{"id":43,"date":"2007-05-02T14:27:24","date_gmt":"2007-05-02T12:27:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/wordpress\/?p=43"},"modified":"2020-06-21T16:00:55","modified_gmt":"2020-06-21T15:00:55","slug":"leon-neschle-12-19-woche-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-12-19-woche-2007\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 12 (19. Woche 2007)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #4f81bd\">Verwalter, Manager, Unternehmer: (Aus-)Bildungsideale der BWL.<\/span><\/strong><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>You\u2019d think by now evolution could\u2019ve at least evolved us to the place where we could change ourselves.&nbsp;<\/em>(Jane Wagner)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eRechtm\u00e4\u00dfige Verwaltung\u201c, \u201eeffizientes Management\u201c und \u201eeffektives unternehmerisches Handeln\u201c: das sind die Entwicklungsphasen der Unternehmensf\u00fchrung, die uns seit der industriellen Revolution begleiten.<!--more--> Dar\u00fcber geht es hier darunter.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>A. Unternehmensf\u00fchrung als \u201erechtm\u00e4\u00dfige\u201c und \u201eordentliche\u201c Verwaltung: Die M\u00e4rkte dr\u00fccken kaum.<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Professionelle Unternehmensf\u00fchrung hat sich erst mit Trennung von Eigentum und Verf\u00fcgungsmacht entwickelt und diese erst mit dem Entstehen der Aktiengesellschaften im Zeitalter der Industriellen Revolution. Ohne Dampfmaschinen oder Eisenbahnen h\u00e4tte die industrielle Revolution nie stattgefunden, ohne Aktiengesellschaften auch nicht. Erst Aktiengesellschaften erlaubten es, die riesigen Kapitalbetr\u00e4ge aufzubringen, die f\u00fcr die Finanzierung der technischen Wunderwerke erforderlich waren. Einzelunternehmen oder Personengesellschaften waren dazu nicht in der Lage. Der Grund war die Haftungsfrage und ihre beiden wichtigsten Folgen: die faktische \u201eUnverk\u00e4uflichkeit\u201c der Anteile und der Wunsch der Anteilseigner nach Einflussnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wer mit seinem Privatverm\u00f6gen haften muss, wird kaum das Vertrauen haben, seine Gesch\u00e4fte in die Hand anderer zu legen, zumal wenn er sich kaum von den Anteilen trennen kann. Bei Aktiengesellschaften ist das anders. Hier ist die Haftung auf die Einlage beschr\u00e4nkt und diese Einlage l\u00e4sst sich durch St\u00fcckelung und Ver\u00e4u\u00dferbarkeit auf einem organisierten Markt flexibel gestalten. Dadurch verringert sich das Interesse der Eigner an der Mitwirkung an der Unternehmensf\u00fchrung dramatisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es wird f\u00fcr die Eigner einfacher, Interessendivergenzen durch Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen (Verkauf) zu l\u00f6sen als durch Widerspruch in der Gesellschafterversammlung. Nichtaus\u00fcbung von Stimmrechten und das Depotstimmrecht der Banken sind Zeichen daf\u00fcr. Die gro\u00dfen Aktiengesellschaften machen so den Weg frei f\u00fcr eine professionelle Managementkultur, die mittlerweile bis in die untersten Ebenen reicht und auf andere Unternehmens- und Rechtsformen \u00fcbergegriffen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zwar hatten schon die Fugger professionelle Buchhalter, doch ein Universit\u00e4tsfach daf\u00fcr war damals noch nicht entstanden. Unternehmer, Kr\u00e4mer und H\u00e4ndler gen\u00fcgten sich selbst. Sie lernten ihr Gesch\u00e4ft wie schon Ciceros Sohn Marcus<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> von ihren V\u00e4tern und Vorv\u00e4tern. Sie erfuhren dort etwas \u00fcber die \u201ePflichten ordentlicher Kaufleute\u201c aber auch, wie man ein X f\u00fcr ein V vormacht (sprich \u201eU\u201c, nicht \u201eVau\u201c; englisch ist Doppel-U ja auch \u201eW\u201c also \u201eVV\u201c und sieht so aus).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[Um ein X f\u00fcr ein U (also V) vorzumachen, musste man nur bei einem kleiner geratenen \u201ev\u201c die Schenkel nach unten verl\u00e4ngern. Warum der Zauber? Weil \u201eV\u201c f\u00fcr \u201eF\u00fcnf\u201c und \u201eX\u201c f\u00fcr Zehn steht. So konnte man leicht Gewinne oder Forderungen verdoppeln. Ein r\u00f6misch-buchhalterisches \u201eDabbel-Ju\u201c, dieses X, horizontal gespiegelt.]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gro\u00dfunternehmen waren in der landwirtschaftlich gepr\u00e4gten Welt vor der Industriellen Revolution selten. Eine Ausnahme waren die Besitzt\u00fcmer der gro\u00dfen F\u00fcrsten und K\u00f6nige. So findet man die Anf\u00e4nge der akademischen Betriebswirtschaftslehre dort, wo es darum ging, Verwalter f\u00fcr L\u00e4nder und Forsten des preu\u00dfischen K\u00f6nigs auszubilden. Doch bis zur Institutionalisierung als akademisches Fach musste man bis zum Ende der industriellen Revolution warten. Die erste \u201eHandelshochschule\u201c entstand in Deutschland erst 1898.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mangels des Vorbilds ziviler Gro\u00dforganisationen orientierten sich die w\u00e4hrend der industriellen Revolution gegr\u00fcndeten Gro\u00dfunternehmungen sich am Milit\u00e4r. Strategische, operative Planung oder die Stab-Linien-Organisation wurden \u00fcbernommen. Noch ein weiterer Grund sprach f\u00fcr die Orientierung an der staatlichen Verwaltung:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Fast alle industriellen Gro\u00df-Unternehmen lebten von Staatsauftr\u00e4gen. Der Staat verlangte nach Ausbau der Schienen-, Stra\u00dfen- und Energieversorgungsnetze. Die Nachfrage dominierte das Angebot und sie war regional abgegrenzt, eine Transparenz des Marktes aufgrund gering entwickelter Kommunikationsmedien kaum vorhanden. Das verschaffte den Unternehmungen eine monopolartige Stellung und verringerte selbst bei privaten Auftr\u00e4gen den Effizienzdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jenseits vom Druck des Marktes wurden alle Kosten zuz\u00fcglich eines \u201eangemessenen\u201c Gewinnzuschlags in Rechnung gestellt. Der Staat zahlte den so errechneten Preis. Im Vordergrund stand die \u201eKostendeckung\u201c. Der \u00e4u\u00dfere Druck, effizient zu arbeiten, blieb aus. Man musste die Nachfrage nicht suchen. Sie war da!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Angestellte von Gro\u00dfunternehmungen hatten den Status von Beamten. Unter Einwirkung der Gewerkschaften galt das selbst f\u00fcr Arbeiter in den Gro\u00dfunternehmungen bei Kohle und Stahl oder der staatlichen Eisenbahn. Mehrere Generationen arbeiteten oft beim selben Arbeitgeber, der beamten\u00e4hnliche Versorgungspflichten einging. Die Firmensiedlungen im Ruhrgebiet, dem deutschen Zentrum der industriellen Revolution, sind typischer Ausdruck daf\u00fcr. Die von Krupp in Essen oder Thyssen in Duisburg waren um ein Mehrfaches gr\u00f6\u00dfer als die \u201eReststadt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei den Banken sprach man von \u201eBankbeamten\u201c. Der \u201eKreditantrag\u201c war zu \u201egenehmigen\u201c, der Kunde erschien als Bittsteller vor der hoheitlichen Kreditanstalt. Erst um 1970 praktizierten deutsche Banken dann weitgehend eine aktive Marktbearbeitung und l\u00f6sten sich vom Image der \u201eBeamteninstitution\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In den gro\u00dfen Unternehmungen und den unter Staatseinfluss stehenden Wirtschaftsbereichen setzte sich die Mentalit\u00e4t der staatlichen Verwaltung durch. Hauptfunktion der Rechnungslegung war hier wie dort: Rechenschaft geben \u00fcber die <i>ordentliche, pflichtgem\u00e4\u00dfe Verwaltung und die rechtm\u00e4\u00dfige Verwendung<\/i> der Finanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Rechtm\u00e4\u00dfigkeit wurde durch Einhaltung formaler, b\u00fcrokratischer Regeln sichergestellt, die von einer \u201eparagraphenreitenden\u201c Gesch\u00e4ftsleitung in einem quasi-hoheitlichen Akt erlassen wurden. Jede Abweichung davon wurde verurteilt, obwohl der \u201eBeamtenstreik\u201c als \u201eDienst nach Vorschrift\u201c l\u00e4ngst die Drohung enthielt, der Organisation gerade durch strikte Einhaltung dieser Regeln zu schaden. Trotz dieses Widerspruchs hatte sich das formale, vorschriftenverhaftete Denken eingefressen, zumal die \u201eUntergebenenmentalit\u00e4t\u201c in Deutschland verbreitet war, wie es uns der \u201eHauptmann von K\u00f6penick\u201c in ironischer Weise vorf\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Begriff \u201eUnternehmensverfassung\u201c wird die Zugeh\u00f6rigkeit zur Unternehmung noch heute als eine Art \u201eStaatsb\u00fcrgerschaft\u201c verstanden. Die Staatsverfassung sch\u00fctzt vor willk\u00fcrlichen Eingriffen des Staates, die Unternehmensverfassung vor denen der Gesch\u00e4ftsleitung. Nach diesem \u201ehoheitlichen\u201c Denken k\u00f6nnen Regelungen des \u00f6ffentlichen Rechts Vorbild f\u00fcr die private Unternehmensf\u00fchrung sein. In beiden F\u00e4llen handelt es sich danach um Regeln f\u00fcr die F\u00fchrung von Herrschaftssystemen. Wer Verwaltungsrecht lernt, erf\u00e4hrt daher zugleich etwas \u00fcber die F\u00fchrung von Gro\u00dfunternehmen der Industrie.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch dieses Denken bekam allm\u00e4hlich Risse. Langsam nahmen die Privatauftr\u00e4ge zu, die M\u00e4rkte erweiterten sich regional und es entstanden neue Wettbewerber. Unter den versch\u00e4rften Marktbedingungen konnten nicht mehr immer die eigenen Kosten zuz\u00fcglich eines Gewinnzuschlags am Markt durchgesetzt werden. Folglich mussten nun auch bei den Gro\u00dfunternehmungen die Kosten gesenkt werden. Ein effizienzorientiertes Management bei Gro\u00dfunternehmen wurde erforderlich und mit ihm ein anderes Ausbildungsideal in diesem Teil der Wirtschaft, der immer noch fast das einzige \u201eAbsatzgebiet\u201c f\u00fcr akademisch ausgebildete Betriebswirte war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Effizienzorientierte \u201eManager\u201c ben\u00f6tigten aber eine andere Ausbildungskost als die blo\u00df pflichtgem\u00e4\u00df verwaltenden Bank- oder Unternehmens-\u201eBeamten\u201c. Der Druck der M\u00e4rkte, den mittelst\u00e4ndische Unternehmungen schon l\u00e4nger und st\u00e4rker sp\u00fcrten (doch dahin setzte man selten akademisch gebildeten Betriebswirte ab), r\u00fcckte auch bei den Gro\u00dfunternehmungen die Effizienz der Mittelverwendung ins Zentrum. Notwendig war \u201eRechtm\u00e4\u00dfigkeit\u201c zwar weiterhin, doch nicht mehr hinreichend.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><b>B. \u201eManagement\u201c als effiziente Optimierung: Die M\u00e4rkte sto\u00dfen an.<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Optimierung betrieblicher Strukturen und Aktivit\u00e4ten eroberte in der akademischen Betriebswirtschaftslehre erst gegen 1950 den Stellenwert der \u201eordentlichen Verwaltung\u201c, noch gegen einige Widerst\u00e4nde. Die \u00dcbernahme der Modelle der Mikro\u00f6konomie durch den K\u00f6lner Professor Gutenberg hatte den Boden daf\u00fcr bereitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei dieser \u00dcbernahme wurden aus \u201eKapital\u201c \u201eBetriebsmittel\u201c, aus der \u201eNachfragekurve\u201c die \u201ePreis-Absatz-Funktion\u201c. Die Investitionsrechnung verk\u00fcndete zugleich die Tugend des Denkens in Zahlungsstr\u00f6men. Gemeinsam mit der Mikro\u00f6konomie entlarvte sie die traditionelle Kostenrechnung als Instrument der Fehllenkung, insbesondere die damals dominierende Vollkostenrechnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eGewinnmaximierung\u201c wurde Unternehmensziel. Mikro\u00f6konomische Modelle lieferten die zur Maximierung n\u00f6tigen Informationen. Kostendeckung plus Zuschlag eines angemessenen Gewinns reichten nicht mehr, vor allem weil \u201ebeliebige\u201c Kosten in den Preis einkalkuliert sich gegen den beginnenden Druck der M\u00e4rkte nicht mehr durchsetzen lie\u00dfen. Bei konstanten Ums\u00e4tzen ging es nun um Kostenminimierung. Dass dabei die mikro\u00f6konomischen Modelle einen Informationsstand vorgaukelten, den die Entscheidungstr\u00e4ger in der Praxis gar nicht hatten, wurde \u00fcbersehen. Wer aber nicht wei\u00df, wann und wo er ein Maximum oder Minimum erreicht hat, f\u00fcr den wird Optimierung zur Kunst, an einem unbekannten Ort als erster da zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr die Modell-Optimierungen war die Entwicklung der mathematischen Instrumente die entscheidende Voraussetzung. Die Modelle des \u201eOperations Research\u201c waren der Kulminationspunkt dieser Entwicklung; Optimieren, was das Zeug h\u00e4lt, war die Devise. Aber wenn man alles optimieren konnte, wo blieb noch Raum f\u00fcr Verbesserungsvorschl\u00e4ge? Manche Studierende verstanden die Bedeutung des Vorschlagswesens daher wohl erst in der Praxis.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In dieser Entwicklung verlor die \u201eRechenschaftslegung \u00fcber das pflichtgem\u00e4\u00dfe Wirtschaften\u201c als Hauptfunktion des Rechnungswesens an Bedeutung. Da \u201eOptimierung\u201c zukunftsorientierte Entscheidungen erforderte, r\u00fcckten Prognose- und Planungsrechnung sowie die Analyse der Abweichungen zwischen Soll und Ist in den Fokus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch obwohl am Markt Dienstleistungsunternehmen das Rennen machten, folgten die Lehrb\u00fccher der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre dem Industriekontenrahmen. Der Student suchte immer noch den Aufstieg in der Hierarchie der gro\u00dfen Industrieunternehmung. Die Ausbildung an der Universit\u00e4t sollte ihm helfen, dies zu erreichen und seine Aufgaben effizient zu erf\u00fcllen. Dazu lehrte man und lernte er effizienzorientierte Managementmethoden und \u2013techniken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das reichte jedoch bald nicht mehr aus. Die sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Marktbedingungen forderten auch auf niedrigen Managementebenen selbst\u00e4ndiges, unternehmerisches Handeln. Die rasant ansteigende Nutzung der Informationstechnologie erh\u00f6hte \u00fcber die gr\u00f6\u00dfere Transparenz den Druck der M\u00e4rkte. Ver\u00e4nderungen mussten schneller vollzogen werden und stets mit Blick auf einen globalisierten Markt. Neue Marktchancen er\u00f6ffneten sich in vielen Bereichen, etwa bei alternativen Energien.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><b>C. F\u00fchrung als effektives, unternehmerisches Handeln: Die M\u00e4rkte dr\u00e4ngen hart.<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Unter heutigen Marktbedingungen reicht es nicht mehr, vorgegebene Aufgaben pflichtgem\u00e4\u00df wie ein Verwalter oder effizient wie ein Manager zu erf\u00fcllen. Chancenwahrnehmung erfordert im Zeitalter der Globalisierung unternehmerisches Denken. War dies fr\u00fcher Dom\u00e4ne des Top-Managements, m\u00fcssen sich heute alle Manager sich und andere stetig fragen: \u201eTun wir (noch) das Richtige?\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Kam es bislang eher darauf an, nichts falsch zu machen, richtet sich der Blick nun auf Chancen, die man verpassen k\u00f6nnte.<\/i> Mit Beamten- oder Angestelltenmentalit\u00e4t kommt man da nicht zum Ziel. Auch als F\u00fchrungskraft der zweiten oder dritten Ebene muss man dazu die Effektivit\u00e4t seines Tuns hinterfragen. Bei stabilen und regional begrenzten M\u00e4rkten reichte dagegen meist die Frage: \u201eMache ich es richtig?\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Unternehmer lebt in einer anderen Welt als der ordentliche Verwalter oder der effizienzorientierte Manager. Er fragt nicht in erster Linie danach, ob er etwas in juristisch-formaler oder \u00f6konomisch-effizienter Weise <i>richtig<\/i> tut. Er ist st\u00e4ndig auf der Suche, <i>das Richtige<\/i> zu tun. Sein Hauptinteresse gilt nicht der blo\u00dfen Aufgabenerf\u00fcllung, sondern der strategischen Ausrichtung der Unternehmung. Er f\u00fcrchtet eher, eine Chance zu verpassen als bei vorliegenden Auftr\u00e4gen etwas Falsches zu tun<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Zwang zu unternehmerischer Chancennutzung stellt sich heute auch bei Gro\u00dfunternehmungen. Dort gen\u00fcgt es nicht allein, die Informationsleitungen von den \u00e4u\u00dferen Tentakeln zum Gro\u00dfhirn der Unternehmensleitung schneller und k\u00fcrzer werden zu lassen. Es muss auch schneller gehandelt werden. Das erzwingt die Selbst\u00e4ndigkeit der Tentakel, denen ein eigenes Gehirn und weitgehende Handlungsfreiheit gegeben werden muss. Und es erfordert Fr\u00fchaufkl\u00e4rung (z.B. mit einer Balanced Scorecard), um noch agieren zu k\u00f6nnen und nicht <i>re<\/i>agieren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heute hat die Tendenz zum \u201eMarkt als Ma\u00dfstab\u201c selbst \u00f6ffentliche Institutionen erfasst. Der Transfer der F\u00fchrungskultur verl\u00e4uft mittlerweile in die umgekehrte Richtung wie zu Zeiten der Industriellen Revolution: von der Wirtschaft zur Verwaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Verwaltung \u00f6ffentlicher Hochschulen wirkt derzeit freilich noch das Verwaltungsdenken mit seinen typischen Folgen nach. F\u00e4cher mit kleinen Studentenzahlen und den wenigen Forschungsaktivit\u00e4ten entfalten h\u00e4ufig die meisten Aktivit\u00e4ten in universit\u00e4ren Gremien und sichern sich dar\u00fcber Ressourcen. Nicht selten bekommen deshalb diejenigen die meisten Mittel, bei denen die Marktnachfrage nach Absolventen und Forschungsleistung schwach sind und ebenso das universit\u00e4re Angebot.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00c4ndern w\u00fcrde sich das, wenn den Fachbereichen ihre Budgets nach \u201eLeistungsparametern\u201c zugewiesen w\u00fcrden und sie etwa die Fl\u00e4chen selbst anmieten m\u00fcssten. Das k\u00f6nnte sogar im Wettbewerb mit ausw\u00e4rtigen Nachfragern geschehen, die sich Vorteile von einer Universit\u00e4tsn\u00e4he versprechen. Dann w\u00e4ren Fachbereiche mit den besten Leistungen im Vorteil, nicht die mit Zeit\u00fcberhang f\u00fcr intensive Gremienarbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Wirtschaft ist diese Entwicklung zum Markt l\u00e4ngst im Gange. So kann etwa der Chemiepark in Leverkusen auch von \u201eFremdfirmen\u201c angemietet werden, die Wert auf den Werksschutz oder die Werksfeuerwehr legen. In Unternehmungen verwandelte ehemalige Abteilungen der Bayer AG, die solcher Dienste nicht bed\u00fcrfen und diese dennoch in der Miete bezahlen m\u00fcssten, d\u00fcrfen billigere Fl\u00e4che au\u00dferhalb der Werkstore anmieten. Das schafft Kosten- und Ertragsvorteile f\u00fcr den Konzern.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><b>D. Vernachl\u00e4ssigung der \u201eHygienebedingungen\u201c: Eine Gefahr gr\u00f6\u00dfer als die von freilaufenden H\u00fchnern im Zeitalter der Vogelgrippe.<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Je st\u00e4rker das effektive unternehmerische Handeln in den Vordergrund r\u00fcckt, umso st\u00e4rker werden \u201eordentliche Verwaltung\u201c und \u201eeffizientes Management\u201c in den Hintergrund gedr\u00e4ngt und zu \u201eHygienebedingungen\u201c unternehmerischen Handelns. Man geht selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass sie erf\u00fcllt werden, bemerkt aber mit Grauen, wenn dasnicht der Fall ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da sich die \u201eHygienestandards\u201c laufend \u00e4ndern, ist deren Einhaltung nicht einfach, wenn man zugleich Zusatznutzen schaffen muss, um im Wettbewerb zu \u00fcberleben. Wer unternehmerisch unterwegs ist, verliert dies fast zwangsl\u00e4ufig aus den Augen. Hierin liegt die Gefahr, dass beim verst\u00e4rkten Blick auf unternehmerische Chancenwahrnehmung vor allem die Verwalter-Perspektive rechtm\u00e4\u00dfigen Handelns aus dem Blickfeld ger\u00e4t: <i>\u201eJeder Unternehmer wird heute durch Zielrichtung und Umst\u00e4nde seines Handelns potentiell zum Straft\u00e4ter!\u201c<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das ist sicher \u00fcbertrieben. Doch nur wenig! Eine Studie der Universit\u00e4t Essen hat vor einigen Jahren gezeigt, dass in Deutschland faktisch kaum m\u00f6glich ist, eine Unternehmung zu gr\u00fcnden, ohne gegen geltendes Recht zu versto\u00dfen und sei es nur im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit. Die staatliche Verwaltung hat zudem kaum Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass ihre Belange f\u00fcr den Unternehmer nicht obenan stehen und nur Nebensache sind und bleiben m\u00fcssen, wenn er erfolgreich Gesch\u00e4fte machen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Wirtschaft ist aus der Sicht des Staates f\u00fcr die Verwaltung da. Immer noch und viel zu oft! Das erkl\u00e4rt die zunehmende Bedeutung von Rechtm\u00e4\u00dfigkeitspr\u00fcfungen, von Compliance-Aktivit\u00e4ten und das ganze GeSOX oder GeSOAks um den Sarbanes-Oxley-Act, wo man amerikanische Probleme zu den seinen macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>In einer solchen Welt lassen sich steigende Hygienestandards durch staatliche und andere Regulierungen (z.B. ISO 9000 ff.) nur noch dadurch einhalten, dass Anw\u00e4lte vor und hinter dem Unternehmer st\u00e4ndig auf die Standards \u201erechtm\u00e4\u00dfiger Verwaltung\u201c achten und Unternehmensberater die Bedingungen f\u00fcr effizientes Management herstellen.<\/i> Sonst bleibt f\u00fcr die Unternehmerfunktion weder zeitlicher noch gedanklicher Raum. So wenig, dass Neschle sich wundert, dass es \u00fcberhaupt noch Unternehmertum und unternehmerischen Denken gibt in Deutschland. Die Auswanderungswelle der Unternehmer in die Schweiz kann freilich niemand mehr leugnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn das \u201eUnternehmen Deutschland\u201c nicht baden gehen soll, dann muss es mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Unternehmer und deren Denken entwickeln. Denn sie und nicht die Politiker treiben die Wirtschaft. Der gegenw\u00e4rtige leichte Aufschwung wird ein Strohfeuer bleiben, wenn sich die Denkstrukturen hierzulande nicht tiefgreifend ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch wie viel versteht davon der gemeine Deutsche? Herzlich wenig! Manche sogar fast nichts wie jene Plaka-Toren in der letzten Woche im und am Bundestag. Sie beklagten die wirtschaftsfreundliche Politik auf Transparenten. Ob ihnen dabei wohl intransparent geblieben ist, wie sehr die staatliche B\u00fcrokratie diese Wirtschaft hemmt, wie viele Unternehmer sie ins Ausland treibt und vor allen wie sehr auch die staatliche \u201eSt\u00fctze\u201c dieser Plaka-Toren vom Funktionieren dieser Wirtschaft abh\u00e4ngt? Wirtschaft da sind wir alle, dort wo wir unsere \u201eLebensmittel\u201c im weitesten Sinne gestalten. F\u00fcr viele ist es auch der \u201eLebens-Mittelpunkt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Bis sp\u00e4t im Industriezeitalter<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">da war der Manager Verwalter.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Manager, den jeder kennt,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">denkt statt recht-m\u00e4\u00dfig effizient.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Sein neuester Job ist unbequemer,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">effektiv ist er als \u201eUnternehmer\u201c.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Cicero schrieb seinem Sohn die gesch\u00e4ftlichen Ratschl\u00e4ge in einer Art \u201ePflichtenheft\u201c auf, das bezeichnenderweise auch \u201eDe officiis\u201c hei\u00dft, also \u201e\u00dcber die Pflichten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Siehe dazu auch das Vorwort in Cornelius Boersch, Rainer Elschen (Hrsg.), Das Summa Summarum des Management, Wiesbaden 2007.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=16\">PDF-Datei<\/a><\/p>\n<p>This post was downloaded by  1405  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verwalter, Manager, Unternehmer: (Aus-)Bildungsideale der BWL. You\u2019d think by now evolution could\u2019ve at least evolved us to the place where we could change ourselves.&nbsp;(Jane Wagner) \u201eRechtm\u00e4\u00dfige Verwaltung\u201c, \u201eeffizientes Management\u201c und \u201eeffektives unternehmerisches Handeln\u201c: das sind die Entwicklungsphasen der Unternehmensf\u00fchrung, die uns seit der industriellen Revolution begleiten.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,6],"tags":[13,20,18],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43"}],"collection":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1054,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions\/1054"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}