{"id":576,"date":"2012-04-23T08:14:41","date_gmt":"2012-04-23T07:14:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/au-aufschrei\/au-aufschrei-55\/"},"modified":"2020-06-18T16:15:59","modified_gmt":"2020-06-18T15:15:59","slug":"au-aufschrei-55","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/au-aufschrei\/au-aufschrei-55\/","title":{"rendered":"Au &hellip; Aufschrei 55"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #4f81bd\">Pauschale abschaffen, <\/span><\/strong><br \/>\n<strong>Pendler zus\u00e4tzlich besteuern?<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ein \u201eExperte\u201c ist l\u00e4ngst kein Fachmann!<\/strong><\/p>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\">Jetzt muss Neschle zur Kr\u00e4he werden, die sonst keiner anderen ein Auge aushackt und kr\u00e4ftig zupicken auf einen Kollegen, der von der Presse \u201eExperte\u201c genannt wird: Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Direktor und Sprecher der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun mag der Kollege \u201eExperte\u201c f\u00fcr \u201einternationale Wirtschaftsbeziehungen\u201c sein und beim \u00fcblichen Fachidiotismus auch bleiben. Aber \u201eExperte\u201c f\u00fcr \u201enationale Steuer- und Verkehrspolitik\u201c ist er nicht und wird es nie werden, sofern man \u201eExperte\u201c nicht als Schimpfwort benutzt. Dennoch hat er sich in der Presse dazu ge\u00e4u\u00dfert: \u201eAbgas, Verkehrsl\u00e4rm, Stau oder Parkplatzmangel k\u00f6nnen gute Gr\u00fcnde sein, die Pendlerpauschale abzuschaffen und sie durch eine Pendlersteuer zu ersetzen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Guten Morgen, Herr Professor! M\u00fcsste es nicht hei\u00dfen: \u201eAbgas, Verkehrsl\u00e4rm, Stau oder Parkplatzmangel k\u00f6nnen gute Gr\u00fcnde sein, <em>das Auto<\/em> abzuschaffen und eine zus\u00e4tzliche Autosteuer einzuf\u00fchren\u201c? Die ganze Scheune abbrennen ist n\u00e4mlich das Einzige, was auf Dauer gegen M\u00e4use hilft. Warum aber die Pendler bestrafen und allein die Pendler? Mit Verlaub, Herr Straubhaar, da str\u00e4ubt sich mein K\u00f6rperhaar.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der <em>erste Einwand<\/em> ist also: Warum greift sich der verwirrte Herr Professor Straubhaar bei den genannten Problemen willk\u00fcrlich einen Teil der Autofahrer. Wie w\u00fcrde er es finden, wenn nur er von der Polizei aus einem Pulk von zehn Radfahrern herausgefischt w\u00fcrde, die \u00fcber eine rote Ampel gefahren sind? <em>Z\u00e4hlen denn Gleichbehandlung durch den Staat und steuerliche Gerechtigkeit nichts mehr?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der <em>zweite Einwand<\/em>: Aus denselben Gr\u00fcnden, die der \u201eExperte\u201c nennt, gibt es schon eine Reihe von Steuern auf den Autoverkehr. Bei den Pendlern ist das zus\u00e4tzlich zu allen anderen bereits eine <em>viel zu niedrige Pendlerpauschale. Soll nun die Reihe dieser Steuern weiter verl\u00e4ngert werden, dann doch wohl nicht nur f\u00fcr Pendler!?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Von gr\u00fcner Seite werden allein die negativen externen Effekte des Verkehrs genannt, die positiven verschwiegen. Beachtet man aber nur diese negativen Effekte, so wird die gr\u00fcne Position insgesamt zur Farce: Jeder zus\u00e4tzliche Mensch ist f\u00fcr die Erde \u00f6kologisch von Nachteil. Ein \u201eechter\u201c Gr\u00fcner, der Kinder zeugt , einen Hund h\u00e4lt oder dieser Erde \u00fcber 30 Jahre zur Last fallen will, ist daher ein Widerspruch in sich. Gr\u00fcne Eltern, Hundehalter oder \u00dcberlebensk\u00fcnstler mit einem Di\u00e4tplan f\u00fcr ein 100-j\u00e4hriges Leben m\u00fcssen sich bei solchen Argumenten in ihrer Lebensl\u00fcge einrichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nimmt aber nun die positiven externen Effekte des Verkehrs hinzu, die nicht nur den Verkehrsteilnehmern selbst, sondern auch anderen und der Allgemeinheit nutzen, dann ist der Verkehr nicht mehr allein sch\u00e4dlich, sondern auch n\u00fctzlich. Erst wenn wir diesen Netto-Effekt betrachten, sind uns nicht die Sinne vernebelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der <em>dritte Einwand<\/em>: Gleichbehandlung und steuerliche Gerechtigkeit. Von dieser Materie versteht oder h\u00e4lt Herr Straubhaar nichts oder er wei\u00df es nicht besser.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sehen wir uns dazu mal einen Freiberufler und einen Arbeitnehmer an, die eine geraume Zeit f\u00fcr dieselbe Unternehmung arbeiten! Offenbar findet der Professor nichts dabei, wenn der Freiberufler die gesamten Autokosten f\u00fcr seinen S-Klasse Mercedes absetzen, der Arbeitnehmer aber mit der Pendlerpauschale mittlerweile nicht einmal die H\u00e4lfte der Kosten seines Opels geltend machen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Gegenteil: W\u00e4hrend der Freiberufler auch weiter die Kosten f\u00fcr seinen PKW steuerlich abrechnet, bekommt der bislang schon benachteiligte Pendler noch eine Zusatzsteuer aufgebrummt, offenbar weil <em>nur sein<\/em>(!!!) Auto \u201eAbgas, Verkehrsl\u00e4rm, Stau oder Parkplatzmangel\u201c verursacht, aber nicht das Auto des Freiberuflers, LKW oder Lieferfahrzeuge. Und weil die das nicht tun, ist allein eine Zusatzbelastung der Pendler richtig. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch, Herr Experte, f\u00fcr diesen Dummfick des Jahres!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der <em>vierte Einwand<\/em>: Man mag es nicht mehr h\u00f6ren, das ber\u00fcchtigte \u201eWerktorprinzip\u201c, wodurch der Mensch selbst zum Werks-Tor gemacht wird. Von abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten(!) verlangt es, seiner Arbeit immer ans jeweilige Werkstor hinterherzuziehen. Und weil erst an diesem Werkstor die Arbeit beginnt, sind alle Kosten, um dorthin zu gelangen, vom Arbeitnehmer selbst zu tragen. Sie sind \u201esein eigenes Vergn\u00fcgen\u201c, Konsumausgaben und keine Investition in seine Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Lebensphilosophie dahinter kann lebensfeindlicher und unmenschlicher kaum sein. Sie ist Relikt einer Gesellschaft mit Sklavenarbeit. Das wird am deutlichsten, wenn wir eine Familie betrachten:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie wohne seit Jahren in X. Dort und in zwei Nachbarorten besuchen die drei Kinder Grund- und weiterf\u00fchrende Schulen. Beide Eltern arbeiten bedingt durch Insolvenzen ihrer fr\u00fcheren Arbeitgeber an zwei verschiedenen Orten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Werkstorprinzip setzt nun voraus, dass Ehemann und Ehefrau ihrer jeweiligen Arbeit nachziehen und das Schicksal ihrer Kinder unbeachtet lassen. Das ist beim Werkstorprinzip ein hinzunehmender \u201eKollateralschaden\u201c f\u00fcr die betroffenen Arbeitnehmern und deren Kinder.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Dieses Werktorprinzip verlangt vom Menschen, nur um seiner Arbeit willen und allein f\u00fcr seine Arbeit zu leben. Er ist Sklave seiner Arbeit oder wird durch dieses Prinzip dazu gemacht.<\/em> Daher zwingt ihn seine Arbeit, ihr stets zu folgen. Sein privates Interesse muss dahinter strikt zur\u00fcckstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Denken wir aber versuchsweise einmal mit der umgekehrten Lebensphilosophie: \u201eDer Mensch arbeitet, um zu leben.&#8220; Dann ist der Zweck menschlichen Daseins nicht die Arbeit, sondern sein \u201eselbstbestimmtes Leben&#8220;. Darf der Mensch in diesem Sinne zun\u00e4chst seinen oder den Lebensmittelpunkt seiner Familie (mit-)w\u00e4hlen, ist der Weg von dort zum Werkstor eine Investition in seine Arbeit und kein Konsumvergn\u00fcgen mehr, das aus versteuertem Einkommen zu leisten ist oder sogar zus\u00e4tzlicher Besteuerung bedarf. <\/em>Genau diese und nur diese Sicht entspricht der Lebenswirklichkeit: Denn fragt man Pendler, wird man kaum einen finden, dem das Pendeln Konsum-Spa\u00df bereitet und der es daher nicht als Investition in seinen Job sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was aber bedeutet das f\u00fcr die Pendlerkosten: Sie m\u00fcssten wie die Fahrtkosten des oben genannten Freiberuflers steuerlich <em>vollst\u00e4ndig<\/em>(!!!) geltend gemacht werden k\u00f6nnen. <em>Die Pendlerpauschale kommt allein als Vereinfachung des Steuererhebungsverfahrens in Betracht. Eine Pendlerpauschale, die weniger als der H\u00e4lfte der tats\u00e4chlichen Pendlerkosten entspricht, bedeutet die steuerliche Benachteiligung aller abh\u00e4ngigen Besch\u00e4ftigten und derjenigen, der Fahrkostenentsch\u00e4digung man nach dieser Pauschale bemisst.<\/em> Denn diese m\u00fcssen jede Entsch\u00e4digung dar\u00fcber hinaus versteuern. Das ist aber keine Besteuerung des Einkommens, sondern eine Besteuerung des Aufwands. Pauschalen, die sich derma\u00dfen weit von der Realit\u00e4t entfernen, verdienen nicht einmal mehr den Namen \u201ePauschale\u201c. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Professor Straubhaar will einen Steuerstaat, der Steuern nicht nur zur gerechten und gleichm\u00e4\u00dfigen Besteuerung einsetzt, sondern einen, der Steuern vor allem zum Steuern nutzt, um seine B\u00fcrger zu bevormunden und zu lenken. Dabei schreckt er vor ungleichm\u00e4\u00dfiger und willk\u00fcrlicher Behandlung und vor ungleichm\u00e4\u00dfiger Aufwandsbesteuerung (statt Einkommensbesteuerung) allein bei abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigten Pendlern nicht zur\u00fcck. Andere sollen mit Autos und LKWs ohne zus\u00e4tzliche Steuerstrafe weiter f\u00fcr L\u00e4rm und Stau sorgen d\u00fcrfen, die Pendler nicht. Und positive externe Effekte des Verkehrs gibt es nicht, meint dieser \u201eVerkehrs- und Steuerexperte\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Konferenz-Glossar des ber\u00fchmten National\u00f6konomen George J. Stigler kann Herrn Straubhaar vielleicht ein wenig Demut vermitteln: \u201e Es ist gut, dass sich auch einmal ein Nichtspezialist mit unserem Problem befasst. Da kann immer ein neuer Gesichtspunkt auftauchen. Aber im Allgemeinen \u2013 und so auch hier \u2013 zeigen sich wieder mal einmal die Vorz\u00fcge der Arbeitsteilung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sehr geehrter Herr Straubhaar! K\u00fcmmern Sie sich doch bitte um Gottes willen weiter um die \u201einternationalen Wirtschaftsbeziehungen\u201c und lassen Sie Ihre Synapsen nicht an die Themen \u201eSteuern und Verkehr\u201c heran! Das sind die nicht gewohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vielleicht haben Sie auch nicht lange und nicht konsequent genug dar\u00fcber nachgedacht. Denn denkt ein \u201eExperte\u201c lange und tief \u00fcber Probleme nach und redet dar\u00fcber dann mit vielen Kennern, k\u00f6nnte man ihn vielleicht bald sogar \u201eFachmann\u201c nennen. Ansonsten bleibt \u201eExperte\u201c nur ein Schimpftitel, den Sie, Herr Professor Dr. Straubhaar, in Bezug auf \u201eSteuern und Verkehr\u201c mit gutem Recht tragen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=185\"><span style=\"font-size: small;\">PDF-Datei<\/span><\/a><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\nThis post was downloaded by  1006  people until now.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pauschale abschaffen, Pendler zus\u00e4tzlich besteuern? Ein \u201eExperte\u201c ist l\u00e4ngst kein Fachmann! 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