{"id":632,"date":"2013-12-02T14:37:10","date_gmt":"2013-12-02T13:37:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-81-48-woche-2013\/"},"modified":"2020-06-20T13:05:52","modified_gmt":"2020-06-20T12:05:52","slug":"leon-neschle-81-48-woche-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-81-48-woche-2013\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 81 (48. Woche 2013)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\" align=\"left\"><strong><span style=\"color: #4f81bd\">Die unwirtschaftliche Art, Wirtschaftswissenschaft zu betreiben<\/span><\/strong><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Von wegen Schwarmintelligenz: Selbst eine Gemeinschaft intelligenter Menschen kann kollektiv unf\u00e4hig sein, falsche Entscheidungen zu korrigieren.&nbsp;<\/em>(Neschle)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Warum ist der Weise so still? \u2013 Weisheit kommt zwar mit dem Alter, aber auch die Erkenntnis, dass die Jungen das Weise nicht h\u00f6ren wollen.&nbsp;<\/em>(Neschle)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Vor ein paar Monaten hat Neschle fast hundert wissenschaftliche Aufs\u00e4tze zum Thema \u201eVorstandsverg\u00fctung\u201c durchgesehen (Leon Neschle 83, in Vorbereitung), angefangen bei den h\u00f6chstdekorierten A-Journals. Dabei hat er eine Regelm\u00e4\u00dfigkeit entdeckt: Er konnte mit den \u201eErkenntnissen\u201c der Aufs\u00e4tze umso weniger anfangen je h\u00f6her das jeweilige Journal in der wissenschaftlichen Rangordnung stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Das ist f\u00fcr sich genommen nur ein kleines Problem. Es w\u00e4chst sich aber zu einer kollektiven Fehllenkung des Wissenschaftsbetriebs aus, wenn nichtssagende Publikationen in A-Journals zur grundlegenden Voraussetzung wissenschaftlicher Karrieren werden und wenn dar\u00fcber vorwiegend amerikanische Gutachter auch in Deutschland nach ihren dortigen Forschungsidealen bestimmen, wer hier auf wirtschaftswissenschaftliche Lehrst\u00fchle kommt, von der gigantischen Verschwendung von Forschungsmitteln ganz zu schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Doch warum sind diese Forschungsideale so problematisch? Und warum gelingt es einem Kollektiv weit \u00fcberdurchschnittlich intelligenter Menschen nicht, diese Probleme zu l\u00f6sen? Damit befasst sich dieses Essay.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>A. Trivialit\u00e4ten und Banalit\u00e4ten als wissenschaftliche Erkenntnis<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Wer einen Blick in die h\u00f6chstdekorierten wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften tut, dem f\u00e4llt ihr \u201eSchema F\u201c auf (fr\u00fcher f\u00fcr die preu\u00dfische Truppenst\u00e4rke, hier f\u00fcr schematische Forschung). Man findet fast durchgehend folgende Merkmale:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>1. Einen riesigen Aufmarsch mathematischer und statistischer Methoden selbst f\u00fcr allertrivialste Fragestellungen. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Man gewinnt den Eindruck, das Aufgebot dieser Methoden bestimmt nicht nur den wissenschaftlichen Charakter der Beitr\u00e4ge, sondern auch deren wissenschaftlichen <em>Wert<\/em>. Methodik allein gen\u00fcgt sogar f\u00fcr eine Ver\u00f6ffentlichung im h\u00f6chsten Standard, selbst wenn sich hinter einer vermeintlichen Geistesrakete nur eine inhaltliche Attrappe verbirgt. Denn:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>2. In aller Regel werden damit banale oder triviale inhaltliche Zusammenh\u00e4nge \u201ebewiesen\u201c: z.B. eine Belohnung f\u00f6rdert ein bestimmtes Verhalten. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die inhaltliche Schlichtheit der Hypothesen und deren Trivialit\u00e4t stehen h\u00e4ufig in krassem Gegensatz zum bombastischen Methodenaufgebot (siehe 1.), gegen das zuweilen selbst die Milit\u00e4rparaden in Nordkorea wie ein Martinsumzug wirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>3. Um die \u201eOriginalit\u00e4t\u201c des eigenen Ansatzes zu zeigen, wird er mit anderen Einzeluntersuchungen konfrontiert, in denen z.B. ein anderer Indikator f\u00fcr den Unternehmenserfolg verwendet wurde. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Auf keinen Fall darf man fr\u00fchere Untersuchungen wiederholen. Dann w\u00fcrde der eigene Beitrag als zu wenig originell zur\u00fcckgewiesen. Selbst wenn man seine Daten manipuliert, kann man daher sicher sein: Kein anderer Forscher hat Interesse, diese Untersuchung zu wiederholen und die Zusammenh\u00e4nge noch einmal zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Wer mit einer g\u00e4nzlich neuen Fragestellung \u00fcberrascht, muss ebenfalls auf die Ablehnung seines Beitrags gefasst sein. Den meisten Gutachtern fehlt dann die \u201eEinordnung\u201c in das bisherige Forschungsmosaik. Diese Einordnung wird zur unliebsamen akademischen Pflicht\u00fcbung. Viele Beitr\u00e4ge stellen dabei zwar einen Bezug zu einer Rahmentheorie her, z.B. zur Agency-Theorie: Dieser Bezug und die Einordnung in einen \u00fcbergreifenden Zusammenhang bleiben aber fast immer sehr lose.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>4. Besonders wichtig ist, dass alle Bestimmungsgr\u00f6\u00dfen \u201eobjektiv\u201c determiniert sind, z.B. eine Belohnung und ein Verhalten \u201eobjektiv\u201c festgestellt werden k\u00f6nnen. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Hier folgt die Wirtschaftswissenschaft strikt den naturwissenschaftlichen Forschungsidealen. Doch bei einer Sternschnuppe oder beim Wetter ist es gleichg\u00fcltig, wie der Mensch dar\u00fcber denkt. Beide folgen, wenngleich mehr oder weniger komplex, objektiven naturwissenschaftlichen Impulsen. L\u00e4sst sich auch f\u00fcr den B\u00f6rsenkurs sagen? L\u00e4sst sich behaupten, er sei unabh\u00e4ngig davon, wie Menschen dar\u00fcber denken?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Auch mit der \u201eObjektivit\u00e4t\u201c einer Belohnung ist es das so eine Sache. Was der eine als \u201eBelohnung\u201c empfindet, sieht der andere m\u00f6glicherweise als \u201eManipulation\u201c oder \u201eBestechung\u201c an, gegen die er sich durch Verweigerung wehrt. Auch Belohnungen von den \u201eFalschen\u201c werden zuweilen nicht gern genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Daher kommen objektiv bestimmte Aufs\u00e4tze zu der Erkenntnis, dass die Belohnung z.B. nur zu 79,673% das gew\u00fcnschte Verhaltensergebnis erzeugt hat. Hinter dieser Feststellung wird aber kein generelles Problem dieser Forschungsmethode gesehen. Und doch gibt es das in einer Wissenschaft \u00fcber menschliches Handeln: Dieselbe <em>objektive<\/em> Realit\u00e4t erzeugt dort nicht selten <em>objektiv<\/em> anderes Handeln, weil sie <em>subjektiv<\/em> anders wahrgenommen und eingeordnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Beispiele daf\u00fcr, dass subjektive Intentionen objektive Realit\u00e4ten bestimmen sind Legion. So hat der russische Autoproduzent LADA mit verl\u00e4ngerten Garantien gegen Durchrostung vor etlichen Jahren den Kunden nicht etwa mehr Sicherheit gegeben. Die hielten das vielmehr f\u00fcr das endg\u00fcltige Eingest\u00e4ndnis der Rostanf\u00e4lligkeit. Und w\u00e4hrend LADA damit sein negatives Image der Rostanf\u00e4lligkeit verfestigte, gelang es anderen Firmen mit derselben Ma\u00dfnahme, die Kunden zu beruhigen. Eine Frage von Glaubw\u00fcrdigkeit und Vertrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>5. Die einzige M\u00f6glichkeit, in der Anh\u00e4ufung von Einzelstudien Zusammenh\u00e4nge zu schaffen, ist die Integration der Untersuchungsmosaike in eine Metastudie \u00fcber eine Reihe von Studien unter einem Generalthema, z.B. \u201eWirken variable Verg\u00fctungen f\u00fcr das Management positiv auf den Unternehmungserfolg?\u201c. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Das Ergebnis solcher Metastudien ist immer ein \u201edefinitives JEIN\u201c. Ein Teil der Studien geht so, ein anderer Teil der Studien anders aus. Wie sich Mosaikteilchen nach Farbe, Gr\u00f6\u00dfe, Gestalt und Struktur unterscheiden, sind die Untersuchungen verschieden nach:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">a) Erhebungsmethode und Erhebungsumfang (Prim\u00e4r- oder Sekund\u00e4ranalyse; Vollerhebung oder Stichprobe, \u2026),<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">b) Rahmenbedingungen (Land A oder B; Erhebungszeitraum, z.B. unmittelbar vor und nach der Finanzkrise, \u2026.),<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">c) Erhebungsobjekten (Vorstandsvorsitzende, Vorstandsmitglieder, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, Abteilungsleiter; Gro\u00dfunternehmungen, mittelst\u00e4ndische Unternehmungen, \u2026),<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">d) Variablen (\u201evariable Verg\u00fctungen\u201c?; \u201eUnternehmenserfolg\u201c?),<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">e) statistischen Methoden und G\u00fctekriterien der Untersuchung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">All diese Faktoren haben Einfluss auf das Ergebnis. Doch ob die Studie und deren Ergebnis als \u201ever\u00f6ffentlichungsw\u00fcrdig\u201c angesehen werden, steht damit keinesfalls fest. Denn eine notwendige Bedingung ist auch, ob der Beitrag etwas \u201eNeues\u201c bringt. Daher ist der x-te Beitrag, der einen positiven Zusammenhang zwischen variabler Verg\u00fctung und Unternehmungserfolg best\u00e4tigt, nicht so interessant wie der eine, der keinen Zusammenhang feststellt oder gar in direktem Gegensatz zu den bisherigen Forschungen einen negativen Zusammenhang \u201enachweist\u201c. Das wissen auch die meist jungen Produzenten von Wissenschaft, deren Karriere von einer Ver\u00f6ffentlichung in den A-Journals abh\u00e4ngt. Und weil sie klug sind, stellen sie sich von Vornherein darauf ein, ihr meist banales Ergebnis originell aussehen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die Metastudien geraten folglich zu geordneten Thesensammlungen, so als w\u00fcrde man die Steine eines Mosaiks nach Form und Farbe ordnen und dann Aussagen zu den vorherrschenden Formen und Farben machen. Ein konsistentes zusammenh\u00e4ngendes Gesamtbild ergibt sich daraus nicht. Das liegt vor allem daran, dass es ein solches Bild nicht schon ex ante gibt. Die Teiluntersuchungen werden daher ohne Bezug auf ein theoretisches Gesamtbild entwickelt. Durch das Wort \u201eForschungsl\u00fccke\u201c wird dennoch gern ein anderer Eindruck erweckt. Der Gebrauch dieses Wortes bedeutet aber lediglich: dieser spezifische Zusammenhang wurde <em>noch nicht <\/em>erforscht. L\u00fcckenkompatibles Forschen im echten Sinne steckt nicht dahinter, weil man dazu das Gesamtbild eines umfassenden Wissenschaftsentwurfs ben\u00f6tigte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der wesentliche Grund f\u00fcr das Fehlen umfassender Wissenschaftsentw\u00fcrfe ist jedoch, dass die moderne Wissenschaft solche Entw\u00fcrfe in den Bereich des Subjektiven, des K\u00fcnstlerischen verbannt, der in einer \u201eobjektiven\u201c Wissenschaft keinen Platz hat. Solche Aufs\u00e4tze wie \u201eThe Theory of the Firm\u201c oder \u201eThe Problem of Social Cost\u201c des Nobelpreistr\u00e4gers Sir Ronald Coase (ein echter SIR: Neschle hatte mal die Ehre, in K\u00f6ln beim Essen neben ihm und seiner Frau zu sitzen) h\u00e4tten heute wohl keine Chance mehr, in einem A-Journal ver\u00f6ffentlicht zu werden. Die Folge ist die Vereinzelung des Wissens. Diese Vereinzelung behandelt das n\u00e4chste Kapitel.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>B. Die organisierte Produktion von Elefantenwissen<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Als der geniale Tom Waits in die \u201eRock and Roll Hall of Fame\u201c aufgenommen wurde, sagte er in seiner Dankesrede: \u201eThey say that I have no hits \u2026 and they say that like it\u2019s a bad thing\u201d. Nichts f\u00fcr den Massengeschmack.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Doch der wissenschaftliche Nachwuchs kann sich eine solche Haltung nicht leisten. F\u00fcr ihn ist es eine schlechte Sache, wenn er sich nicht in den wissenschaftlichen Hitparaden wiederfindet: Er bekommt dann trotz aller Genialit\u00e4t keinen Job. Und die Wissenschaft selbst ist unf\u00e4hig zur Umkehr dieser Zw\u00e4nge, auch weil ihre gegenw\u00e4rtigen Vertreter von der momentanen Lage profitieren. Die Folge ist die permanente Produktion von \u201eElefantenwissen\u201c. Was das ist, kommt jetzt:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die Erkenntnis, dass uns die \u00f6konomische Wissenschaft mit ihren Methoden und Ergebnissen seit Jahrzehnten \u201eeinen Elefanten aufbindet\u201c, der schwerer wiegt als der sprichw\u00f6rtliche B\u00e4r, haben wir einer Geschichte Buddhas zu verdanken. Seine Asketen und Brahmanen sind unsere Forscher. Ihre Art, Wissenschaft zu betreiben, gleicht Buddhas Blindgeborenen bei der Sammlung von Erkenntnissen \u00fcber den Elefanten und ihrer \u00dcberzeugung, alles \u00fcber ihn zu wissen und sagen zu k\u00f6nnen. Das \u00e4rgste \u201eElefantenwissen\u201c stammt von denen, die sich mit besonderer Akribie belanglosen Teilproblemen widmen und im Forum der Journals den Gl\u00e4ubigen mitteilen, sie h\u00e4tten der Realit\u00e4t wichtige Kausalzusammenh\u00e4nge abgerungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>\u201eEinst hielten sich bei Savatthi viele Asketen und Brahmanen, Anh\u00e4nger verschiedener Richtungen, auf. Sie vertraten verschiedene Lehren, glaubten an verschiedene Ansichten und fanden an verschiedenen Meinungen Gefallen. Sie stritten miteinander, zankten, schlugen sich gegenseitig und griffen einander mit scharfen Worten: \u201eSo ist die Wahrheit, die Wahrheit ist nicht so; ja, nicht so ist die Wahrheit, die Wahrheit ist so &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Ihr M\u00f6nche, es sind blinde Asketen, sie merken nicht, was wichtig und notwendig ist und was nicht wichtig ist, sie erkennen nicht, was die Wahrheit ist und was nicht die Wahrheit ist. Deswegen streiten sie miteinander, zanken, schlagen sich gegenseitig und greifen einander mit scharfen Worten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Es ist mit Ihnen wie mit den Blindgeborenen, die der damalige K\u00f6nig von Savatthi zusammenrufen lie\u00df. Der K\u00f6nig befahl einem seiner Leute: \u201eZeig Ihnen einen Elefanten!\u201c Einigen von den Blindgeborenen zeigte er den Kopf des Elefanten, anderen das Ohr des Elefanten, anderen seinen Zahn, anderen seinen R\u00fcssel, anderen seinen Rumpf, wieder anderen seinen Fu\u00df, anderen sein Hinterteil, anderen seinen Schwanz; den letzten zeigte er das haarbedeckte Ende seines Schwanzes.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Und der K\u00f6nig fragte die Blindgeborenen: \u201eHabt Ihr Euch den Elefanten angesehen?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>\u201eJa, Herr, wir haben uns den Elefanten angesehen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>\u201eNun, beschreibt mal, wie ein Elefant aussieht!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Die Blindgeborenen, die den Kopf des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eDer Elefant ist wie ein Kessel.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Diejenigen, die das Ohr des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eWie ein Segel ist der Elefant.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Die Blindgeborenen, die den Zahn des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eDer Elefant ist wie eine Pflugschar.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Diejenigen von ihnen, die den R\u00fcssel des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eWie eine Stange am Pflug ist der Elefant.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Diejenigen, die aber den Rumpf des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eDer Elefant ist wie ein Kornspeicher.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Die Blindgeborenen, die den Fu\u00df des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eDer Elefant ist wie ein Pfeiler.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Diejenigen, die das Hinterteil des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eDer Elefant ist wie ein M\u00f6rser.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Diejenigen, die den Schwanz des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eDer Elefant ist wie eine Keule.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Diejenigen endlich, die das Schwanzende des Elefanten ber\u00fchrt hatten, sagten: \u201eWie ein Besen ist der Elefant.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Es erhob sich ein lautes Geschrei, und die Blindgeborenen griffen einander mit F\u00e4usten und H\u00e4nden und schrien reihum: \u201eSo ist der Elefant, der Elefant ist so; nein, der Elefant ist so, nicht so ist der Elefant&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Der K\u00f6nig war bei diesem Spektakel erg\u00f6tzt und zeigte sich sehr am\u00fcsiert.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>So ist es, Ihr M\u00f6nche, mit den Asketen und Brahmanen, die verschiedenen Richtungen anhangen. Blind sind sie, sie merken nicht, was wichtig und notwendig ist und was nicht wichtig ist, sie erkennen nicht, was die Wahrheit ist und was nicht die Wahrheit ist. Sie streiten miteinander, zanken, schlagen sich gegenseitig und greifen einander mit scharfen Worten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Ja, manche Asketen und Brahmanen klammern sich an ihre Lehrmeinungen. Es streiten doch miteinander und widersprechen einander nur die Menschen, die lediglich einen Teil der ganzen Wahrheit sehen.\u201c \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Genauso sind sie heute, unsere blutjungen in Graduiertenkollegs kasernierten M\u00f6nche der Wissenschaft: Sie wissen viel vom Detail und doch verstehen nichts vom Ganzen. Trotzdem beliefern gerade sie die besten Journals mit ihren ausgekl\u00fcgelten Elaboraten. Man kann daher hunderte derartiger Aufs\u00e4tze lesen und wei\u00df kaum mehr \u00fcber inhaltliche Zusammenh\u00e4nge, allenfalls mehr \u00fcber Methodenanwendung.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>C. Dem Wetter ist es egal, wie wir dar\u00fcber denken, dem B\u00f6rsenkurs nicht<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die empirischen Arbeiten thematisieren verengte Kausalbeziehungen, die analytischen mathematisieren nur wenige Variable. Trotzdem werden daraus mit einer naiven \u201epretence of knowledge\u201c<a title=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> unmittelbar praktische Folgerungen gezogen. So wundert es nicht, wenn ein tieferes Verst\u00e4ndnis der <em>Zusammenh\u00e4nge<\/em> fast nur von Au\u00dfenseitern kommt.<a title=\"_ftn2\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Die Probleme der \u00f6konomischen Mainstream-Forschung sind zudem: 1. ihre absolute Dominanz; 2. ihr schwaches inhaltliches Fundament und ihre methodische Einseitigkeit; 3. die Ausstrahlung ihrer Ideen in die Praxis. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Zu 1.<\/strong>: Niemand kann promovieren, in begehrten Zeitschriften ver\u00f6ffentlichen oder einen Lehrstuhl besetzen, der sich nicht dem herrschenden Paradigma unterwirft<a title=\"_ftn3\" href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eAll the way from the structure of PHD training to the requirements for publishing in top journals, from the criteria of faculty recruitment to the processes for granting tenure, the institutional structures within and around business schools are rigidly built around the dominant model\u201d (Ghoshal S. 87, dort auch alle folgenden Klammerzus\u00e4tze).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Zu 2.<\/strong><b>:<\/b> W\u00e4re das herrschende Paradigma unproblematisch, w\u00fcrde die erste Feststellung nur <em>Pluralit\u00e4t<\/em> vermissen lassen und nicht unbedingt <em>Qualit\u00e4t<\/em>. Das Gegenteil ist aber der Fall. Denn es kn\u00fcpft a. an <em>ein<\/em> rein naturwissenschaftliches Paradigma an und akzeptiert b. nur \u201eForschungswissen\u201c, was <em>nur auf den ersten Blick <\/em>unproblematisch scheint:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>a.<\/strong> \u201e \u2026 we have adopted the \u2018scientific\u2019 approach of trying to discover patterns and laws, and have replaced all notions of human intentionality with a firm belief in causal determinism for explaining all aspects of corporate performance\u201d (S. 77)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Diese in der \u00f6konomischen Forschung dominierende Kausalerkl\u00e4rung ist typisch f\u00fcr Naturwissenschaften, die sich mit <em>lebloser Materie<\/em> befassen. Sie wird vom \u00f6konomischen Mainstream aber <em>insgesamt<\/em> als Erfolgsmodell betrachtet und als methodologischer Anspruch eingebracht. Folge sind Unmengen statistischer Detailforschungen, die <em>kausale<\/em> Zusammenh\u00e4nge zwischen leblosen \u201eFaktoren\u201c aufzeigen <em>wollen<\/em>, etwa zwischen Boni und Gewinnerzielung. So kann aber nicht einmal die Wirkungsrichtung belegt werden: Zwar <em>k\u00f6nnten<\/em> Boni Anreize f\u00fcr h\u00f6here Gewinne geben. Es k\u00f6nnte aber sein, dass Gewinne den Anreiz geben, sie abzusch\u00f6pfen und deshalb gewinnabh\u00e4ngige Boni zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Funktionale<\/em> Erkl\u00e4rungen, wie sie sich in der Biologie finden, wenn man das \u00dcberleben auf darwinistische Weise erkl\u00e4rt, bleiben ausgeklammert, ebenso <em>intensionale<\/em> Erkl\u00e4rungen. In denen ist das menschliche Gehirn Filter oder Sinngeber realer Fakten. Was das bedeutet, sei an einem alten Beispiel aufgezeigt:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Zwei Schuhverk\u00e4ufer werden nach Afrika geschickt. Beide stellen dort <em>dasselbe reale Faktum<\/em> fest:<span style=\"font-family: Arial;\"> Die Afrikaner tragen keine Schuhe:<\/span> Die Mainstream-Forschung w\u00fcrde nun im Sinne der Kausalit\u00e4t eine Beziehung zwischen diesem <em>realen<\/em> Faktum und einem anderen <em>realen Faktum<\/em> herstellen. Um die Aussage zu verallgemeinern, w\u00fcrde sie die Stichprobe vergr\u00f6\u00dfern und noch andere M\u00e4rkte oder Branchen einbeziehen.&nbsp;<em>Doch immer bleibt es eine Kausalbeziehung zwischen realen Fakten. Die Sichtweise der Menschen, ihr Denken \u00fcber die Fakten und deren Beurteilung, wird ausgeklammert, als habe sie keine Bedeutung f\u00fcr die analysierten Zusammenh\u00e4nge. Das aber ist bei einer intensionalen Erkl\u00e4rung ganz anders. Denn:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Verk\u00e4ufer A: Die Leute tragen keine Schuhe, kein Markt f\u00fcr uns. Verk\u00e4ufer B: Die Leute tragen keine Schuhe, ein Riesenmarkt f\u00fcr uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em> F\u00fcr beide Verk\u00e4ufer ist das reale Faktum dasselbe, doch sie denken anders dar\u00fcber. Aus einem einzigen objektiven Faktum werden durch intensionale Filterung zwei verschiedene intensionale Fakten. Diese und nicht die objektiven Fakten bestimmen dann das Handeln. Anders als in der Naturwissenschaft entscheidet allein, was die Verk\u00e4ufer (Falsches oder Richtiges) \u00fcber das objektive Faktum denken.<\/em> Falsche Informationen des Rechnungswesens steuern die Unternehmung ebenso wie richtige.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">In einer Wissenschaft vom menschlichen Handeln bestimmen nicht objektive Fakten \u00fcber unsere Zukunft, sondern \u2013 anders als in den Untersuchungen des naturwissenschaftsh\u00f6rigen Mainstreams \u2013 was wir Falsches oder Richtiges dar\u00fcber denken und zu welchen Handlungen dieses Denken f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Eine typische Untersuchung modernen Stils w\u00fcrde dagegen den (objektiven) Mangel an Fu\u00dfbekleidung mit den (objektiv) beobachtbaren Marketing-Aktivit\u00e4ten von Schuhproduzenten in Beziehung setzen. Das Intensionale bleibt eine nicht erforschte Black-Box und das Entscheidende bleibt dabei auf der Strecke: dass zwei Menschen aus demselben objektiven Faktum unterschiedliche Schl\u00fcsse f\u00fcr ihr Handeln ziehen. W\u00e4hrend der eine resigniert, weil hier kein Markt f\u00fcr Schuhe zu sein scheint, entdeckt der andere gerade wegen des Schuhmangels eine riesige Marktl\u00fccke. Die unterschiedliche subjektive Wertung desselben objektiven Faktums f\u00fchrt zu unterschiedlichen Handlungen.<span style=\"font-family: Arial;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Im Roman \u201eBlack out\u201c von Marc Elsberg gelingt Terroristen die Sabotage des Stromnetzes daher auch allein durch die Manipulation der <em>Anzeigen(!)<\/em> in Kraftwerken. Die Betreiber treffen die falschen Entscheidungen, nicht weil real etwas falsch <em>ist<\/em>, sondern weil sie aufgrund der Anzeigen falsch \u00fcber die Realit\u00e4t <em>denken<\/em>.&nbsp;<em>Auch self-destroying und self-fulfilling prophecies k\u00fcnden davon, dass nicht objektive Fakten, sondern subjektive Vorstellungen und Intensionen unser Handeln pr\u00e4gen. Diese subjektiven Faktoren kommen aber im naturwissenschaftlichen Paradigma des Mainstreams gar nicht vor:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eA theory of subatomic particles or the universe \u2013 right or wrong \u2013 does not change the behaviors of those particles or the universe. \u2026 In contrast, a management theory \u2013 if it gains sufficient currency \u2013 changes the behaviors of managers who start acting in accordance with the theory\u201d (S. 77).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>b.<\/strong> \u201cScholarship\u201d umfasst nach Boyer<a title=\"_ftn4\" href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> au\u00dfer Forschungswissen (discovery), auch integration, pratice, teaching:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201cOver the last 30 years, we have lost this taste for pluralism. What started off as an entirely justified effort for introducing the scholarship of discovery to the study of business has ended up in the excess of eliminating all other forms of scholarships from the world of business schools\u201d (S. 82).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Um in einem karrieref\u00f6rdernden Journal platziert zu werden und wissenschaftliche Meriten zu erwerben, z\u00e4hlt allein die Forschungsintelligenz unseres Nachwuchses im Sinne quasi-naturwissenschaftlicher Forschung (Discovery):<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eCombined with the pretence of knowledge, this ideology has lead management research increasingly in the direction of making excessive truth-claims based on partial analysis and both unrealistic and biased assumptions\u201d (S. 77).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Alles \u201eElefanten-Wissen\u201c (siehe B.), was auf diese Art gewonnen wird, ist vereinzelt und wird fragmentiert dargeboten, weil integrative Intelligenz (Integration, Synthesis) keinen Platz mehr findet und erneute \u00dcberpr\u00fcfungen den Drang nach der Erkenntnis neuer Zusammenh\u00e4nge nicht befriedigen und daher ebenfalls unerw\u00fcnscht sind.<a title=\"_ftn5\" href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> So lassen sich die Einzelbeitr\u00e4ge nicht mehr in einem Gesamtzusammenhang verorten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Verst\u00e4rkt wird dieser Trend durch kumulative Promotionen und Habilitationen, bei denen die Verfasser eine Sammlung verschiedener Aufs\u00e4tze anstelle eines gro\u00dfen Gesamtwerkes vorlegen. Wer heute eine gro\u00dfe monographische Arbeit schreibt, dem fehlen f\u00fcr eine wissenschaftliche Karriere schlicht die Ver\u00f6ffentlichungen in den A-Journals. \u201ePublish or Perish\u201c gilt mehr denn je auch in Deutschland und damit der Druck, den \u201ePeer-Reviews\u201c in Richtung des Mainstreams aus\u00fcben. Durch deren kanalisierendes Wirken nimmt sich die Wissenschaft aber selbst ihre Vielfalt und Flexibilit\u00e4t.<a title=\"_ftn6\" href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Lehrintelligenz (Pedagogy) wird zum l\u00e4stigen Beiwerk. P\u00e4dagogische Eignung der Wissenschaftler nach Inhalt und Form wird kaum mehr f\u00fcr notwendig gehalten. Wo es Eignungspr\u00fcfungen daf\u00fcr gibt, werden sie nur halbherzig durchgef\u00fchrt. Wie sehr selbst zwingend erwartete Lehrinhalte seit dem Kotau der BWL vor dem naturwissenschaftlichen Ideal hintanstehen, zeigt sich etwa in der betriebswirtschaftlichen Steuerlehre.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Nachwuchswissenschaftler m\u00fcssen auch hier in internationale Journals kommen, in denen die Beitr\u00e4ge nichts mit den Einzelheiten des deutschen Steuersystems zu tun haben (d\u00fcrfen). Doch die Studierenden erwarten von den Lehrstuhlinhabern zun\u00e4chst gerade das: eine Ausbildung in Grundz\u00fcgen und Feinheiten des deutschen Steuerrechts. Sich darin kundig zu machen, daf\u00fcr gibt es f\u00fcr unseren Professorennachwuchs aber faktisch keine Anreize mehr. Wer sich als junger Forscher damit aufh\u00e4lt, schafft es nie mehr in die den Berufszugang regelnden Journals. Deren methodische Anforderungen sind umgekehrt aber irrelevant f\u00fcr die sp\u00e4tere Praxis der Studierenden. F\u00fcr die Lehre bringen diese Kenntnisse daher fast nichts, falls man von Doktorandenseminaren und Graduiertenkollegs absieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Wie in der Lehre tritt die praktische Intelligenz (Application) insgesamt in den Hintergrund, seit sich die Mehrheit der Fachvertreter gest\u00fctzt vom Bachelor- und Masterwesen entschieden hat, dem angels\u00e4chsischen Mainstream anzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Das zeigt sich nirgends st\u00e4rker als in Graduiertenkollegs, in denen abgegrenzte Forschungsfelder methodenkonform und in akad\u00e4mlicher Fronarbeit st\u00fcckchenweise beackert werden. Wer einmal diesen asketischen Weg der Vergeistigung alles Seins beschreitet, hat sich allein f\u00fcr die Weihen der Wissenschaft entschieden, f\u00fcr Discovery. Er ist durch Verlust von Alltagsverst\u00e4ndnis meist untauglich geworden f\u00fcr den Austausch mit der Praxis: \u201cIt is not only morality, however, that has been a victim of this endeavor of business academics to make management a science; common sense, too, has suffered a toll.\u201d(S. 79)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Umgekehrt verstellt diese Denkweise externen Promovenden den Weg zur Wissenschaft. Sie k\u00f6nnen parallel zum Beruf den gigantischen Methodenanforderungen des heutigen Mainstreams kaum mehr gen\u00fcgen, denn die Synergien sind dazu faktisch Null. Das Einzige, was diese Wissenschaft noch von der Praxis erwarten kann, ist \u201ethe slack created by generous endowments\u201c (S. 89). Also Spenden von dankbaren Alumni. Denn die Theorien der Wissenschaft nehmen trotz ihrer seltsamen Realit\u00e4tsferne st\u00e4rker Einfluss auf die Praxis als die Praktiker es wahrhaben wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Zu 3.<\/strong>: Man stelle sich dazu eine Theorie vor, deren Ausgangspunkt die Annahme ist, dass alle Manager zum eigenen Vorteil und gegen die Interessen ihres Auftraggebers handeln, sobald sie Gelegenheit dazu haben: \u201eagents who are self-centered and are only interested in using company ressources to their own advantage\u201c (S. 80).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Mit solchen Managern k\u00f6nnte man niemals Unternehmungen aufbauen, die andere Stakeholder begeistern.<\/em> Weder f\u00fcr Lieferanten noch f\u00fcr Kunden, weder f\u00fcr Mitarbeiter noch f\u00fcr Anteilseigner w\u00e4ren das \u201cdelightful organizations\u201d.<a title=\"_ftn7\" href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Alles st\u00fcnde unter dem Verdacht des Betruges, h\u00e4tte die deprimierende Anfangslast des Misstrauens zu tragen. Und doch ist genau das eine Grundfigur und der Tenor des \u00f6konomischen Mainstreams:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eIn courses on corporate governance grounded in agency theory \u2026 we have taught our students that managers cannot be trusted to do their jobs \u2026 and that to overcome \u201eagency problems\u201c, managers\u2018 interests and incentives must be aligned with those of the shareholders, by, for example, making stock options a significant part of their pay\u201d (S. 75).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Anreize sind daf\u00fcr da, das opportunistische Verhalten <em>solcher<\/em> zur Begeisterung unf\u00e4higen Manager unter Kontrolle zu halten. Und das, obwohl l\u00e4ngst nicht alle Menschen so moralfrei sind oder sein m\u00fcssen, wie die Agency-Theorie das unterstellt. Selbstselektion und Selbstbest\u00e4tigung tendieren aber dazu, dass bei der praktischen Anwendung am Ende (fast) alle so handeln, wie man es in der Theorie und in den daraus abgeleiteten Boni-Systemen nur von den Schlechtesten angenommen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Dieses \u201eDilemma des Aufsehers\u201c erkl\u00e4rt sich durch die Selbstbest\u00e4tigung der Vorurteile, die bei der Konstruktion von Kontroll- und Anreizsystemen mit negativem Menschenbild Pate gestanden haben. Unterstellt man, dass Menschen unter Kontrolle gehalten werden m\u00fcssen, weil sie sich stets der Kontrolle entziehen, wird man gerade bei versch\u00e4rfter Kontrolle genau das beobachten. Das ist dieselbe Erfahrung, die man bei der Anwendung der Theorie X von McGregor macht<a title=\"_ftn8\" href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eMany of the worst excesses of recent management practices have their roots in a set of ideas that have emerged from business school academics over the last 30 years (S. 75). \u2026 More specifically, I suggest that by propagating ideologically inspired amoral theories, business schools have actively freed their students from any sense of moral responsibility (S.76). \u2026 Combine ideology-based gloomy vision with the process of self-fulfilling prophecy and it is easy to see how theories can induce some of the management behaviors and their associated problems we have witnessed (S. 84). \u2026 <em>Instead of controlling and reducing opportunistic behavior of people, it is likely to actually create and enhance such behaviors\u201c<\/em> (S. 85, Hervorhebung hier!).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die in der Verg\u00fctungsfrage dominierende Agency-Theorie hat die Praxis tief beeinflusst. Danach k\u00f6nnen nur Anreize durch Boni ethisch vertretbares Handeln im Interesse der Anteilseigner sicherstellen. Boni k\u00f6nnen scharfe Kontrollaktivit\u00e4ten wirksam ersetzen.&nbsp;<em>Doch von verantwortungsvollem Handeln des Vorstands kann dann nicht mehr die Rede sein:&nbsp;<strong>Vertrauen und Verantwortung stecken nicht mehr in den handelnden Menschen, sondern nur noch in der objektiven Lenkungskraft der Boni-Systeme.<\/strong><\/em>&nbsp;Die Vorstandsmitglieder mutieren zu domptierten, ethikbefreiten Homunculi, zu Kreationen einer Theorie mit pessimistischen Annahmen \u00fcber die menschliche Natur. Sie sind, um es mit Keynes zu sagen, \u201eSklaven l\u00e4ngst verstorbener \u00d6konomen\u201c<a title=\"_ftn9\" href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> und bei dieser Ausrichtung der Theorie peinliche Frankenstein-Klone der Wissenschaft:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eCombine agency theory with transaction costs economics, add in standard versions of game theory and negotiation analysis, and the picture of the manager that emerges is one that is now very familiar in practice: the ruthlessly hard-driving, strictly top-down, command-and-control focused, shareholder-value-obsessed, win-at-any-cost business leader \u2026\u201d (S. 85).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">In Erkenntnis dieser Zusammenh\u00e4nge sind wir \u00d6konomen mit der Agency-Theorie unserer sozialen Verantwortung nicht gerecht geworden:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eIn the desire to create and protect the pretence of knowledge \u2013 in our venture to make business studies a science \u2013 we may have gone too far in ignoring the consequences not only for our students but also for society\u201d (S. 88).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Bennis, Warren (2000): Managing the Dream: Reflections on Leaderships and Change. Oxford.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Boyer, Ernest L. (1990): Scholarship Reconsidered \u2013 Priorities of the Professoriate, Princeton, NJ.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Crass, Lisa (2012): Die Verg\u00fctung von Vorstandsmitgliedern b\u00f6rsennotierter Aktiengesellschaften. Eine rechtliche und \u00f6konomische Analyse der Vorstandsverg\u00fctung und Wege zu einer optimierten Verg\u00fctungspolitik. Hamburg<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ghoshal, Sumantra (2005): Bad Management Theories Are Destroying Good Management Practices. In: Academy of Management Learning &amp; Education Vol. 4, S. 75-91.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Hayek, Friedrich August von (1989): The Pretence of Knowledge. In: American Economic Review, Vol. 79 (6), Dezemberheft 3-7.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Keynes, John Maynard (1953): The General Theory of Employment, Interest and Money. New York.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">McGregor, Douglas (1960): The Human Side of Enterprise. New York.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Osterloh, Margit\/Frey, Bruno S. (2008): Anreize im Wissenschaftssystem. In: CREMA -Center for Research in Economics, Management and the Arts, Switzerland. Arbeitspapier vom 12. September.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Wolf, Joachim (2009): Der schlaue Weg zur Publikation. Hohe Spezialisierung unter dem Druck zum internationalen Publizieren hat ihren Preis. In der Forschung nimmt oft niemand mehr zur Kenntnis, was die anderen machen. Ein Beispiel aus der Betriebswirtschaftslehre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Januar, S. N5.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Wissenschaft, die Wissen schafft?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Willst Du auch ins A-Journal,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">sind Inhalte doch ganz egal.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Such Dir einfach was Banales,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">was v\u00f6llig Doofes, Triviales!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Und, so fordert es die Mode,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">w\u00e4hl eine wahnsinnige Methode.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Als hehres Kleid der Wissenschaft<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">sie Ruhm und Ehre Dir verschafft.<\/p>\n<p align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. von Hayek (1989).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Bei der Vorstandsverg\u00fctung etwa von der Arbeit der Juristin Lisa Crass (2012).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref3\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die folgenden Zitate und Hinweise stammen s\u00e4mtlich aus Ghoshal (2005) und sind durch Anf\u00fchrungszeichen und Seitenangaben markiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref4\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Vgl. dazu Boyer (1990).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref5\" href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Vgl. dazu auch Wolf (2009).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref6\" href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Vgl. Osterloh\/Frey (2008), S. 3, 8-10.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref7\" href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Vgl. dazu Bennis (2000).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref8\" href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Vgl. dazu McGregor (1960).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref9\" href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Keynes (1953), S. 306, spricht von \u201eslaves of some defunct economist\u201d.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=206\"><span style=\"font-size: small;\">PDF-Datei<\/span><\/a><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\nThis post was downloaded by  1035 people until now.<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die unwirtschaftliche Art, Wirtschaftswissenschaft zu betreiben Von wegen Schwarmintelligenz: Selbst eine Gemeinschaft intelligenter Menschen kann kollektiv unf\u00e4hig sein, falsche Entscheidungen zu korrigieren.&nbsp;(Neschle) Warum ist der Weise so still? \u2013 Weisheit kommt zwar mit dem Alter, aber auch die Erkenntnis, dass die Jungen das Weise nicht h\u00f6ren wollen.&nbsp;(Neschle) Vor ein paar Monaten hat Neschle fast hundert &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-81-48-woche-2013\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 81 (48. 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