{"id":348,"date":"2008-07-28T09:59:37","date_gmt":"2008-07-28T08:59:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/au-aufschrei\/au-aufschrei-35\/"},"modified":"2020-06-18T18:00:49","modified_gmt":"2020-06-18T17:00:49","slug":"au-aufschrei-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/au-aufschrei\/au-aufschrei-35\/","title":{"rendered":"Au &#8230; Aufschrei 35"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #4f81bd\">Sprichst Du nur noch Power Point?<\/span><\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das lange Sterben des ganzen Satzes<\/strong><\/p>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\">G\u00e4nze S\u00e4tze? War mal. Ist nicht. Nicht mehr. Heute: Power Point! \u2013 Was Power Point? \u2013 Ist in! Und Power Point ist, wenn schon hinter einzelne W\u00f6rter oder halbe S\u00e4tze ein kraftvoller Punkt. \u2013 Pardon: gesetzt wird. Oder ganz ohne Punkte. Ein Stakkato hinter Spiegelstrichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist wie \u201ePochern\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> auf seri\u00f6s getrimmt. So wie Oliver Pocher spricht, nur sch\u00f6ner aufgemacht. Fast immer aber schlecht geordnet, miserabel gegliedert, ungewichtet und in einfache Schemen gepresst. Gut lesbar? Ja sicher. Absolut! Sch\u00f6ner Ausdruck mit sehr bildlichem Eindruck. Das ist das Wichtigste! Dazu amerikanisierter Sprachstil. Im Vortrag dann sowieso.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenigstens sagt keiner mehr \u201e\u00f6\u00f6\u00f6h\u201c oder \u201e\u00e4\u00e4\u00e4h\u201c oder kratzt sich an der Nase beim Sprechen. Man hat ja vorher \u201ePr\u00e4sentationstechniken\u201c gelernt. Heute in Messer-und-Gabel-Kursen im Bachlor- und Master-Studium. Musste man sich fr\u00fcher noch selbst beibringen. Ging auch! Meist sogar gut. Jetzt lernt man diese \u201eTechniken\u201c anstelle von Inhalten seines Fachs. Eine fade Vorstellung, man k\u00f6nne dadurch gut pr\u00e4sentieren! So wie die, durch Beherrschung von \u201eTechniken\u201c sei man bereits ein guter Liebhaber. Pers\u00f6nlichkeit lernt man nicht. Man wird es. Doch nicht auf diese Weise.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So \u201etechnisch\u201c ist er eben, der \u201eprofessionelle\u201c Bachelor\/Master. Zum Teil gemacht statt Berufsschule, die Angelsachsen ja nicht kennen. Das schaut man sich was ab von den Amis. Von denen, die Power Point k\u00f6nnen und (sich) damit pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Statt \u201e\u00f6\u00f6\u00f6h\u201c und \u201e\u00e4\u00e4\u00e4h\u201c oder Nasekratzen benutzen deutsche Vortrags-Profis heute lange F\u00fcllw\u00f6rter. <em>Ein<\/em> Sprach-Favorit ist \u201edementsprechend\u201c (andere bitte per Leserbrief!). Neschle hat es neulich bei einem Vortrag eines Power Point Profis gez\u00e4hlt. Mehr als vierundf\u00fcnfzig Mal. Fast jede Minute einmal \u201edementsprechend\u201c. \u201eDementsprechend\u201c genervt war Neschle \u201eam Ende des Tages\u201c. \u201eAm Ende des Tages\u201c: das war die zweite Lieblingsfloskel des Pr\u00e4sentationsk\u00fcnstlers. Mit der wollte er seine Zielorientierung unterstreichen. Mindestens zwanzigmal. In gesteigerter Form so: \u201eSchlie\u00dflich kommen wir am Ende des Tages zu dem Ergebnis, dass \u2026.\u201c. Statt \u201eam Ende des Tages\u201c h\u00e4tte er auch \u201efurzknallbumm\u201c sagen k\u00f6nnen, so sinnentleert war seine Verwendung dieser Floskel. \u2013 Oder Klo-skel?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eDementsprechend\u201c war bei diesem Vortrag entscheidend, was \u201eam Ende des Tages\u201c hinten herauskam. Mehr als zehnmal sprach er davon, was \u201eSinn macht\u201c. Aber das \u201eSinn machen\u201c hat sich hierzulande so weit einb\u00fcrgert, dass es \u201esinnvoll ist\u201c, darin einen Amerikaner mit deutscher Staatsangeh\u00f6rigkeit zu sehen. Mithin kann man es mit hin machen, das \u201eSinn machen\u201c. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein anderer Redner schockierte dagegen neulich eine Versammlung von Wissenschaftlern dagegen damit, dass er mit einem St\u00fcck Kreide an die Tafel ging und ganz schlicht, v\u00f6llig ohne Spickzettel, aber wohlgeordnet und durch Tafelskizzen unterst\u00fctzt seinen tiefgr\u00fcndigen wissenschaftlichen Vortrag hielt. Ganz ohne Power Point!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr manche \u201emoderne\u201c Zuh\u00f6rer war das nun kein richtiger Vortrag mehr und schon gar kein wissenschaftlicher. Es fehlten die Power Point Folien! Andere rieben sich erstaunt die Augen und dachten: \u201eSo etwas kann doch heute eigentlich niemand mehr! Jedenfalls nicht auf diesem Niveau.\u201c \u201eWoran soll man sich festhalten, wenn nicht an seinen Folien?\u201c \u201eWas der da macht, ist wie ein Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden!\u201c \u201eTraut sich heute keiner mehr!\u201c \u201eGeht doch nur noch mit Power Point!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie nun aber Power Point Darstellungen in die Irre f\u00fchren, konnte Neschle j\u00fcngst bei einem Vortrag \u00fcber die Subprime Krise sehen. Da waren f\u00fcr alle \u00fcberhaupt Betroffenen gleich gro\u00dfe K\u00e4stchen reserviert. Optisch wurde damit auf dieselbe Ebene gehoben, was sich im Gewicht extrem unterschied. So als w\u00e4ren bei der Beschreibung der Inhaltsstoffe von Mineralwasser gleich gro\u00dfe K\u00e4stchen reserviert f\u00fcr Calcium oder Natrium wie f\u00fcr H<sub>2<\/sub>O. Genau das t\u00e4uscht den Zuschauer \u2013 \u201eLeser\u201c w\u00e4re hier viel zu viel gesagt! \u2013optisch \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse hinweg. Die Dimensionen verwischen sich im Einerlei der immer gleichen Power Point K\u00e4stchen. Es ist wie bei einem schlechten Film von einem guten Roman. Die bildlich vorgesetzte Pr\u00e4sentation wirkt anders als beim gesprochenen Wort als Phantasie- und Denk-Ersatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Andere Folgen des Power-Pointens sind abzusehen. Business-Leute setzen immer mehr Hilfsdienste ein, wenn es darum geht, Texte mit ganzen S\u00e4tzen zu formulieren. Wer kann denn heute noch ganze S\u00e4tze? Mit SPO: Subjekt, Pr\u00e4dikat und Objekt. Oder HTH: Hauptwort, Tuwort, Hauptwort. Sagt man jemandem mit akademischer Verbildung: \u201eMach\u2019 mal \u2019ne Power Point Pr\u00e4sentation!\u201c, geht das ratz-fatz. Will man eine Seite Text, dauert es Stunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Text erfordert mehr Konkretisierung und Tiefsinn, w\u00e4hrend man bei der Power Point Pr\u00e4sentation im Grobgalaktischen bleiben und schleimigen Flachsinn anschwemmen kann. Nicht anders ist das bei Unternehmungen: \u201eWollen Sie etwas von unserer Firma verstehen? Ich geb\u2019 Ihnen da mal \u2019ne Power Point Pr\u00e4sentation.\u201c Schon dieser Satz gibt ein zuweilen Verst\u00e4ndnis dieser Firma und der Tatsache, dass das Denken in Zusammenh\u00e4ngen dort irgendwie abhanden kam. Wohl dem, der es fr\u00fch genug merkt!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Statt \u201ePower Point Pr\u00e4sentationstechniken\u201c und ihrer Verankerung im Curriculum der Hochschulen brauchen die meisten Leute Ganze-Satz-Schreibtechniken. Power Point Sprechen lernt man schon im allt\u00e4glichen Stakkato der privaten Fernsehsender und ihrer \u201eReality Shows\u201c. Doch pochern wir nicht alle? Sprechen wir nicht alle schon Power Point?<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ja richtig. Olli P. hat beim \u201ePochern\u201c Pate gestanden. Oliver Pocher zeigt wie gepochert wird.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=115\">PDF-Datei<\/a><br \/>\nThis post was downloaded by  1195  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprichst Du nur noch Power Point? Das lange Sterben des ganzen Satzes G\u00e4nze S\u00e4tze? War mal. Ist nicht. Nicht mehr. Heute: Power Point! \u2013 Was Power Point? \u2013 Ist in! Und Power Point ist, wenn schon hinter einzelne W\u00f6rter oder halbe S\u00e4tze ein kraftvoller Punkt. \u2013 Pardon: gesetzt wird. Oder ganz ohne Punkte. 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