{"id":7,"date":"2007-02-22T14:02:42","date_gmt":"2007-02-22T12:02:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/wordpress\/?p=7"},"modified":"2020-06-21T16:19:36","modified_gmt":"2020-06-21T15:19:36","slug":"leon-neschle-3-10-woche-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-3-10-woche-2007\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 3 (10. Woche 2007)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #4f81bd\">\u201eDie Plakative\u201c, vierte unkontrollierte Kontroll-Gewalt im Staat<\/span><\/strong><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>In Czechoslovakia there is no such thing as freedom of the press. In the United States, no such thing as freedom from the press. <\/em>(Martina Navratilova)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Karneval ist vorbei. Da wollen wir langsam wieder Ernst machen und \u00fcber Gewalt reden. Alle Gewalt geht in einer Demokratie vom Volke aus.<!--more--> Das sieht man ja zurzeit vor allem bei den \u201eFan-Krawallen\u201c in den Fu\u00dfballstadien, ob in Italien oder im <i>auch<\/i> durch die V\u00f6lkerschlacht bekannt gewordenen Leipzig. Doch die Z\u00fcndschnur, f\u00fcr das was da explodiert, liegt h\u00e4ufig ganz woanders. Einen guten Teil Verantwortung hat dabei auch die Presse. Von ihrer (Selbst-) Kontrolle ist hier die Rede:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die drei Staatsgewalten einer Demokratie sind angeblich: Legislative, Exekutive und Judikative. Und sie sind unabh\u00e4ngig voneinander. Sollen es jedenfalls sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch es gibt l\u00e4ngst die vierte Gewalt: die Presse. Damit wir im \u201eBild\u201c bleiben, nennen wir sie \u201edie Plakative\u201c. Von dieser vierten Gewalt h\u00e4ngen die anderen mehr oder weniger ab. Das gilt vor allem f\u00fcr die Legislative, also f\u00fcr diejenigen, die uns nach der Wahl in einer n\u00e4chsten Narren-Session mit neuen Gesetzen bespa\u00dfen. Sie brauchen neben ihren Wahlplakaten \u201edie Plakative\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Presse setzt alles und alle geh\u00f6rig unter Druck, nur sich selbst zu wenig. Vom Zeitdruck muss man da allerdings absehen und vom Druck, stets etwas Neues, Sensationelles bringen zu m\u00fcssen, das Aufmerksamkeit hat und Aufsehen erregt. Das macht Auflage bei der schreibenden Presse, sorgt f\u00fcr Zuh\u00f6rer oder Zuseher bei der schreienden und f\u00fcr Anzeigen, Spots oder Jingles der werbenden Wirtschaft bei beiden. Leider hat das manchmal dumme Folgen:<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>A. Der Niedergang der Presse. Mit dem Fu\u00dfball f\u00e4ngt es an?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Schon weil ich fast auf Schalke geboren bin, verfolge ich ein wenig, was um den Fu\u00dfball herum passiert. Fu\u00dfballklubs wie den FC Schalke 04 hat man schon mit Religionsstiftern verglichen. Der unendliche Glaube seiner fanatischen Anh\u00e4nger selbst nach einem Abstieg (von Niederlagen wollen wir ganz schweigen) hat ein wenig vom unbedingten Glauben von Sektierern. Welche Unternehmung h\u00e4tte nicht lieber statt ihrer n\u00f6rgelnden und besserwisserischen Kunden solche Fans?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach dem B\u00f6rsengang der Preu\u00dfen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> aus L\u00fcdenscheid-Nord (so nennt der gemeine Schalker das heutige Lieblingsopfer aus der Reviernachbarschaft in Dortmund<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>) haben die dortigen Fans ihrer Vereinsf\u00fchrung vorgeworfen, aus den Fans Kunden machen zu wollen. Doch das wird kaum gelingen. Denn Fan ist Fan und kommt von Fanatic. Er wird sich in Deutschland ebensowenig durch den \u201eSupporter\u201c ersetzen lassen, wie das \u201eHandy\u201c durch das \u201eMobile Phone\u201c oder das \u201eCell Phone\u201c, bei dem meisten Deutschen ohnehin an Telefonzelle denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In dieser von \u201efanatischen Emotionen\u201c und dem Gegensatz von Sieg und Niederlage gepr\u00e4gten Welt findet die plakative Journaille leicht ihr Futter. Doch das scheint ihr nicht zu reichen. Durch aktive Aktiven-Befragungen oder Interviews hilft sie der Futterproduktion etwas nach. Das darf und tut sie auch! Doch es ist ihr nicht genug. Deshalb bauscht sie das Pressefutter geh\u00f6rig auf, erfindet sogar selbst welches. Sie t\u00fcrkt und schminkt, vorwiegend in den billigsten und grellsten Farben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun sind Erfinder, Verst\u00e4rker und Laut-Sprecher in manchen Bereichen sehr gefragt, aber sind sie es auch bei der Presse? Vielleicht noch bei Kommentaren, aber auch bei Berichten \u00fcber \u201e<i>wahre<\/i> Tatsachen\u201c? Es scheint zumindest so. Denn es gibt ein beliebtes Spiel, das bei den Pressekollegen viel Unterst\u00fctzung findet, weil es immer Sensationelles verspricht. Und das Spiel geht so:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Pressevertreter f\u00fchrt ein Interview mit einem Fu\u00dfballspieler, der sich wegen Nichtaufstellung oder wegen einer Disziplinarma\u00dfnahme benachteiligt f\u00fchlt. Sagt der nichts Sensationelles, dann verdreht es der Pressevertreter so lange oder bauscht es auf, bis es sensationell klingt. Oder erfindet es selbst. Schlie\u00dflich <i>k\u00f6nnte<\/i> es der Spieler ja gesagt haben. In <i>seiner<\/i> Situation h\u00e4tte jeder irgendwie Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr! Dann schreibt der Journalist es in eine Zeitung. Das geht am besten. Hier muss er weder optischen noch akustischen Nachweis f\u00fchren. Papier ist am geduldigsten!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es geht sogar noch bequemer ganz ohne Interview. Man gibt vor, die Fl\u00f6he husten zu h\u00f6ren oder es aus \u00c4u\u00dferungen \u201egutunterrichteter Kreise\u201c genau zu wissen (Die Presse muss gl\u00fccklicherweise ihre Quellen nicht nennen!), zu welch b\u00f6sartigen Machenschaften manche Leute aus den Fu\u00dfball-Clans f\u00e4hig sind. Da reicht es schon, wenn man glaubt, etwas am Ende einer Kette geheimnisvoller \u201estiller Post\u201c erhascht zu haben. Man meint, etwas von jemandem geh\u00f6rt zu haben, der etwas von jemandem geh\u00f6rt hat, der geh\u00f6rt hat, dass jemand geh\u00f6rt hat<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> &#8230; . Und fertig ist die Sensation!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Danach kann man im Radio oder Fernsehen einen Bericht machen, denn jetzt gibt es eine \u201ewahre Tatsache\u201c, \u00fcber die man ganz unschuldig berichten kann: den ersten Pressebericht selbst. Das ist zwar nicht die Realit\u00e4t, aber weitaus spektakul\u00e4rer. Die meisten k\u00f6nnen dann ohnehin nicht mehr unterscheiden, ob es um die Realit\u00e4t geht oder um einen zurechtgeschneiderten Bericht dar\u00fcber. Irgendwann kann es die Presse selbst nicht mehr, obwohl sie es am Anfang noch konnte, aber eben nicht wollte!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Sch\u00f6ne ist nun, dass der Presse die \u201eself-fullfilling prophecy\u201c zu Hilfe kommt. Nachrichten \u00fcber Konflikte sind n\u00e4mlich in der Lage, solche Konflikte zu sch\u00fcren. Waren Konflikte vorher nicht da, gibt es sie jetzt. Behaupte einfach Spieler A habe etwas B\u00f6ses \u00fcber Spieler B, den Trainer oder den Vereinspr\u00e4sidenten gesagt und schon ist eine Lawine der Zwietracht im Rollen. Und das Volk hat sein Futter: Denn wer etwas von Sport h\u00f6ren will, der will auch etwas von Kampf h\u00f6ren und \u00fcber die Verletzung der Spielregeln. \u201eZwietracht Frankfurt\u201c ist f\u00fcr den gemeinen Sportfan viel spannender als \u201eEintracht Frankfurt\u201c. Man s\u00e4t ein wenig Wind, um vom entstehenden Sturm zu ernten. So geht es halt zu beider Schlamm- und Glamour-Presse.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>B. Letzter Fund: Kein Fund! Die Presse und die Selbstkontrolle.<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf Schalke gab es immer Zoff und gibt es immer Zoff. Das ist den Leuten vertraut. Das wollen sie auch h\u00f6ren. Und weil das so ist, traut niemand l\u00e4ngeren Zeiten des Vereinsfriedens. Da muss es doch etwas geben! Tief, tief im Untergrund. Und das deckt die Presse auf, damit alle wieder das vertraute Gef\u00fchl haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und wenn da wirklich nichts ist oder zu wenig? Dann muss man einfach Ger\u00fcchte in die Welt setzen und die Betroffenen dazu befragen! Das aber wollten sich die Spieler des FC Schalke 04 nicht mehr gefallen lassen und entschieden sich f\u00fcr einen Presse-Boykott. Sie lie\u00dfen sich einfach nicht mehr befragen von den Vertretern der schreibenden oder schreienden Presse. Da fiel es der Presse dann schwer zu behaupten, ein Spieler habe behauptet &#8230;. . Diese Reaktion war freilich noch sehr zivil. Man h\u00e4tte die Presse auch zus\u00e4tzlich wegen <i>zwietrachts\u00e4ender Falschmeldungen<\/i> angreifen k\u00f6nnen. Doch wie sollte man sich dann vor der Rache der Plakative sch\u00fctzen? Dagegen ist man machtlos! Besonders, wenn sie \u00e4rgerlich ist oder gar w\u00fctend. Man ist also vorsichtig bei dieser au\u00dfer Selbst-Kontrolle geratenen vierten Macht im Staate.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und wie reagierte die Presse darauf? Es gab zwei Reaktionen, die dritte blieb aus:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">1. Die erste Reaktion war: Vereins- und Fu\u00dfballerschelte! Was nehmen sich diese Schalker eigentlich heraus, uns die vierte Gewalt, die Plakative, durch Missachtung zu strafen? Und wof\u00fcr eigentlich? Wir arbeiten doch wie immer!? \u2013 Ja, eben!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">2. Die zweite Reaktion: Diese Schalker Kicker reden ohnehin nur Blech. Da ist es kein Verlust, wenn sie schweigen. &#8211; Doch was macht die Presse, wenn alle Kicker schweigen? Reden die Kicker anderer Vereine nicht dasselbe Blech? Nein, liebe Plakative, das ist ein Eigentor!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">3. Die dritte Reaktion, die es nicht gab: Eine selbstkritische Analyse des Vorgehens der Sportpresse und das Aussortieren derjenigen Journalisten, die \u201efalsche Tatsachen\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> in diese Welt verdrehen. So ist denn auch nicht zu erwarten, dass sich nach dem Boykott der Schalker bei der Presse irgendetwas ge\u00e4ndert hat. Die Plakative ist in der Sportberichterstattung n\u00e4mlich in weiten Teilen au\u00dfer Selbstkontrolle geraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Hamburger, die von Schalkern Anfang 2007 ihren Rost abkommen haben, haben die Schalker getoppt. Ende 2006 haben sie am Schluss ihrer Vereinsversammlung gleich die gesamte Presse ausgeschlossen. Hierauf hatte die Presse nur Emp\u00f6rung als Antwort und wieder keinerlei Anzeichen von Selbstkritik. Dieselben Zeitungen, die Muslime dazu verpflichten wollen, gegen Islamisten in ihren Reihen vorzugehen, denken \u00fcberhaupt nicht daran, ihren eigenen Stall auszumisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kritik verbittet sich die Presse auch von anderen. Es gibt nicht wenige Presseorgane, die keine Leserbriefe drucken, in denen sie selbst Ziel der Kritik sind, etwa Neschles eigene Fr\u00fchst\u00fcckszeitung in ihrem Regionalteil. Die Redakteure haben immer Recht oder Angst vor ihren Zentralen! Gesetzlich erzwungene Richtigstellungen und Widerrufe von Fehlmeldungen auf der Frontseite werden an weit entlegenen Stellen fast unauffindbar positioniert. Man tut das Minimum, zu dem der Gesetzgeber verpflichtet, statt sich deutlich zu Fehlern zu bekennen und den Schaden zu beheben. Das ist so, als w\u00fcrde es jedes Restaurant gezielt darauf anlegen, die sanit\u00e4ren Anlagen so einzurichten, dass es gerade noch dem hygienischen Mindeststandard entspricht. Bei vielen hat man da freilich denselben Eindruck wie bei der Presse.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kritische Distanz zu sich selbst fehlt in der deutschen Presselandschaft. Mist, den man verbockt, gibt man auf keinen Fall zu. Dies gilt besonders f\u00fcr die Selbstl\u00e4ufer der Presse, die Kampagnen, mit denen von Zeit zu Zeit eine andere Sau durchs Dorf gejagt wird bis hin zur v\u00f6lligen Ersch\u00f6pfung und dem Ableben der Sau. Die gejagte \u201eSau\u201c kann ein Thema oder ein Mensch sein. Am Ende steht meist ein neues Gesetz. Die Presse hat Meinung gemacht und die abh\u00e4ngige Politik \u201emuss\u201c dem folgen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>C. Saison f\u00fcr die Sau durchs Dorf: Die Treibjagd kann beginnen!<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Pr\u00e4sident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-J\u00fcrgen Papier, hat Anfang des Jahres 2007 die \u201eArt und Weise\u201c kritisiert, \u201ewie in Zeiten der Mediendemokratie Politik betrieben wird\u201c. Das Ergebnis dieser Herrschaft der Plakativen sei eine \u201eanlassbezogene Placebo-Gesetzgebung\u201c, die zu einem Normenwerk f\u00fchre, \u201edas in Teilen unvollziehbar geworden ist\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr solche Kampagnen liefert die \u201eVogelgrippehysterie\u201c, die irgendwo verebbt ist, jenseits von R\u00fcgen. \u201eFreilaufende H\u00fchner in Zeiten der Vogelgrippe\u201c: das gr\u00f6\u00dfte Problem damals. Heute nur noch eine \u00e4tzende Bemerkung, wenn ein Tross junger M\u00e4dchen laut albernd durch die Gegend l\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine andere Kampagne, bei der es ebenso tierisch abging, war die \u00fcber \u201eKampfhunde\u201c. Die ist ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr die von Papier, dem hier ungeduldigen Pr\u00e4sidenten des Bundesverfassungsgerichts, kritisierte \u201eanlassbezogene Placebo-Gesetzgebung\u201c. Zuerst stirbt ein Kind nach dem Biss eines Hundes. Schnell wird klar, dass es sich um verantwortungslose Hundehalter handelt. Die richtige Folge: h\u00e4rteste Strafen f\u00fcr die Hundehalter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dann aber kommt sie: die Pressekampagne. Der Begriff \u201eKampfhund\u201c macht vermehrt die Runde und jede noch so kleine Meldung \u00fcber Hundeangriffe findet ihren Weg auf die Titelseiten. Den Stoff dazu findet die Presse nicht nur in Deutschland, sondern in allen L\u00e4ndern der Welt. Krasse F\u00e4lle werden multipliziert. Sie erscheinen auf den Tittenbl\u00e4ttern<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> der Bildzeitung sogar in Reihe, mehrmals hintereinander, Tag f\u00fcr Tag. So geht das \u00fcber Wochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie wenig das Ganze aber mit der t\u00e4glichen Realit\u00e4t zu tun hatte, erkennt man daran, wie relativ bedeutungslos dieses Thema nach und nach wurde und auch vor der Kampagne war. Es reichte aber an plakativer Gewalt, die Gesetzgebung auf den Plan zu zwingen. Und was machte die?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Statt <i>verantwortungslose<\/i> Hundehalter h\u00f6heren Strafen zuzuf\u00fchren, belastet die Gesetzgebung <i>alle <\/i>(!) Hundehalter mit Auflagen. Die werden gestaffelt nach der Einordnung in \u201eVerbotslisten\u201c, deren wichtigstes Kriterium die Hunderasse ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Ergebnis: Die ohnehin verantwortungsvollen Hundehalter erf\u00fcllen die komplexen zus\u00e4tzlichen Auflagen des Gesetzgebers. Sie bescheren den Hundeschulen jede Menge leichte Auftr\u00e4ge und tragen die damit verbundenen Lasten und Beschr\u00e4nkungen. Sie werden nun bestraft f\u00fcr den schlechten Umgang <i>anderer<\/i> (!) mit ihren Hunden. Die verantwortungslosen Hundehalter versto\u00dfen dagegen nach wie vor gegen das Gesetz, ohne dass ihnen tats\u00e4chlich sch\u00e4rfere Sanktionen drohen. Hundeschulen haben ihre Vierbeiner nie von innen gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Problem wurde \u201edadurch in den Griff bekommen\u201c, dass diejenigen, die gar kein Problem waren, gesetzlich sanktioniert und mit Strafen bedroht wurden. F\u00fcr die problematischen Hundehalter hat sich dagegen fast nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gro\u00dfen Anteil an dieser Fehll\u00f6sung hat der Einfluss der vierten Gewalt. Die Plakative hat alles sehr vereinfacht und <i>den Hund<\/i> generell zum Problem gemacht, obwohl das eigentliche Problem der Halter ist. Doch die unmittelbare Tat begeht ja der (verantwortungslos gehaltene) Hund.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Pressegesch\u00fcrte Hysterie ist zwar ein schlechter Ratgeber f\u00fcr eine gute Gesetzgebung. Doch Politiker, die sich diese Hysterie zu eigen machen, rechnen sich offenbar gr\u00f6\u00dfere Chancen beim plakativ gesteuerten W\u00e4hler aus. So greift die vierte Gewalt auf andere Gewalten \u00fcber, hat sich aber selbst nicht mehr in der Gewalt. Sie ist eben Presse: \u00dcbt Druck auf andere aus, aber kaum auf sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Pressefreiheit ist eines unserer wichtigsten G\u00fcter. Doch Freiheit sollte man auch in (Selbst-)Verantwortung wahrnehmen! Wo aber ist das (Verantwortungs-)Gef\u00fchl daf\u00fcr? Jedenfalls nicht bei der Schlamm- und Glamour-Journaille, wo der Faible f\u00fcrs Plakative am gr\u00f6\u00dften ist, wo t\u00e4glich f\u00fcr uns ein falsches \u201eBild\u201c entsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Fakten kann sie k\u00fcnstlich machen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">nennt sie dann \u201ewahre Tatsachen\u201c*,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">macht damit Stimmung f\u00fcr Naive,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">das kann sie halt: \u201edie Plakative\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">St\u00f6\u00dft kr\u00e4ftig an die Politik,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und es f\u00fchrt kein Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* (gemeint ist meist: Ware \u201eTatsachen\u201c!)<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> F\u00fcr Nichtlateiner: Borussia ist die lateinische Bezeichnung f\u00fcr \u201ePreu\u00dfen\u201c. Bo-<i>Russen<\/i> sind daher in deutlicher N\u00e4he zu den richtigen Russen \u201edie P-Reu\u00dfen\u201c, also eigentlich die nat\u00fcrlichen Feinde der Bayern. Die Farben der Preu\u00dfen (Schwarz-Wei\u00df) wurden von den Dortmunder Bo-Russen allerdings gegen Schwarz-Gelb ausgetauscht. Das hat weder etwas mit dem Tigerentenclub noch mit der Kennzeichnung Blinder zu tun, wie Schalker es gerne behaupten, sondern wohl mit Kohle und Bier.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wenn man von der blau-wei\u00df beschilderten Autobahn A 40 nach Dortmund einf\u00e4hrt, werden die Schilder gelb-schwarz und aus der Autobahn wird eine Bundesstra\u00dfe. Der Gesetzgeber hat n\u00e4mlich die Autobahnen blau-wei\u00df und die Bundesstra\u00dfen schwarz-gelb markiert. Das war f\u00fcr ihn eine Frage der Rangordnung. \u2013 Die Dortmunder sprechen \u00fcbrigens den Dreiteufelsnamen \u201eSchalke\u201c auch ungern aus. Sie fluchen gern von \u201eHerne-West\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> So entstehen auch \u201emoderne M\u00e4rchen\u201c und auch die haben Wirkung. Nicht etwa, weil sie wahr sind, sondern weil die Leute (gerne) glauben, dass sie wahr sind oder wahr sein k\u00f6nnten. In dem Buch \u201eDie Spinne in der Yucca-Palme\u201c sind viele dieser M\u00e4rchen zusammengefasst. Am ersten Jahrestag von Nine-Eleven, also des Anschlags auf das World Trade Center in New York war es auch um Neschle geschehen. An diesem Tag sollte er in einem Einkaufscenter etwas abholen. Auf einer Geburtstagsfeier am Tag vorher wurde er vorgewarnt:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Tochter einer Bekannten einer Bekannten aus meinem Wohnort sei vor ein paar Tagen Folgendes passiert: Sie habe in diesem Einkaufscenter eine Geldb\u00f6rse mit 30.000 Euro gefunden. Au\u00dfer diesem Betrag sei dort nur noch ein kleiner handgeschriebener Zettel mit einer Handy-Nummer gewesen. Die ehrliche Finderin habe diese Nummer angerufen und einen Tag sp\u00e4ter am Fundort dem Besitzer seine B\u00f6rse mit dem Geld \u00fcbergeben. Einen Finderlohn habe die Finderin abgelehnt. Daraufhin habe der arabisch aussehende Mann ihr den Rat gegeben, sie solle am Jahrestag den Neunten-Elften das Einkaufcenter meiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle war trotzdem dort, mit ihm aber nur wenige andere. \u2013 Bei einer Umfrage unter seinen Studenten am n\u00e4chsten Tag kannten mehr als die H\u00e4lfte diese Geschichte. Es war immer eine Tochter von Bekannten einer Bekannten aus den jeweiligen Wohnorten und der Betrag schwankte zwischen 20- und 50 Tausend Euro. Auch weitere Bekannte aus meinem Wohnort wussten davon, aber jeweils von anderen T\u00f6chtern von Bekannten anderer Bekannter aus unserem Wohnort, denen in diesem Einkaufcenter genau dasselbe passiert war. Merke: Wenn vielen Personen etwas ganz Merkw\u00fcrdiges passiert und wenn das s\u00e4mtlich Bekannte von Bekannten von Bekannten sind, dann ist gar nichts passiert, schon gar nicht <i>das<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Das ist eigentlich schon ein Widerspruch in sich, ein wei\u00dfer Rappe. Aber an den haben wir uns so gew\u00f6hnt, dass er meist nicht einmal mehr auff\u00e4llt, so wie der \u201ezentrale Eckpfeiler\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Andere Zeitungen haben ein Titelblatt, die Bildzeitung hat ein Tittenblatt, weil jede Frontseite von mindestens einer Barbusigen \u201egeziert\u201c wird, die sich ihrerseits offenbar wenig ziert.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=39\">PDF-Datei<\/a><br \/>\nThis post was downloaded by  1184  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Plakative\u201c, vierte unkontrollierte Kontroll-Gewalt im Staat In Czechoslovakia there is no such thing as freedom of the press. In the United States, no such thing as freedom from the press. (Martina Navratilova) Der Karneval ist vorbei. Da wollen wir langsam wieder Ernst machen und \u00fcber Gewalt reden. Alle Gewalt geht in einer Demokratie vom &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-3-10-woche-2007\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 3 (10. 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