zeiten aus der Anfangsphase der Sperrmüllexzesse am Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, wo beschränkte Bürger Antikschränke vor die Tür stellten und im Modewahn durch furnierte Möbel aus Teak oder Mahagoni ersetzten. Einer von Neschles Mitstudenten richtete damals eine große Wohnung komplett mit wertvollen Antiquitäten vom Sperrmüll ein. Ein Händler bot ihm schon zu dieser Zeit mehr als 100.000 DM (!) für seine kostenlos erworbene Einrichtung.

Die Zeiten haben sich zwar geändert, aber noch immer lässt sich offenbar recht gut mit dem verdienen, was die Leute als „unbrauchbar“ vor die Türe stellen. Nur die Gemeinden können es nicht und klagen zugleich über Geldnot. Die meisten Städte und Gemeinden betrachten den Sperrmüll nämlich nicht als „freiwillige Spende“ ihrer Bürger, sondern als „lästiges Entsorgungsproblem“. An dieser einseitigen Sicht verdienen Leute, welche die „Werthaltigkeit“ mancher abgelegten Sache erkennen[2]. Das wiederholt sich auch bei der gewerblichen Kleider- und Schuhsammlung.

Es soll allerdings dem Hörensagen nach in Deutschland auch Gemeinden geben, die erklären die Straßenbarrikaden aus Sperrmüll zu Gemeindeeigentum und dessen „Plünderung“ zu Diebstahl. Wären die Gemeinden gedanklich schon früher dort gewesen, hätten sie dem Bürger so manche Müllgebühr ersparen können, die ihn über Gebühr an seiner sensitivsten Stelle strapaziert, seinem Geldbeutel.

Gemeinden sind zwar wirtschaftlich gesehen Konzerne. Aber ihre Leitung wird politisch bestimmt. Das ist außer ihrer sozialen Verpflichtung ein Grund dafür, dass sie selten ökonomisch orientiert oder wirklich professionell geführt sind (Neschle Depeschle 9). Dabei könnte eine ökonomische Orientierung bei der Mittelbeschaffung durchaus ihrer sozialen Funktion Nachdruck geben. Das tut sie bei der Sperrmüllentsorgung in den meisten Gemeinden offenbar nicht! Da wird das Geschenk der Bürger abgelehnt und Geld hergeschenkt! Denn Sperrmüllfilzer oder Kleidersammler lehnen diese Spende nicht ab!

Aus seiner Kindheit kennt Neschle noch einen Abzählreim. Der ging so: „Ich und Du, Müllers Kuh, Müllers Esel das bist Du!“ Am Ende dieser Sperr-Müllerei gibt es nur einen Esel. Das ist der Bürger.

Dessen Müllgebühren könnten eigentlich von seiner Spendenfreude der Sperrmüll-Bürger profitieren. Wenn, ja wenn die Gemeinde nur seine Geschenke annehmen würde. So gesehen ist der sperrmüllende „Unrat“ nur die hässliche Verpackung, in deren Mitte man den wertvollen „Rat“ finden kann: „Liebe Gemeinde! Nimm das kostenlose „Wertstoffgeschenk“ der Bürger!“ Auch der Bürger müsste sich freuen, wenn die Gemeinde sein Geschenk zu seinen Gunsten nutzt.

Gegenwärtig aber bewirkt die Gemeinde ein Ergebnis, bei dem Politiker sonst auf die Barrikaden gehen: Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste.

Sperrmülltag ist Feiertag!

Denn manches, was ein Mensch nicht mag,

findet nun andre Interessenten.

Ja wenn Gemeinden besser kennten,

was Bürger ihnen hier spendieren,

sie müssten es sich reservieren.

Den Müll entsorgen sie ohnehin,

doch steckt noch mancher Wertstoff drin,

Viel „Rat“ im „Unrat“ ist verborgen

und statt nur einfach zu entsorgen,

findet sich hier Gewinnes Quelle,

drum sind da clevere Leut zur Stelle.


[1] Bei diesen rostverpickelten Vehikeln drängt sich nymphomanisch – also zwangsläufig – die TÜV-Frage auf: Tuter Überhaupt Varen? (Holländer „varen“ nur auf Wasser! Sonst gehen sie mit dem Auto wie die Engländer. Das stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit, als die Autos noch Schritttempo fuhren.)

[2] Das Finanzamt verdient dagegen sogar Geld mit dem, was die Leute „abführen“!

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