{"id":564,"date":"2012-03-09T12:56:33","date_gmt":"2012-03-09T11:56:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-76-11-woche-2012\/"},"modified":"2020-06-20T14:12:41","modified_gmt":"2020-06-20T13:12:41","slug":"leon-neschle-76-11-woche-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-76-11-woche-2012\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 75 (11. Woche 2012)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><span style=\"color: #4f81bd\"><strong>Forumskinder feiern Forumskinder <\/strong><a title=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a><strong> \u2013 <\/strong><br \/>\n<strong>Skandal-Klausur, Flashmob und Bachelorismus<\/strong><\/span><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Das bessere Image privater Hochschulen ist dem Grundsatz zu verdanken: \u201eSchei\u00dfe nie auf die eigene Spielwiese!&#8220;. Mein Hund kennt diesen Grundsatz, Studenten \u00f6ffentlicher Hochschulen nicht. <\/em>(Neschle)<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201e\u2018<b>Flashmob\u2018<\/b> (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Englische_Sprache\">englisch<\/a>: <b>Flash mob;<\/b> <i>flash<\/i> = Blitz; <i><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mob_%28Personen%29\">mob<\/a><\/i> [von <i>mobilis<\/i> beweglich] = aufgewiegelte Volksmenge, P\u00f6bel)\u201c bezeichnet <i>nach Wikipedia<\/i> (Das darf ich hier!) \u201eeinen kurzen, scheinbar spontanen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Menschenauflauf\">Menschenauflauf<\/a> auf \u00f6ffentlichen oder halb\u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen, bei denen sich die Teilnehmer pers\u00f6nlich nicht kennen und ungew\u00f6hnliche Dinge tun.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Um einen solchen Flashmob an einem virtuellen Ort im Internet geht es hier. Dessen \u201escheinbare\u201c Spontaneit\u00e4t wurde von einer \u201eunfairen\u201c Klausur f\u00fcr den Bolognese-Bachelor verursacht. Auch dieser Flashmob verschwand pl\u00f6tzlicher als er entstanden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>A. Flashmob f\u00fcr Forumskinder<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Was war nicht alles los im Netz, direkt nachdem die \u201eSkandal-Klausur\u201c geschrieben oder eben nicht geschrieben wurde. Denn viele Studenten hatten sie gleich abgegeben, ohne sie zu bearbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Doch zwei Tage sp\u00e4ter kam die Musterl\u00f6sung vom Lehrstuhl. Von da an fand sich keine Kritik mehr im Netz. Die Aufregung hatte sich v\u00f6llig gelegt. Der Lehrstuhl erhielt sogar einige pers\u00f6nliche Entschuldigungen \u00fcber private Mails.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Dabei waren zuvor die Wellen hochgeschlagen. Ich wurde (meist anonym) als \u201eBetr\u00fcger\u201c und der \u201estudentenfeindlichste Professor\u201c beschimpft, der sich auf Kosten seiner Studenten \u201eprofilieren will\u201c. Das waren schon \u201eungew\u00f6hnliche Dinge\u201c bei diesem Flashmob im Netz, die auch unter meine G\u00fcrtellinie (feige und \u201eohne Eier\u201c) gingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Deutlicher noch als auf der Facebook-Seite des Lehrstuhls \u00e4u\u00dferten sich die Studenten auf der Seite der Fachschaft. Da wollte man mich einer politischen \u00dcbung folgend wegen der Skandal-Klausur \u201eaus dem Amt jagen\u201c oder \u201ezum R\u00fccktritt zwingen\u201c. Die Kommentare waren so \u201edeutlich\u201c, dass der Administrator die deftigsten korrigieren oder sogar Teile l\u00f6schen musste, weil er juristische Folgen f\u00fcrchten musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ob meine Kritiker s\u00e4mtlich Studierende und Betroffene waren, l\u00e4sst sich wegen der Anonymit\u00e4t des Netzes gar nicht sagen. Trotzdem gehen Forumskinder davon aus. Erfahrungsgem\u00e4\u00df feiern jedoch beim Head-Bashing unter dem Schutz der (vermeintlichen) Anonymit\u00e4t einige \u201enur so\u201c mit. Aber keines der Forumskinder w\u00fcrde danach fragen, denn: Mitfeierer st\u00e4rken ihre Macht. Eine Studentin rief sogar dazu auf, m\u00f6glichst viele <em>Nichtbetroffene<\/em>(!) sollten sich am \u201eWiderstand\u201c gegen mich beteiligen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Eine andere Frage stellen Forumskinder schon: Manipuliert jemand ihre Foren? Sollte sich jemand auf die Seite des Angegriffenen stellen, fallen daher alle Forumskinder \u00fcber ihn her. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, verd\u00e4chtigen sie ihn, Strohmann ihrer Zielperson oder gar die Zielperson selbst zu sein. Das muss niemand belegen, das wissen Forumskinder, ohne es zu pr\u00fcfen. Denn es steht fest: Ihre Zielperson ist ein moralisches Schwein und sie selbst eine moralische Macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Folglich schadet jeder, der in solchen Foren f\u00fcr das Opfer Partei ergreift, nicht nur sich selbst, sondern dem Image des Opfers. Das kann sich nicht einmal mehr \u00fcber echte Unterst\u00fctzer freuen. Die merken es aber durch die Reaktion der Forumskinder meist schnell, was sie da entgegen ihrer Absicht anrichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Das Schlimmste aber ist, wenn Kommentare gel\u00f6scht werden. Kein Forumskind kann sich vorstellen oder will wahrhaben, dass eines der ihren einen scharfen Kommentar zur\u00fcckziehen k\u00f6nnte. Also verd\u00e4chtigen sie den Administrator, vor allem wenn der f\u00fcr die Zielperson arbeitet und man seine Beschimpfungen direkt auf deren Seite gesudelt hat. Denn Forumskinder kennen trotz Anonymit\u00e4t in den Foren alle Leute genau und wissen alles \u00fcber sie. Viel mehr als \u00fcber sich selbst! ;-))<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Gegen diese Verd\u00e4chtigung des Administrators, die unter Forumskindern als Gewissheit gehandelt wird, kann der Angeschuldigte nichts ausrichten. Denn er allein scheint ein Interesse daran zu haben, kritische Kommentare zu l\u00f6schen. Daher k\u00f6nnen Forumskinder sogar auf den Trick verfallen, Kommentare erst zu schreiben und dann wieder zu l\u00f6schen. Sie k\u00f6nnen sicher sein: Die anderen Forumskinder schieben die Schuld f\u00fcr die L\u00f6schung dem Administrator zu und wehe der ist zudem f\u00fcr die Zielperson t\u00e4tig. Dann steckt diese Person nat\u00fcrlich auch dahinter. Sie ist sogar Teil einer gro\u00dfen Weltverschw\u00f6rung gegen die Forumskinder. Die werden deshalb in ihrer Opferrolle m\u00e4chtig aufgewertet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ein vermeintlich vom Angeschuldigten, seinen Helfern oder Helfershelfern gel\u00f6schter Kommentar wird daher durch w\u00fctende Unterstellungen und Reaktionen auf allen m\u00f6glichen Web-Seiten beantwortet. Forumskinder lassen sich eben nicht unterkriegen. Sie schrecken auch nicht davor zur\u00fcck, gel\u00f6schte Kommentare, die sie vorsorglich kopiert haben, wieder hochzuladen, selbst gegen den Willen des urspr\u00fcnglichen Verfassers, wenn der sie gel\u00f6scht hat. Wen wundert es, dass es bei dem virtuellen Flashmob in Reaktion auf die \u201eskandal\u00f6se\u201c Gesellen-Klausur \u00e4hnlich war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die massiven \u00f6ffentlichen Beschuldigungen hatten merkw\u00fcrdige Folgen:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">1. Die Forumskinder (gut 50 Betroffene [und Mitl\u00e4ufer?] hat jemand gez\u00e4hlt) f\u00fchlten sich in der Mehrheit. Einer der Studierenden schrieb: 99% h\u00e4tten sich \u00fcber diese Skandal-Klausur beschwert. Doch selbst wenn die f\u00fcnfzig meist \u201eanonymen\u201c Teilnehmer der Diskussion s\u00e4mtlich Betroffene waren(?!), h\u00e4tten sie nicht einmal 10% der Klausurteilnehmer ausgemacht. Da werden die Beschwerdef\u00fchrer von Forumskindern einfach mal zur Grundgesamtheit erkl\u00e4rt und schon ist man bei 100%.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">2. Obwohl schon bei einer \u201enormalen\u201c Klausur viele Studierende durchfallen, gingen 100% der Forumskinder davon aus, dass<em>wirklich nur die hier kritisierte<\/em> Klausur nicht zu schaffen war. Kleines Gedankenspiel: Fielen selbst bei einer \u201efairen\u201c Klausur 50% aller Studenten durch, glauben bei einer \u201eunfairen\u201c trotzdem 100%, sie h\u00e4tten eine \u201efaire\u201c Klausur bestanden. Jedenfalls vermitteln sie den Eindruck. Denn:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Das erh\u00f6ht die Wut auf den Klausursteller, weil <em>er allein<\/em> f\u00fcr das Scheitern verantwortlich (gemacht) wird. \u2013 Erfahrungen sagen aber genau das Gegenteil: Die Durchfallquote unter den Beschwerdef\u00fchrern h\u00e4tte bei einer \u201enormalen\u201c Klausur eher \u00fcber dem Durchschnitt gelegen. Aber davon will keines der Forumskinder etwas wissen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">3. Der Vater einer Studentin nahm sich den Internet-Hype so zu Herzen, dass er sich gleich am Tag danach (ohne meine Reaktion abzuwarten) in einer Mail an den Rektor dagegen verwahrte, dass ich seine Tochter \u201evorf\u00fchre\u201c. Er nahm zu Inhalten von Vorlesungen und \u00dcbungen Stellung, die er nie selbst besucht hatte. Dadurch f\u00fchrte er aber eher selbst seine Tochter vor, indem er ihr mit seiner Mail ihre M\u00fcndigkeit absprach.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Einer meiner Mitarbeiter kommentierte das mit den Worten: \u201eJetzt beschweren sich bereits Eltern in Vertretung (?) ihrer Kinder. Aus diesem Grunde sollten wir keine Sprechstunde mehr anbieten, sondern einen Elternsprechtag! Danke Bologna!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ein anderer war entsetzt dar\u00fcber, dass diese Tochter ausgerechnet Lehrerin werden wollte. Und das wahrscheinlich an einer Berufsschule! Sollte sie ihren Vater vorgeschickt haben (?), wird der wohl in Zukunft auch ihre beruflichen Probleme l\u00f6sen m\u00fcssen, meinte ein dritter Mitarbeiter, der sich dar\u00fcber im Fremdsch\u00e4men erging.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Deutlicher als dieser Vater kann niemand die Verschulung des Studiums nach Bologna zum Ausdruck bringen und genau vor dieser Verschulung hatte ich in meinem ersten Neschle \u00fcberhaupt gewarnt (<a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/5\/\">Leon Neschle 1<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der Rektor der Universit\u00e4t gab das Schreiben des Vaters an die zust\u00e4ndige(???) \u201eOmbudsfrau f\u00fcr Studierende\u201c weiter und die wendete sich f\u00fcr eine Stellungnahme an mich, nicht ohne das Schreiben des Vaters vorher vollst\u00e4ndig zu anonymisieren. Bevor ich in meiner Stellungnahme (dann auch) auf die inhaltlichen Argumente des Vaters(!!!) einging, schrieb ich etwa Folgendes:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>In dieser Angelegenheit wendet sich keine Studierende an Sie, sondern (angeblich?!) ihr Vater. Wir als Universit\u00e4t haben aber weder eine Elternpflegschaft noch eine Elternbeauftragte. Soweit die Studierende vollj\u00e4hrig und m\u00fcndig ist, braucht der Vater also die Vollmacht seiner Tochter. Hat er eine solche vorgelegt oder haben Sie danach gefragt? Meine T\u00f6chter w\u00fcrden mir daf\u00fcr niemals eine Vollmacht geben; sie w\u00fcrden sich f\u00fcr mich sch\u00e4men!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Wir haben es zum Gl\u00fcck (meist) mit m\u00fcndigen Studierenden zu tun und so sollten wir sie behandeln. Also m\u00fcssen wir die Tochter fragen, was sie von dem Schreiben ihres Vaters h\u00e4lt! Denn allein f\u00fcr sie (nicht f\u00fcr den Vater!) sind Sie als \u201eOmbudsfrau f\u00fcr Studierende\u201c zust\u00e4ndig!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Ich k\u00f6nnte mir denken, dass die Tochter reagiert, wie die meisten Studierenden, nachdem ich die Musterl\u00f6sung ver\u00f6ffentlicht habe. Gerade meine sch\u00e4rfsten Kritiker haben sich daraufhin in Mails an mich entschuldigt: f\u00fcr ihre Entgleisungen, aber auch f\u00fcr ihre inhaltliche Kritik. Leider waren nur die Anschuldigungen \u00f6ffentlich, die Entschuldigungen aber privat! <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Ich sehe zudem nicht ein, warum ich mich anonym beschuldigen lassen muss, aber pers\u00f6nlich antworten soll. Wer sich beschwert, sollte das offen tun m\u00fcssen, so wie er das auch vom Antwortenden erwartet. \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Es ist nicht meine Aufgabe zu pr\u00fcfen, ob unsere \u201eOmbudsfrau f\u00fcr Studierende\u201c das Schreiben des Vaters beantwortet hat und ihm meine inhaltlichen Argumente mitgeteilt hat. Soweit das der Fall war, macht sie sich damit zus\u00e4tzlich zur \u201eElternbeauftragten\u201c und f\u00f6rdert beim Vater die bolognatypische Auffassung, die Universit\u00e4t sei die direkte Fortf\u00fchrung der Schule und solle die Studierenden in der Unm\u00fcndigkeit belassen statt ihnen das R\u00fcstzeug zum selbst\u00e4ndigen Leben zu vermitteln. Eltern, die sich in der Uni mit ihren Beschwerden f\u00fcr ihre Kinder (\u201eaus gut unterrichteter Quelle best\u00e4tigt\u201c) vermehrt einmischen, verst\u00e4rken den Trend zur Verkinderung der akademischen Brut.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u201eNat\u00fcrlich\u201c hielt es \u2013 wie der oben erw\u00e4hnte Vater \u2013 kein einziger \u201eBetroffener\u201c f\u00fcr n\u00f6tig und m\u00f6glich, mit mir pers\u00f6nlich \u00fcber die \u201eSkandal-Klausur\u201c zu sprechen, ein Vertreter der Fachschaft ausgenommen. Dabei hatte man gerade mir \u201efehlende Eier\u201c attestiert und da stand ich nun, allein mit dem Mute der Verzweiflung. Seit ich Professor im Massenfach BWL bin, habe ich noch nie erlebt, dass bei zwei Sprechstunden hintereinander nicht ein einziger Studierender meines Faches erschien. War das Sprachlosigkeit oder Scham der Studenten? Oder doch reiner Zufall?<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>B. Die Anamnese der Skandal-Klausur<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ein Chaos hat manchmal geringf\u00fcgige Ursachen und f\u00fcr zwei ganze Tage war der virtuelle Flashmob im Netz das reine Chaos. Dabei fing alles ziemlich harmlos an:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Einer meiner Studenten gab mir bei einer m\u00fcndlichen Zulassungspr\u00fcfung zu einem finanzwirtschaftshaltigen Masterstudium die Antwort: \u201eWei\u00df ich nicht mehr, das war im <em>ersten<\/em> Semester\u201c. Dabei war meine Frage f\u00fcr einen Studenten der Finanzwirtschaft simpel: \u201eWas ist eigentlich der Kapitalwert?\u201c \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">M\u00fcndliche Pr\u00fcfungen sind ansonsten abgeschafft, jedenfalls fast durchgehend und soweit sie das Ende eines Studiums markieren. Das ist schade, weil sie f\u00fcr die Professoren eine M\u00f6glichkeit waren, Lehrerfolg und Lernerfolg sachbezogen zu ergr\u00fcnden. Die nach Bologna obligatorische Lehrbeurteilung durch die Studierenden kann dies nicht ersetzen, weil sie keine spezifischen Inhalte adressiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">M\u00fcndliche Pr\u00fcfungen heute sind an den Beginn eines Studiums gewandert. Mit Eignungs- und Einstufungspr\u00fcfungen soll ermittelt werden, ob jemand f\u00fcr ein sp\u00e4teres Studium geeignet ist. Am Ende einer solchen, oben schon erw\u00e4hnten Pr\u00fcfung nahm die Idee zur Skandal-Klausur ihren Anfang. \u2013 Es ging n\u00e4mlich weiter:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Da ich nicht nachtrete, wenn jemand am Boden liegt, versuchte ich dem Studenten mit einer einfachen Frage wieder aufzuhelfen: \u201eWelche Parameter muss ich kennen, um eine Normalverteilung exakt festzulegen?\u201c Seine Antwort war \u00e4hnlich: \u201eWei\u00df ich nicht, das war im <em>zweiten<\/em> Semester?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Diesen Studenten h\u00e4tte ich noch Stunden pr\u00fcfen k\u00f6nnen und er h\u00e4tte mir zu jedem Thema sagen k\u00f6nnen, in welchem seiner sechs Semester er davon geh\u00f6rt hatte. In den beiden obigen F\u00e4llen konnte er sogar lokalisieren, wo etwas dar\u00fcber im \u201eSkript\u201c stand. Nur inhaltlich konnte er gar nichts beitragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Er wurde nat\u00fcrlich nicht zum Masterstudium zugelassen, aber weil er einer meiner Bachelorstudenten war, lie\u00df mich sein Fall nicht los. W\u00e4re es anders gewesen und h\u00e4tte ich mich einen knetfeuchten Guano um diesen Problemfall geschert, w\u00e4re mir die Idee zu der Skandal-Klausur daher niemals gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ich schaute also nach, mit welcher Note dieser Student \u201eInvestition und Finanzierung\u201c bestanden hatte und erwartete eine \u201e4\u201c. Tats\u00e4chlich aber hatte er mit \u201e1,7\u201c abgeschlossen und drei Jahre danach wusste er nicht mehr, was ein Kapitalwert war. Wie kam das und was konnte ich dagegen tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">An der Lehre konnte es nicht liegen, zumindest nicht an deren Inhalt. Nat\u00fcrlich wurde der \u201eKapitalwert\u201c lang und breit erl\u00e4utert. Also eher am Lernverhalten, das freilich auch durch die studentischen Erwartungen an die Pr\u00fcfung gesteuert wird. Pr\u00fcfungen dienen unter Lehrenden entgegen einer weit verbreiten Ansicht unter Studierenden nicht dazu, Studenten (ex post) f\u00fcr schlechte Leistungen zu bestrafen, sondern dazu, ihnen (ex ante) die richtigen Lernanreize zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Also fragte ich beim Pr\u00fcfling nach seiner Pr\u00fcfungsvorbereitung und erhielt die Antwort ungef\u00e4hr so: <em>Ich habe einfach jede Menge Aufgaben aus Musterklausuren, \u00dcbungen und Kolloquien anhand der Musterl\u00f6sungen \u201egeb\u00fcffelt\u201c. Bei der Klausur bin dann nach dem Prinzip der Mustererkennung vorgegangen und habe die Aufgaben so gel\u00f6st, wie ich sie geb\u00fcffelt hatte. Einfach so, ohne die L\u00f6sung immer voll zu verstehen. Und das Ergebnis \u2013 zugegeben mit etwas Gl\u00fcck und der Abwahl der weniger \u201eguten\u201c Aufgabe (3 von 4 mussten bearbeitet werden) \u2013 war dann 1,7.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Mit dieser Note 1,7 in Investition und Finanzierung tritt dieser Student in der Praxis an, muss aber bei der Frage nach dem Kapitalwert schon aufgeben. Schlecht f\u00fcr ihn und seine Reputation, dachte ich, schlecht f\u00fcr die Reputation seiner Uni und seiner Fakult\u00e4t, schlecht auch f\u00fcr seinen Hochschullehrer, schlecht aber vor allem f\u00fcr alle, die ihre Ausbildung mit ihm teilen, geteilt haben und teilen werden: seine Kommilitonen, deren Vorg\u00e4nger und Nachfolger. Zu viel der negativen externen Effekte f\u00fcr unbeteiligte Kommilitonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Zugegeben: Dieser Student k\u00f6nnte ein \u201eAusrei\u00dfer\u201c gewesen sein und er war es sicher auch. Mit reinem B\u00fcffeln und stetigem Vergessen nach jeder Pr\u00fcfung d\u00fcrfte nur eine kleine Minderheit durchkommen. Aber sie tut es offenbar, wenn eine gleichf\u00f6rmige Aufgabenstellung dies erlaubt. Das aber verst\u00e4rkt zwei problematische Trends, die sich gegenseitig bedingen:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">1. Die Studierenden konzentrieren sich nur noch auf die n\u00e4chste Pr\u00fcfung und den reinen Pr\u00fcfungserfolg und fragen nicht mehr nach Sinn und praktischer Anwendung. Es geht ihnen allein um den Schein des Scheins, also ihres Zeugnisses.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">2. Studierende <em>ersetzen<\/em> Verst\u00e4ndnis und Vorlesung, die dieses Verst\u00e4ndnis vermitteln soll, durch vermeintlich \u201epr\u00fcfungsrelevante Aufgaben\u201c aus \u00dcbungen und Tutorien, die eigentlich da sind, die Vorlesung zu erg\u00e4nzen und das dort erworbene Verst\u00e4ndnis zu vertiefen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">\u00dcbung, Tutorium und geistloses B\u00fcffeln der \u00dcbungsaufgaben ersetzen daher heute meist vollst\u00e4ndig Fachverst\u00e4ndnis und Vorlesung. Ein Forumskind glaubte sogar <em>fordern<\/em> zu k\u00f6nnen, man <em>m\u00fcsse<\/em> (!) Klausuren ohne Besuch der Vorlesung und durch alleiniges \u00dcben der \u00dcbungsaufgaben bestehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Dass es \u201eKreditpunkte\u201c f\u00fcr Vorlesung <em>und<\/em> \u00dcbung gibt, z\u00e4hlt nicht. Diese Leute wollen die vollen Punkte f\u00fcr die halbe Leistung, beschimpfen aber mich als \u201eBetr\u00fcger\u201c!? Ist es schon deshalb nicht eher umgekehrt?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Hier wirkt der akute Bachelorismus. Das ist die Krankheit, bei der reines B\u00fcffeln das Verst\u00e4ndnis ersetzt und der Wunsch nach Bestehen der Pr\u00fcfung den nach Bestehen im Leben. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Bei denen, die akut an Bachelorismus leiden, ist der Professor \u201estudentenfeindlich\u201c, der Verst\u00e4ndnis des Faches vor das simple B\u00fcffeln setzt und das Bestehen im Leben vor das Bestehen der Pr\u00fcfung. \u201eStudentenfreundlich\u201c ist dagegen derjenige, der ein Bestehen der Klausur mit geringem Einsatz und durch reines B\u00fcffeln erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ein im Sinne des Bologneser Bachelorismus \u201estudentenfreundlicher\u201c Professor n\u00e4hme allerdings in Kauf, dass Studenten ohne jedes Verst\u00e4ndnis durch reines B\u00fcffeln die Klausuren toll bestehen, in der Praxis mit ihrem Unverst\u00e4ndnis auf die Nase fallen und damit erhebliche Reputationssch\u00e4den bei unbeteiligten Kommilitonen verursachen. Wohlgemerkt: Das ist \u201eStudentenfreundlichkeit\u201c im Sinne des Bachelorismus a la Bolognese, nicht in meinem Sinne.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><em>Doch was war bei der \u201eSkandal-Klausur\u201c anders? Die Aufgaben waren bewusst einfach und s\u00e4mtlich ohne Taschenrechner zu l\u00f6sen. Aber sie waren anders gestaltet als die \u00dcbungsaufgaben und daher mit einfachem B\u00fcffeln und simpler Muster\u00fcbertragung kaum zu l\u00f6sen. F\u00fcr den, der sich um ein Verst\u00e4ndnis der Zusammenh\u00e4nge bem\u00fcht hatte, war ihre L\u00f6sung dagegen ein Kinderspiel. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Daher sah auch keiner meiner Mitarbeiter die Probleme, die mit dieser Aufgabenstellung und der Reaktion der Studierenden darauf auf uns zukommen sollten. Warum auch? Diese Klausur war leichter als alle Klausuren der vorhergehenden Termine. Eigentlich! Wenn man die Zusammenh\u00e4nge verstanden und nicht nur \u00dcbungs- und Tutoriumsaufgaben geb\u00fcffelt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Dabei hatten wir kommunikativ vorgesorgt. Ein Mitarbeiter, der die \u00dcbungen hielt, und ich k\u00fcndigten mehrfach an, dass ich selbst s\u00e4mtliche Aufgaben stellen und dabei das in der Vorlesung gelehrte Fachverst\u00e4ndnis im Vordergrund stehen w\u00fcrde. Trotzdem blieb bei den meisten die auf die \u00dcbungsaufgaben gerichtete B\u00fcffelmentalit\u00e4t erhalten, aus der heraus sich viele den Besuch der Vorlesung ersparten. So kam es, dass unter Forumskindern immerhin zwei oder drei behaupteten, sie h\u00e4tten trotz Vorlesungsbesuch die Klausur nicht geschafft (Da sage ich mal b\u00f6se: Vielleicht haben sie geschlafen oder das falsche Fach gew\u00e4hlt oder\u2026?!).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die Mehrheit der Forumskinder bestand aber wohl aus Vorlesungsverweigerern, die sich in gr\u00f6\u00dferer Zahl auch dazu bekannten. Einige schrieben, sie m\u00fcssten w\u00e4hrend der Vorlesungszeit arbeiten (obwohl f\u00fcr jeden eingeschriebenen Studenten die Uni der Hauptjob sein m\u00fcsste), andere verwiesen auf den ge\u00e4nderten Termin und die damit verbundenen Planungsschwierigkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Der Termin lag in der Gremienzeit der Fakult\u00e4t am Dienstagnachmittag, die fr\u00fcher stets vorlesungsfrei zu sein hatte, damit jeder Professor seine Verpflichtungen in der Selbstverwaltung erf\u00fcllen konnte. Damit konnten alle Studenten (und Professoren) rechnen und langfristig planen. Ich selbst hatte mich heftig gegen die Terminverlegung gewehrt, musste mich aber einer Weisung des Rektorats beugen. Es war eines der wenigen Male, in denen ich mich als Hochschullehrer geg\u00e4ngelt f\u00fchlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Auch der Grund f\u00fcr die Terminverlegung war \u201eakuter Bachelorismus\u201c: Ein Zeitfenstermodell sollte Lehramtsstudenten ein \u00fcberschneidungsfreies und schnelleres Studium erm\u00f6glichen. Daf\u00fcr mussten sich alle anderen Studenten und die Professoren Termin\u00e4nderungen gefallen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Zur Sicherheit fragte ich gleich in der ersten Vorlesung nach, wie viele Lehramtskandidaten unter den Zuh\u00f6rern sa\u00dfen. Es meldeten sich dort f\u00fcnf, die alle auf einem Haufen rechts oben im H\u00f6rsaal sa\u00dfen. F\u00fcnf von etwa 600, weniger als 1%, f\u00fcr die alle anderen Studenten eine Terminverlegung erdulden mussten. Doch auch wenn die Terminverlegung bei diesen Studenten Probleme verursachte, daf\u00fcr war ich wohl kaum verantwortlich zu machen. Doch den Forumskindern war auch das egal.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>C. Erkenntnisse aus einer akademischen Krankheit<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">1. Ein Vater (einer, aus einer gr\u00f6\u00dfer werdenden Zahl) wendet sich an den Rektor der Universit\u00e4t, weil seine Tochter eine Klausur unfair findet. Der Rektor leitet die Beschwerde weiter und die \u201eOmbudsfrau <em>f\u00fcr Studierende<\/em>\u201c fordert den Professor zu einer Stellungnahme zu den Vorw\u00fcrfen <em>des Vaters(!)<\/em> auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Bald wird es also Elternpflegschaft und Elternabende in der Universit\u00e4t geben!? Sollen wir unsere Studierenden Bolognese wie unm\u00fcndige Kinder behandeln? Ist die Universit\u00e4t nur die simple Fortsetzung der Schule mit gar keinen anderen Mitteln?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">2. Keiner der Studierenden regelt seine Angelegenheiten pers\u00f6nlich mit dem Professor. Kein einziger erscheint in der Sprechstunde. Es kommt vielmehr zum virtuellen Flashmob im Netz. Das ist voll von meist anonymen Anschuldigungen und dubiosen Verd\u00e4chtigungen: Forumskinder feiern Forumskinder. Wer nicht mitfeiern will, wird gemobbt. Und wer als Forumskind seine Wutkommentare l\u00f6scht, weil sie ihm peinlich geworden sind, der bringt damit nur den Angegriffenen in Verdacht, diese Kommentare mutwillig zerst\u00f6rt zu haben. Kinder, Kinder! Bologna l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">3. Studentenfreundlich sind eigentlich nicht einfache Klausuren, sondern Klausuren, die verhindern, dass der Student in der Praxis bei einfachen Fragen auf die Nase f\u00e4llt. Dazu braucht es Verst\u00e4ndnis von Inhalten und Zusammenh\u00e4ngen. Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Zusammenh\u00e4nge geht durch die scheibchenweise Abpr\u00fcfung a la Bologna verloren. Dass auch das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Inhalte verlorengeht, weil das Bologna-B\u00fcffeln stilbildend f\u00fcr das studentische Lernen wird, hat mich an diesem Fall ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Was wir mit Bologna auf kindische Weise verspielt haben, holen wir erst in Jahrzehnten wieder auf. Der Verlust von Verst\u00e4ndnis ist auch der Verlust von Kreativit\u00e4t und Humanverm\u00f6gen: ein erzwungenes Brain-Drain an unschuldigen Kinderstudenten. Wir ersetzen Bildung durch Aus-Bildung. Und dort ist der Mensch Mittel. Punkt! Erst Bildung, die ihm Souver\u00e4nit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t gibt, macht ihn zum Mittelpunkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">4. Neuer Stil dank Internet: Massenhaft Beschuldigungen gibt es \u00f6ffentlich und anonym, z\u00e4hlbare Entschuldigungen nur privat und pers\u00f6nlich. Doch wer beseitigt den \u00f6ffentlichen Unrat? Niemand! Weil man zum wirklichen L\u00f6schen ein kollektives Einverst\u00e4ndnis br\u00e4uchte, was schon deshalb nicht herstellbar ist, weil einigen das Verst\u00e4ndnis fehlt und Trittbrettfahrer mitfeiern, denen die Reputation der Studierenden egal ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Essener Studierende sind meines Erachtens in der gro\u00dfen Masse \u00fcberdurchschnittlich gut. Aber ihre Au\u00dfendarstellung ist hundsmiserabel, nicht nur in diesem Fall. Im Netz scheinen nur Mieslinge und Fieslinge zu schreiben und die (in diesem Fall weniger als 10%) zeichnen dort das Bild <em>aller<\/em> Essener Studenten. Wird ein besonders fieser Kommentar von einem Wutstudenten selbst gel\u00f6scht, schreien andere Forumskinder auf, holen den vorsorglich kopierten Kommentar wieder hoch und wollen (weil der Administrator verd\u00e4chtigt wird) dutzendweise andere Foren mit \u00e4hnlichen Kommentaren vollsudeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Diese Forumskinder wollen sich profilieren: auf Kosten aller Kommilitonen (vor allem der guten), auf Kosten der Reputation ihres Professors und ihrer Universit\u00e4t. Au\u00dferhalb des Fu\u00dfballs werden Eigentore eben meist von den Toren selbst geschossen. Die repr\u00e4sentieren dann die Universit\u00e4t nach au\u00dfen. Ihre \u00e4tzenden Bemerkungen werden drau\u00dfen eher f\u00fcr die Wahrheit gehalten als das, was auf den offiziellen Web-Seiten der Universit\u00e4t steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">So gesehen w\u00e4re es ein Segen gewesen, man h\u00e4tte viele Kommentare l\u00f6schen k\u00f6nnen, zumal die nicht selten Fehler enthielten. Doch tut man das, erscheinen daf\u00fcr mehrere neue. Und wie will man das tun? In der Anonymit\u00e4t des Netzes spielen auch Unbeteiligte mit, die sich einen \u201eSpa\u00df\u201c daraus machen, die Steilvorlagen solcher Threads zu bedienen: Nicht auf der Couch von Psychologen, sondern in den Internetforen laden die Psychopathen von heute ihren Seelenm\u00fcll ab. Aber nat\u00fcrlich ist die Masse der Forumskinder unf\u00e4hig, sie zu therapieren.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><strong>D. Worte, die nicht gesagt werden, helfen zuweilen mehr<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Im April 1993 wurde die Fakult\u00e4t f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften der Universit\u00e4t-GH Duisburg nach Studentenumfragen vom Spiegel zur besten Fakult\u00e4t Deutschlands gek\u00fcrt. Die Umfrage dazu fand w\u00e4hrend meines Dekanats an dieser Hochschule statt. Ich hatte vorher die Studierenden eingeschworen, alle Probleme intern anzugehen und nach au\u00dfen nur Gutes \u00fcber ihre Uni zu verbreiten. Das hat gewirkt! Obwohl wir meines Erachtens ziemlich gut waren, die Besten waren wir wohl nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Aber der Spiegel schrieb es und viele fingen an, es zu glauben. Sp\u00e4testens als ich gefragt wurde, wie wir denn so gut geworden seien, merkte ich das. Sonst h\u00e4tte man mich eher rhetorisch gefragt: \u201eSo gut seid Ihr doch nicht wirklich?\u201c Das Ergebnis war: Bewunderung und Anerkennung mit positiven R\u00fcckwirkungen auf die Absolventen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Heute beherrschen vor allem private Universit\u00e4ten mit ausgepr\u00e4gter Corporate Identity diese Au\u00dfendarstellung. Die meisten \u00f6ffentlichen Universit\u00e4ten sind darin mies. Das zeigte sich auch an diesem virtuellen Flashmob.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die richtige L\u00f6sungsplattform f\u00fcr den Konflikt um die vermeintliche \u201eSkandal-Klausur\u201c w\u00e4re eine strikt universit\u00e4tsinterne gewesen, zumal sich das Ganze als Strohfeuer erwies. Aber dazu gab es (noch) kein <em>klares<\/em> Angebot der Universit\u00e4t. Und die Ombudsfrau wurde von den Studierenden offenbar nicht wahrgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Die \u201earmen Studies\u201c dachten auch nicht an die Au\u00dfenwirkung, sondern nur daran, ihren Schmerz in die Welt hinauszuposaunen, wo diesen ohnehin niemand richtig, aber sehr wohl falsch verstehen kann. Es fehlte schon die interne Konfliktl\u00f6sungs<em>willigkeit<\/em>, von der Konfliktl\u00f6sungs<em>f\u00e4higkeit<\/em> mal ganz abgesehen. Solange die nicht da ist, gibt es leider kein gutes Bild nach au\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Eine M\u00f6glichkeit, hier einen neuen Akzent zu setzen, w\u00e4re es, wenn einer meiner Kritiker seine pers\u00f6nliche Entschuldigung bei mir \u00f6ffentlich machen w\u00fcrde. Doch es ist leichter, \u00f6ffentlich ungerechtfertigt zu beschuldigen, als sich dort gerechtfertigt zu entschuldigen: Beschuldigungen wirken anonym, Entschuldigungen nur, wenn man seine Anonymit\u00e4t aufhebt. Das kann aber niemand verlangen. Es wird so selten bleiben, wie die Frage eines Studenten, warum er denn so <em><span style=\"text-decoration: underline;\">viele<\/span><\/em> Punkte oder eine so <em><span style=\"text-decoration: underline;\">gute<\/span><\/em> Note habe. Das Gl\u00fccksgef\u00fchl \u201ezu vieler Punkte\u201c wird so schnell in eigenen Verdienst umgem\u00fcnzt, dass es gar nicht erst in die Ebene des Bewusstseins gelangt. Es w\u00e4re ja auch dumm, etwas anderes \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern. Solche Reaktionen auf Klausurergebnisse findet man daher allenfalls in einer sehr privaten Kommunikation.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Da sich diese Zusammenh\u00e4nge nicht in das \u00f6ffentliche Bewusstsein einschleichen (k\u00f6nnen), wird das schiefe Bild \u00fcber die \u201eSkandal-Klausur\u201c weiterbestehen (m\u00fcssen). Vielleicht aber f\u00fchrt dieser Beitrag zum Nachdenken. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">Ich k\u00f6nnte nun die Skandal-Klausur anh\u00e4ngen, m\u00f6chte aber den guten Studenten diese Peinlichkeit ersparen. Denn dass man diese Klausur nicht schaffen konnte, wirkt fast unglaublich f\u00fcr jeden, der auch nur ein wenig von der Sache verstanden hat. Ich halte vielmehr fest:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">1. Die w\u00fctenden Protestierer waren trotz allem in der Minderzahl, obwohl sie sie sich selbst und das Netz gern als Mehrheit wahrnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">2. Die allermeisten Essener Studenten k\u00f6nnen das, was die Klausur verlangt, selbst viele von denen, die sich von der allgemeinen Panik anstecken lie\u00dfen und die Klausur erst gar nicht zu bearbeiten versuchten. Auch da haben mich \u201eEntschuldigungen wegen pers\u00f6nlicher Dummheit\u201c erreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\">3. Vielleicht f\u00fchrt die ganze Aufregung ja am Ende dazu, dass die Studenten wieder mehr Wert auf Verst\u00e4ndnis und weniger Wert auf stures B\u00fcffeln legen. Dann gel\u00e4nge es am Ende sogar, Bologna ein Schnippchen zu schlagen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><strong>Bachelorismus Bolognese<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">B\u00fcffeln nur und nichts verstehen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Und dann in die Pr\u00fcfung gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Gibt\u2018s ein Recht so zu bestehen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">seit Bologna-Winde wehen!?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Viele scheinen das zu glauben<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Und sollte Prof sich mal erlauben,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">beim Verst\u00e4ndnis nachzufragen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">dann kann man sich ja beklagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Herberts \u201eKinder an die Macht\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Wird zur Wirklichkeit gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Vielleicht nicht heut, ein wenig sp\u00e4ter,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Denn heute sprechen noch die V\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Wenn die es so weiter treiben,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">werd\u2019n ihre Kinder Kinder bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">G\u2018rad weil der Vater sich vers\u00fcndigt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">An seiner Brut, die er entm\u00fcndigt,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Doch bei der Uni gibt\u2018s Geh\u00f6r,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">denn Vater sein ist schlie\u00dflich schwer.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Noch gibt\u2019s den Elternsprechtag nicht,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">doch immerhin hier im Gedicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Denn falls wir weiter Bolognesen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Gibt\u2019s uniweit das Elternwesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Dann wollen bald die Eltern sprechen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Vor allem um ihr Kind zu r\u00e4chen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Man will mir meinen Job erschweren,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">weil ich den Eltern soll erkl\u00e4ren,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">was ihre Kinder wissen m\u00fcssten,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">wenn sie sich f\u00fcr die Pr\u00fcfung r\u00fcsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Ich finde, das geht viel zu weit,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">doch meine Uni scheint bereit,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\u2018ne Elternpflegschaft einzuf\u00fchren,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">und an die M\u00fcndigkeit zu r\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Der Bologneser Studie wird entrechtet,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">mit einer Aus-Bildung geknechtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Das Einzige was z\u00e4hlt noch hier,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">das ist ein bl\u00f6des B\u00fcffeltier.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Auf Bologneser Uniweiden<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Mag man das B\u00fcffeltier gut leiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Nur selber hat es nichts davon<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Von seiner simplen Geistesfron.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Es kann kaum etwas mehr gestalten<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Und Bildung wird ihm vorenthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">Wenn alle unselbst\u00e4ndig sind,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\">sind wir Bologna-Geistes Kind.<\/p>\n<p align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"justify\"><a title=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Einem ungenannten Studenten danke ich f\u00fcr die Anregung zu diesem Titel, der ihn wahrscheinlich selbst \u00fcberrascht.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=181\"><span style=\"font-size: small;\">PDF-Datei<\/span><\/a><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\nThis post was downloaded by  1200  people until now.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Forumskinder feiern Forumskinder [1] \u2013 Skandal-Klausur, Flashmob und Bachelorismus Das bessere Image privater Hochschulen ist dem Grundsatz zu verdanken: \u201eSchei\u00dfe nie auf die eigene Spielwiese!&#8220;. Mein Hund kennt diesen Grundsatz, Studenten \u00f6ffentlicher Hochschulen nicht. (Neschle) \u201e\u2018Flashmob\u2018 (englisch: Flash mob; flash = Blitz; mob [von mobilis beweglich] = aufgewiegelte Volksmenge, P\u00f6bel)\u201c bezeichnet nach Wikipedia (Das darf &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-76-11-woche-2012\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 75 (11. Woche 2012)\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,6],"tags":[14,72,10,36,70,62],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564"}],"collection":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=564"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":968,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions\/968"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}