{"id":200,"date":"2007-11-02T11:51:04","date_gmt":"2007-11-02T10:51:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-28-43-woche-2007\/"},"modified":"2020-06-21T11:15:08","modified_gmt":"2020-06-21T10:15:08","slug":"leon-neschle-28-43-woche-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-28-43-woche-2007\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 28 (43. Woche 2007)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #4f81bd\">Ihr seid mich doch am Herz gewachsen!<\/span><\/strong><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>At a dinner party one should eat wisely but not too well, and talk well but not too wisely.&nbsp;<\/em>(W. Somerset Maugham)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gezz hamm mich gleich meh<i><u>re<\/u><\/i>re von Euch schon ein paa Wochen, ma sagen, \u201ebew\u00fcnscht\u201c f\u00fcr ein\u2019n (Man beachte das abgetauchte \u201ee\u201c!) weiteren Beitrach inne Reviersprache (<a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/neschle-depeschle-12\/\">Depeschle 12<\/a>). Meintswegen, happich gesacht. Ich machet! Pech gehappt! Denn wennich et gezz nich mach, wo w\u00e4a da die Sinngebung, meint auch die Knebels sein\u2019n Hebbert!<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eintlich machichet abba nich tun! Doch ichtuet gezz \u2019t\u00fcrlich machen. Weil Ihr et wollt un\u2019 ichet gesacht happ \u2013 un\u2019wegende Sinngebung!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und was ist der Sinn, dass dies keine Depeschle ist. Kein gro\u00dfer! Nur dass ich mir vorstellen kann, bei entsprechender Materialsammlung noch einmal auf dieses \u201edialektische\u201c Thema zur\u00fcckzukommen:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Ruhrgebietler spricht eigentlich immer, wie man auf der \u201eDinner Party\u201c sprechen sollte. Er spricht \u201egut\u201c(Na ja!), doch nie zu naseweis. Dann w\u00e4re er n\u00e4mlich \u201eExperte\u201c (Du biss mich v\u2019leicht ein\u2019n Experte!) oder gar Weltmeister, was zu den sch\u00e4rfsten Verunglimpfungen z\u00e4hlt, die der Pottie kennt. Sons is den Pottie abba ein\u2019n lieben Menschen. Er verglimpft lieba, als wieher verunglimpft<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Und er fasst schnell Vertrauen. Ein \u201eSie\u201c geht ihn schwer \u201e\u00fcbahde Lippen\u201c. Deshalb, \u201elieben Leser, biss Du mich ja auch schonn am Herz gewachsen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Sache mit dem \u201eZieldativ\u201c hat Neschle am Beispiel von \u201eKomm Du im Bett\u201c schon erkl\u00e4rt! Und auch den im Hochdeutschen viel weitergehenden Inhalt dieser Aufforderung! Es kommt dadurch aber manchmal zu gravierenden Missverst\u00e4ndnissen, wenn der Ruhrgebietler sich etwa die Bibel erkl\u00e4rt; frei nach Tegtmeiers Motto: \u201eWas man nich selber wei\u00df, datt muss man <i>sich<\/i> erkl\u00e4ren!\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>A. Oh Herr, ich bin nicht w\u00fcrdig!<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle hat einmal M\u00e4uschen gespielt, als zwei (andere) Ruhrgebietler sich unterhielten. \u201eDu biss ja kindisch!\u201c, krittelt der eine. \u201eJa und\u201c, \u201ewechselt\u201c der andere (Der gemeine Pottie \u201eis schonn mitti Schnauze gut zu Fu\u00df\u201c!) \u201einne Bibel steht: Wennze nich wir\u00df wiede Kinders, wir\u00dfe aunich <i>im<\/i> Himmelreich eingehen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Warum sollte man aber <i><u>im<\/u><\/i> Himmelreich <i>eingehen<\/i>, wird sich der Hochdeutsche fragen, wo doch gerade dort das ewige Leben wartet? Das \u201eEingehen\u201c w\u00e4re allenfalls verst\u00e4ndlich, wenn den frommen und arglosen Mann oben im Himmel mehr als ein Dutzend Jungfrauen erwarten. Dann k\u00f6nnte er auch hochdeutsch leicht \u201e<i><u>im<\/u><\/i> Himmelreich eingehen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Reviersprache ist das nur ein schlichter Anwendungsfall des Zieldativs. Der f\u00fchrt aber hier zu einem sch\u00f6nen Missverst\u00e4ndnis bei den Hochnasendeutschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als Neschle diese Geschichte einem Bekannten erz\u00e4hlte, setze der noch einen drauf. Er zitierte aus der Bibel: \u201eOh Herr, ich bin nicht w\u00fcrdig, dass Du eingehst unter mei<i><u>n<\/u><\/i> Dach!\u201c Er verstand als Kind immer, \u201edass Du eingehs unter mei<i><u>m<\/u><\/i> Dach!\u201c. Zu hochdeutsch dachte er, es hie\u00dfe: \u201edass Du <i>eingehst<\/i> unter mei<i><u>nem<\/u><\/i> Dach!\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei seiner Mutter aber gingen zum Beispiel die Blumen ein, hauchten dabei ihr feuchtes Leben aus? Das besch\u00e4ftigte den kleinen Pottie sehr, bis er sp\u00e4ter die Wahrheit erkannte. W\u00e4re er allerdings damals sicher gewesen mit dem ruhrgebietssprachlichen Zieldativ, so w\u00e4re \u201emei<i><u>m<\/u><\/i> Dach\u201c entgegen seiner Vermutung die richtige Formulierung f\u00fcr das \u201eGehen unter<i><u>s<\/u><\/i> Dach\u201c gewesen und das mit dem Sterben \u201eunter<i><u>m<\/u><\/i> Dach\u201c h\u00e4tte man nur verstehen k\u00f6nnen, wenn vom Eingehen unter \u201emei<i><u>n<\/u><\/i> Dach\u201c die Rede w\u00e4re, so wie es im Original tats\u00e4chlich hei\u00dft. In der Ruhrgebietssprache w\u00fcrde \u201eEingehen unter mei<i><u>n<\/u><\/i> Dach\u201c also tats\u00e4chlich vom Sterben handeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da zeigt sich eben die andere Verwendung von Akkusativ und Dativ im Revier. Welch eine Vorstellung wird hier dem Pottie in der Bibel gegeben! Unvorstellbar! Da beklagt sich jemand, nicht w\u00fcrdig zu sein, weil ein anderer unter seinem Dach stirbt. \u201eNie im Lehm (Leben) kanndat richtich sein! Da vahliaht man ja den Glaum (Glauben!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine christliche Vorstellung schwingt auch mit bei der in Wut gesprochenen Aussage: \u201eIch nagel Dich gleich anner Wand!\u201c. Was im Hochdeutschen sogar ein abenteuerliches sexuelles Versprechen sein k\u00f6nnte, ist im Ruhrgebiet nur eine heftige Drohung. Aus \u201ean <i><u>die<\/u><\/i> Wand\u201c wird eben dort im Zieldativ \u201ean <i><u>der<\/u><\/i> Wand\u201c oder \u201eanner Wand\u201c. Daher ist es dem Pottie bei beengtesten Verh\u00e4ltnissen m\u00f6glich, \u201einner (in der) Dusche\u201c zu gehen, sogar \u201einner Badewanne\u201c. \u201eEt kann sogaa watt i<i><u>m<\/u><\/i> Auge geh\u2019n!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch wo h\u00f6rt der Zieldativ auf? \u201eDatt habbich doch grad de<i><u>n<\/u><\/i> \u00d6mer gesacht!\u201c k\u00f6nnte man ja auch als zielgerichtete Handlung ansehen. Schlie\u00dflich ist der \u00d6mer das Ziel einer Sprechhandlung. Hier aber wird im Gegensatz zum Hochdeutschen sogar der Akkusativ verwendet. Das liegt nicht daran, dass der Pottie davon ausgeht, seine Botschaft werde das Ziel nie erreichen. Oder bei \u00d6mer zu einem Ohr hinein- und aus dem anderen wieder hinausgehen, weil nichts zwischen seinen Ohren ist, was die Botschaft aufhalten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Zieldativ verlangt vielmehr ein Verweilen am Ziel. So wie bei dem Satz \u201eBei diese Fragen solltesse Dich besser anner (an der) Anne halten!\u201c Hier wird Anne nicht etwa als Haltegriff disfunktionalisiert, sondern zum \u201eKompetenzcenter\u201c in diesen Fragen ernannt, wie man heute auf Schwelldeutsch sagt. Wegen dieser \u201eVerweilpr\u00e4misse\u201c gibt es auch Grenzf\u00e4lle. Die S\u00e4tze \u201eGestern habbichen (habe ich ihn) doch gefraacht!\u201c und \u201eGestern habbich ih<i><u>m<\/u><\/i> doch (meist besonders betont!) gefraacht!\u201c sind beide \u201erichtich\u201c. Im ersten Fall war es eine kurze Frage, im zweiten dagegen eine l\u00e4ngere Befragung oder ein Ausfragen von l\u00e4ngerer Dauer. Der sprachsensitive Pottie erkennt das an der kleinen Differenz in der Formulierung (Akkusativ oder Dativ).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eIch stell\u2019 Dich imma noch <i>i<u>m<\/u><\/i> Schatten. Datte klah siehs un nich frieahs!\u201c Da ist jemand dauerhaft in den Schatten gestellt und er sollte f\u00fcrchten, deshalb frieren zu m\u00fcssen. Aber wenn die erste Botschaft bei ihm ankommt, kann er sich ja schon mal \u201ewaam anziehen, datter dann donnich friaht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Oder \u201eStell Dich domma voah, Du komms ann<i><u>er<\/u><\/i> Macht un\u2019 wirs unser\u2019n Pr\u00e4sedenten vom Taumverein!\u201c. Wer schnell abgel\u00f6st wird, der kommt nur \u201eann<i><u>e<\/u><\/i> Macht\u201c, dauerhaft ist eben nur, wenn er \u201eann<i><u>er<\/u><\/i> Macht <i><u>kommt<\/u><\/i>\u201c. Dann \u201e<i><u>isser<\/u><\/i> abba ann<i><u>e<\/u><\/i> Macht\u201c und eben nicht quasi-hochdeutsch \u201eann<i><u>er<\/u><\/i> (an der) Macht\u201c! Also: Man geht oder kommt \u201ei<i><u>m<\/u><\/i> Teich\u201c; ist man aber drin, findet man \u201ehier i<i><u>n<\/u><\/i> Teich datt Wassa bomforzion\u00f6s\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das ist absolut die h\u00f6here Sprachweihe. Die meisten Sprachforscher kommen nicht so weit und tief. Die sind ja auch \u201eOutsider\u201c und ihnen mangelt es an origin\u00e4ren Sprachbeispielen, die Neschle als Insider nat\u00fcrlich zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>B. Wie allet in\u2019n Sand am verlaufen is.<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch bei der Verlaufsform haben einige Gespr\u00e4che nach der <a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/neschle-depeschle-12\/\">Depeschle 12<\/a> zu Neschles Bewusstseinserweiterung beigetragen. Da \u201ewurde er ganz sch\u00f6n imponiert\u201c! Denn die in die Zukunft hineingetragene Verlaufsform hatte sein Bewusstsein bei der letzten <a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/neschle-depeschle-12\/\">Depeschle<\/a> noch nicht durchdrungen. Ein Musterbeispiel daf\u00fcr erlebte er erst danach, auf Mallorca. Also auf \u201eMalle\u201c, wie der Pottie sagt. Dort, wo die \u201eMalle-Diven\u201c anzutreffen sind, eine fast immer in der Mehrzahl hufklappernd auftretende Malle-Diva als gewollte, doch nie gekonnte, <i>ver<\/i>schm\u00fcckte \u201eDame\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf diesem Malle kam jemand versp\u00e4tet in Neschles M\u00e4nner-Runde, die sich gerade hingesetzt hatte, um sich mannhaft anzuschweigen. Da rief dem Versp\u00e4teten jemand zu: \u201eH\u00f6mma, Du st\u00f6rs! Wir sind n\u00e4mlich <i>so gut wie am meditieren<\/i>.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da hatte die Gruppe noch nicht mit dem Meditieren begonnen, aber sie war kurz davor, sich auf eine lange Meditationsreise zu begeben. \u201eSo gut wie\u201c wird in diesem Zusammenhang eben auch f\u00fcr \u201efast\u201c oder \u201ebeinahe\u201c benutzt: \u201eJau, gezz komm\u00dfe an mitti Sachens, wo ich so gut wie am gehen bin!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ansonsten regiert \u201ewie\u201c auch den Vergleich. \u201eIch bin gr\u00f6\u00dfer wie Du\u201c oder Neschles Macho-Lieblingssatz <i>\u201eDu darfs Dich nie mehr Gaaten anschaffen, <u>wie<\/u> Deine Frau umgraben kann!\u201c<\/i> Nur der hochsprachlich verunsicherte Pottie verwendet auch \u201eals\u201c, meist aber in Kombination mit \u201ewie\u201c: \u201eIch verdien\u2019 sowieso mehr alswie Du!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch in anderen Verwendungen verdr\u00e4ngt das \u201ewie\u201c das \u201eals\u201c: \u201e<i>Wie<\/i> ich um die Ecke biech, watt seh\u2019 ich? De<i><u>n<\/u><\/i> Eggon!\u201c Noch mehr Erstaunen dr\u00fcckt diese Kombination aus: \u201e<i>Wie<\/i> ich um die Ecke biech, watt seh\u2019 ich? De<i><u>r<\/u><\/i> Eggon!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dabei wird meist der Pr\u00e4senz verwendet, selbst wenn die Handlung in der Vergangenheit stattfand. So werden die Dinge im Gespr\u00e4ch der Potties immer lebendig, unterst\u00fctzt noch durch spannende Fragen. Wie fad dagegen der Satz in der hochdeutschen Konversation: \u201eAls ich um die Ecke bog, sah ich pl\u00f6tzlich den Egon.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eAls\u201c taucht fast nur noch in solchen Wendungen auf \u201eIch <i>als<\/i> unser\u2019n Pr\u00e4sidenten daafdama watt sagen!\u201c Aber auch f\u00fcr das \u201egut\u201c (aus \u201eso gut wie am\u201c) gibt es andere Verwendungen: \u201eHier is abba <i>gut<\/i> waam inne Bude!\u201c, wobei \u201egut\u201c auch gerne durch \u201elecker\u201c ersetzt wird. \u201eIn die Schwitzh\u00fctte (Sauna) war\u2019t abba lecker waam. \u2019n geschmeidiget L\u00fcftken! Und lecker Dierken (nette M\u00e4dchen bei einem \u00e4lteren nur Schaulustigen)!\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gibt es einen besonderen Anlass, braucht man besondere Kleidung. Da hei\u00dft es etwa bei Claus Sprick in \u201eH\u00f6mma!\u201c: \u201eDie Jacke mitti ausgebuffte Tasch links kannzaber nich nehm <i>f\u00fcr gut<\/i>, \u00e4hrlich, siehsse mit aus wien Dr\u00e4\u00dfm\u00e4nn beide Kleidersammlung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ja und \u00fcberhaupt sind es die kleinen W\u00f6rter, die in der Ruhrgebietssprache ihren besonderen Charme entwickeln. Nehmen wir noch einmal das Verh\u00e4ltniswort \u201ef\u00fcr\u201c aus \u201ef\u00fcr gut\u201c. Das kann toll kombiniert werden. \u201eHammse watt f\u00fcrgegenen Durst und \u2019n Bissken f\u00fcr aufett Brot?\u201c Man sagt etwas \u201e<i>f\u00fcr <\/i>den \u00c4hrwin\u201c und nicht \u201ezum Erwin\u201c. Und wer von uns wei\u00df es nicht: \u201eEt geht auch nix <i>f\u00fcr<\/i> ein liebett Woat von ein\u2019n lieben Menschen!\u201c Es geht wirklich nichts <i>dar\u00fcber<\/i> oder \u201ekaum watt, sach ich ma\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zum Schluss greife ich hier mal das \u201eauf\u201c auf oder gehe auf das \u201eauf\u201c ein. Das ersetzt manchmal die Ortangaben \u201ezu\u201c, \u201enach\u201c, \u201ein\u201c oder \u201ebei\u201c. Bei \u201eauf Schalke\u201c ist das mittlerweile Allgemeingut. Aber man geht auch \u201eauf Maloche\u201c, wenn man zur Arbeit geht. Und man wohnt nicht \u201ein\u201c einer Stra\u00dfe, sondern \u201eauf (der) Stra\u00dfe\u201c, auch wenn man kein Penner ist, etwa \u201eIch wohn\u2019 auf Walpurgis(stra\u00dfe) 27\u201c. Zu Missverst\u00e4ndnissen kann es f\u00fchren, wenn man h\u00f6rt: \u201eUnsa Vatta <i>is<\/i> auf (Zeche) Ernestine\u201c. Gemeint ist jedenfalls keine Stellung aus dem Kamasutra, sondern der immer seltenere Fall, dass jemand auf einer Zeche arbeitet, hei\u00dfe sie nun Ernestine oder anders.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>C. Frau Steiner bringt den Stein im Rollen<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Sprechen wir nun von Frau Steiner. Die hie\u00df in Wirklichkeit \u201eFrau Felser\u201c, wird aber \u201ewegen den Personenschutz und de Anonymit\u00e4t\u201c hier nur \u201eFrau Steiner\u201c genannt. \u201eSie lernte(!) den klein\u2019n Neschle ein\u2019n gro\u00dfen Teil vonne (von die) Sprache in Revier.\u201c Frau Steiner wohnte in \u201eGelsenkirchener Barock\u201c, jener eichenen Verm\u00f6belung, in der man im Wohnzimmer schon zu Lebzeiten versargt ist. Sie war eine Person, die vorzugsweise Fremdw\u00f6rter, ein wenig anders aussprach als der Stino (\u201eStinknormalo\u201c). Sie dachte nicht im Traum daran, sich von einmal erlernten Sprachfiguren zu trennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als alle l\u00e4ngst \u201eJeans\u201c (au\u00dfer die \u00d6sterreicher nat\u00fcrlich, die von der \u201eJean\u201c sprechen) sagten, sprach sie immer noch von der Texashose (nicht einmal von \u201eNietenhose\u201c). Die wurde fr\u00fcher nur in tiefem Indigo-Blau angeboten und f\u00e4rbte nach dem ersten Tragen f\u00fcrchterlich ab. Der \u201eStone-Wash\u201c war noch nicht erfunden. Um dem Farb-Effekt auf der eigenen Haut vorzubeugen und nicht als das Opfer von Missbrauch und \u201eVerm\u00f6belung\u201c zu gelten, musste man sie selbst ausbleichen. Man setzte sich dazu \u201emitti Hose(!) in ein hei\u00dfet Batt\u201c, das man vorher vorzugsweise mit Domestos oder einem anderen Bleichmittel veredelt hatte. Das hatte den Nebeneffekt, dass sich die gebleichte Texashose beim Trocknen am K\u00f6rper hauteng anschrumpfte. Shrink to fit! Die Hose sa\u00df dann \u201ewie von siamesische Zwerge unter Wasser auf\u2019n Leib gekl\u00f6ppelt\u201c. Das gab vor allem dem m\u00e4nnlichen Schritt ein imposantes Gepr\u00e4ge und statt des fl\u00e4chigen Indigo-Blaus der ungebleichten Texashose dr\u00fcckten nun die Nieten kleine blaue Bluterguss-Punkte in die Haut. Daran konnte man erkennen, ob die Hose wirklich \u201esa\u00df\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Frau Steiner war das ein Dorn im Auge und sie wurde nicht m\u00fcde, warnend auf den m\u00f6glichen Verlust der Zeugungsf\u00e4higkeit der jungen Burschen hinzuweisen. Mit ihrer Warnung, so sagte sie, werde noch mal \u201eim Analen eingehen\u201c. Damit auch einige andere ihrer Verwechsler in die Annalen eingehen, will Neschle sich mal erinnern:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Frau Steiner verzweifelte oft an der modernen Welt und stie\u00df dann aus: \u201eDatt <i>campier<\/i> ich nich!\u201c Bis der kleine Neschle kapiert hatte, was sie meinte. Dann grinste der freche Zwerg immer, wenn die alte Frau so sprach. Irgendwie verunsicherte er sie, so dass sie ihren Sprachgebrauch \u00e4nderte und rief \u201eIch <i>krepier<\/i> datt nich!\u201c Und manchmal \u201ekrichte sie dabei Pippi inne Augen\u201c, denn sie war \u201enah am Wasser gebaut\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sie \u201ekrepierte\u201c auch nicht, dass die kleine Bande von Neschle immer \u201eauf\u2019n Gel\u00e4nde<i><u>r<\/u><\/i> von datt Gasswerk\u201c spielen musste, das direkt neben dem alten \u201eStadium\u201c des FC Schalke 04 lag, der \u201eGl\u00fc<i><u>ch<\/u><\/i>auf Kampfbahn\u201c. Oder sie \u201ekrepierte nich\u201c, dass ihre Nachbarin sich ein \u201ebordellrotet Sofa\u201c gekauft hatte (Wer kennt schon bordeauxrot uns sagen wir es doch: Das war zumindest damals die beliebteste Bordellfarbe?), was mindestens so verwegen war wie ein \u201equietschgr\u00fcnet\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn sie krank war, musste sie \u201eein Antibiotika\u201c nehmen. Da ihr so der Plural zum \u201eAntibiotikum\u201c ausgegangen war, erfand sie einfach einen neuen. Dann nahm man eben \u201eAntibiotika<i><u>n<\/u><\/i>\u201c ein, die viele zu ihrem Leidwesen sogar in die \u201eKallasination\u201c sch\u00fctteten. Das Peinlichste aber war: Beim Pr\u00e4ses der Kirche sprach sie vom \u201ePr\u00e4ser\u201c, was viele Jugendliche \u201ef\u00fcr\u201c Pr\u00e4servativ sagten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nat\u00fcrlich verga\u00df sie \u00f6fter ihr \u201ePottmann\u00e4h bei\u2019n Einkaufen\u201c, denn \u201eSchoppen\u201c war f\u00fcr sie zun\u00e4chst nur ein kleiner Schnaps. Sp\u00e4ter, wenn sie modern sein wollte, sagte sie: \u201eMein Olle is widda bein Schoppen!\u201c Damit meinte sie aber nicht das Einkaufen, sondern: \u201eEr is inne Kneipe und sch\u00fcttet sich ma widda zu\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sie mochte nur \u201eein durches Steak\u201c und beim Braten war die \u201ezue T\u00fcr\u201c wichtig, damit der Qualm nicht \u201edurche auffe T\u00fcr im Wohnzimmer zoch\u201c, wo \u201edrinner Qualm\u201c nat\u00fcrlich \u201eekelich\u201c war. Und als ordentliche Hausfrau verwandelte sie \u201eappe\u201c Kn\u00f6pfe sofort n\u00e4hend in \u201eanne Kn\u00f6pfe\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als die ersten Pizzas kamen, nannte sie diese Mafia-Schindeln ganz arglos \u201ePissda\u201c. Die einfachste davon bezeichneten die Italiener nach ihrer Meinung \u00e4hnlich wie wir in Deutschland ein Arme-Leute-Essen: \u201eArmer Ritter\u201c (In Milch eingelegte mit Ei panierte Wei\u00dfbrotscheiben mit Vanilleso\u00dfe). Diese nur mit Tomaten und K\u00e4se belegte Pizza war daher die ber\u00fchmte \u201ePissda \u201aMag\u2019rer Ritter\u2019\u201c. Wahrscheinlich hie\u00dfen die dick belegten \u201ePissdas\u201c auf Deutsch dann \u201efetter Vogt\u201c oder \u201e\u00fcppiges Burgfr\u00e4ulein\u201c. Doch sie mochte Mag\u2019rer Ritter besonders gern. Was ist dagegen \u201eMargherita\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ansonsten hatte Frau Steiner das gesamte Vokabular des Ruhrgebietes verinnerlicht. Beim Ausverkaufsgew\u00fchl in der Stadt sprach sie von \u201ePollacken Flachrennen\u201c, und wenn man ausging, ging man \u201eauf Trallafitti\u201c. Hatte jemand nach langer Zeit wieder einen Partner frotzelte sie: \u201eNa, hasse widda \u2019ne W\u00e4rmflasche mit Ohrn!\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diesen bildhaften und ironischen Umgang mit Namen oder Eigenheiten findet man auch heute noch, z.B. bei den \u201eSpitznamen\u201c der Schalker Fu\u00dfballspieler. So wird etwa der pechschwarze Gerald Asamoah liebevoll \u201eBlondie\u201c genannt und auch f\u00fcr den Spieler Carlos Gro\u00dfm\u00fcller fand sich schnell der Name \u201eKleinschmidt\u201c.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>D. Frollein von Thorsten \u2013 Eine wahre Geschichte<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Freund von Neschle hatte es sich am Sonntag mit schwerer Erk\u00e4ltung gerade in der Badewanne bequem gemacht, da klingelte hartn\u00e4ckig das Telefon. Er machte sich triefend auf zum H\u00f6rer und sah dabei aus wie Herr M\u00fcller-L\u00fcdenscheid bei Loriot. Er meldete sich: \u201ePrunkwitz.\u201c Die Stimme am anderen Ende schien verwirrt: \u201eIs da nich datt Frollein von Thorsten?\u201c \u201eNein, hier gibt es kein Frollein von Thorsten. Hier ist Prunkwitz!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kaum hatte er es sich wieder in seiner Wanne bequem gemacht, klingelte wieder das Telefon. Mit noch gr\u00f6\u00dferer Hartn\u00e4ckigkeit: \u201ePrunkwitz!\u201c \u201eIs da nich datt Frollein von Thorsten?\u201c \u201eIch habe Ihnen doch gerade schon gesagt, hier ist Prunkwitz. Wir sind nicht adelig!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wieder in der Badewanne hatte er etwas l\u00e4nger Zeit und dachte schon, der Spuk w\u00e4re vorbei. Doch dann erneut die umbarmherzige Klingelei, die er auch durch sein gequ\u00e4ltes Warten nicht beenden konnte. Also wieder: \u201ePrunkwitz!\u201c \u201eH\u00f6rnse! Da muss doch datt Frollein von Thorsten sein. Ich happ doch hiah die Numma! Unsa Thorsten hatte die doch in sein Schulheft!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Erst da fiel es Herrn Prunkwitz auf. Seine Frau war doch Lehrerin an der \u00f6rtlichen Sonderschule! Und das \u201eFrollein von Thorsten\u201c war seit Jahren seine Ehefrau. So gel\u00e4utert fragte er: \u201eWas m\u00f6chten Sie denn dem Frollein von Thorsten mitteilen?\u201c \u201eJa also! Isse da doch! Ich wollt\u2019 nur sagen, unsern Thorsten, der war ja so krank, der kommt morgen widda inne Schule!\u201c \u201eH\u00f6ren Sie mal: Das h\u00e4tte meine Frau auch ohne ihren Anruf gemerkt und daf\u00fcr haben Sie mich dreimal aus der Badewanne gelockt.\u201c \u201eAbba wir soll\u2019n doch anrufen, wenn einer krank is! Da muss ich doch auch anrufen, wenner widda gesund is.\u201c \u2013 Ja, wer den Schaden hat, spottet da jeder Beschreibung, Herr Prunkwitz alias M\u00fcller-L\u00fcdenscheid. Der Pottie ist halt sehr mitteilsam, auch bei Dingen, die keiner wissen will. Er kehrt eben Pers\u00f6nliches gern nach au\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Nimmt man das Hochdeutsche zum Ma\u00dfe,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">dann ist die Sprache von der Stra\u00dfe<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">des Ruhrgebiets oft gar nicht \u201erichtich\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dem Pottie ist das nicht so \u201ewichtich\u201c;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">denn Sie besticht durch Phantasie<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und jede Menge Ironie.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Begriff \u201eVerunglimpfung\u201c muss von der Presse erfunden worden sein, weil es schlichtweg keine passende \u201eVerglimpfung\u201c dazu gibt. Bestenfalls l\u00e4uft es da mal \u201eglimpflich\u201c ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Das erinnert an die Sammlung von \u201eVerh\u00f6rern\u201c bei Axel Hacke \u201eDer wei\u00dfe Neger Wumbaba\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hier weicht Neschle bewusst ab von der Schreibweise bei Bastian Sick (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod). Der schreibt \u201eam Meditieren\u201c gro\u00df. Doch das \u201eam\u201c in der Verlaufsform ist eben nicht dasselbe wie \u201eam Baum\u201c. Es beschreibt eine laufende T\u00e4tigkeit und ist ein T\u00e4tigkeitswort, f\u00fcr das Neschle die Kleinschreibung angemessener scheint.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=68\">PDF-Datei<\/a><br \/>\nThis post was downloaded by  1163  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr seid mich doch am Herz gewachsen! At a dinner party one should eat wisely but not too well, and talk well but not too wisely.&nbsp;(W. Somerset Maugham) Gezz hamm mich gleich mehrere von Euch schon ein paa Wochen, ma sagen, \u201ebew\u00fcnscht\u201c f\u00fcr ein\u2019n (Man beachte das abgetauchte \u201ee\u201c!) weiteren Beitrach inne Reviersprache (Depeschle 12). &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-28-43-woche-2007\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 28 (43. 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