{"id":171,"date":"2007-07-16T10:32:37","date_gmt":"2007-07-16T09:32:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-21-28-woche-2007\/"},"modified":"2020-06-21T11:32:47","modified_gmt":"2020-06-21T10:32:47","slug":"leon-neschle-21-28-woche-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-21-28-woche-2007\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 21 (28. Woche 2007)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #4f81bd\"><strong>Unwort \u201eHumankapital\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Untat nicht nur des Jahres 2004 (III)<\/strong><\/span><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Es gibt manche Leute, die nicht eher h\u00f6ren, bis man ihnen die Ohren abschneidet.&nbsp;<\/em>(Georg Christoph Lichtenberg)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn die Unwort-Jury 2005 als Reaktion auf die Kritik aus der Wirtschaftswissenschaft die Verwendung des Begriffs <i>\u201eHumankapital\u201c<\/i> durch die Experten angreift, zeigt sie auch ihr eklatantes Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr die Arbeit einer Realwissenschaft.<!--more--> Das ist bei weitem das traurigste Zeugnis, das ein Wissenschaftler ihr und ihren Mitgliedern ausstellen muss.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>A. (Humankapital-) Theorie als abstrakte Orientierungshilfe.<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">In seinem Wissenschaftsverst\u00e4ndnis meinte der Faust noch, den \u201eg\u00f6ttlichen Plan\u201c aufdecken zu k\u00f6nnen und damit zu erkennen, <i>was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt<\/i>. Damit warf er sich dem Teufel direkt in die Arme. G\u00f6ttliches Streben mit mephistophelischem Ergebnis. Wie sp\u00e4ter der \u201e\u00dcbermensch\u201c im \u201eUntermenschen\u201c endete!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einstein dachte da pragmatischer: <i>Wissenschaft dient nicht dazu, diese Welt besser zu verstehen, sondern nur dazu, sich in ihr besser zurechtzufinden. Aus dieser Sicht bieten Theorien nur Orientierungshilfen, keine Wesenserkenntnis.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn und soweit Theorien der Orientierung dienen, kann man sie mit Landkarten vergleichen. Wie Landkarten betrachten Theorien nur einen Ausschnitt der Welt. Sie beleuchten z.B. den Menschen als Mitwirkenden in Unternehmungen, nicht jedoch als Mitglied des Heimatvereins oder Kirchenchors. Schon dadurch werden Welt und Mensch nicht \u201ein ihrer Gesamtheit\u201c gesehen, wie das die Jury so gern und durchg\u00e4ngig von den Wirtschaftswissenschaftlern fordert. Jeder \u201eWissenschaftler\u201c wei\u00df das oder muss das wissen, nicht nur der \u00d6konom.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei der ohnehin schon \u201eausgeschnittenen\u201c Landkarte bestimmt zudem die Kartenart, aus welcher Sicht man die Welt betrachtet und was man dabei ausklammert. Diese Sicht wird vom \u201eOrientierungszweck\u201c bestimmt, fokussiert sich auf diesen und l\u00e4sst all das weg, was diesem Zweck <i>nicht<\/i> dient. Es ist gerade diese Abstraktion, die uns die bessere Orientierung erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine \u201erealistische Karte\u201c, die ein \u201e<i>vollst\u00e4ndiges<\/i> Bild\u201c der Realit\u00e4t gibt, w\u00e4re indes informations\u00fcberladen und zur besseren Orientierung so untauglich wie die vorgegebene Realit\u00e4t selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine Wanderkarte bildet daher das ausgew\u00e4hlte Gebiet nicht als Ganzes oder in seiner Gesamtheit ab, sondern allein die f\u00fcr Wanderer wichtigen Details. Andere l\u00e4sst sie weg. Vergleichbares gilt f\u00fcr geologische Karten, Katasterbl\u00e4tter oder Autokarten. Sie alle stellen die Welt abstrakt dar, lassen \u201eRealit\u00e4t\u201c weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ihre Verbindung zur Realit\u00e4t suchen sie \u00fcber die Zeichenerkl\u00e4rung oder Legende. Der Kreis mit einem Kreuz darauf stellt eine Kirche dar, das rote Rechteck ein Haus. Niemand w\u00e4re aber so verwegen zu behaupten, diese Zeichen g\u00e4ben auch nur den leisesten Eindruck von der <i>realen<\/i> Kirche und dem <i>realen<\/i> Haus oder sollten das tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ebenso abwegig ist die blanke Forderung nach \u201eRealismus\u201c bei einer Theorie und ihrer Begriffe. Dennoch sind Diplomarbeiten und Dissertationen voll von Klagen \u00fcber \u201eunrealistische Pr\u00e4missen\u201c und \u201efehlende Realit\u00e4ts<i><u>n\u00e4he<\/u><\/i>\u201c. <i>Als ob wir nicht genau diesen abstraktionsgeladenen \u201eUnrealismus\u201c br\u00e4uchten f\u00fcr eine Theorie, die uns bessere Orientierung in einer komplexen Welt gibt.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Theorien brauchen gar keine \u201eRealit\u00e4tsn\u00e4he\u201c, sondern einen \u201eRealit\u00e4tsbezug\u201c, wenn und soweit sie Orientierungshilfe sind. <\/i>Den Bezug zur Realit\u00e4t stellt bei der Karte die Legende oder Zeichenerkl\u00e4rung her, bei Theorien ist es die Definition ihrer Schl\u00fcsselbegriffe. Die Definition verkn\u00fcpft die Theorie mit dem in der Realit\u00e4t Gemeinten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Begriffe wie \u201eHumankapital\u201c sind nichts anderes als Zeichen, vergleichbar dem Zeichen f\u00fcr ein Haus auf einer Landkarte. <u>Sie stellen nicht die Realit\u00e4t dar, sondern machen das Gemeinte in der Welt identifizierbar.<\/u> <\/i>Und weil viele etwas anderes meinen, gibt es nicht eine, sondern einige Definitionen und Begriffsbestimmungen von \u201eHumankapital\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Befinden Betriebswirtschaftlehre, Soziologie oder Anthropologie \u00fcber den \u201eWert\u201c von Menschen, tun sie das in anderen Zusammenh\u00e4ngen (der Mensch als Mitglied einer Unternehmung, sozialen Klasse oder ethnischen Gruppe) und sie tun es aus anderer Sichtweise (unter dem Aspekt der Einkommenserzielung, aus Sicht seines Rollenverhaltens, aus seiner ethnischen Tradition). Keine dieser Sichtweisen ist besser oder schlechter, ebenso wenig wie eine Wanderkarte schlechter ist als eine Autokarte, nur weil sie Wanderkarte ist. <i><u>Aber all diese Theorien oder Karten erheben nicht den k\u00fchnen Anspruch der Jury, Mensch oder Welt in ihrer Ganzheit zu betrachten, den \u201eganzen Menschen\u201c darzustellen oder zu erkl\u00e4ren.<\/u><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Genau das kritisiert aber die Jury. Der Mensch werde durch das Unwort <i>Humankapital<\/i> zu einer <i>\u201enur noch \u00f6konomisch interessanten Gr\u00f6\u00dfe\u201c<\/i>, sagt sie. Dann wird er auch durch den Begriff der \u201eRolle\u201c zu einer <i>nur noch<\/i> soziologisch interessanten Gr\u00f6\u00dfe oder durch den Begriff des \u201eUnbewussten\u201c zu einer <i>nur noch <\/i>psychologisch interessanten Gr\u00f6\u00dfe. Warum um Himmelswillen sollte das so sein? Oder wie mein indischer Hausarzt zu sagen pflegte: \u201eLassma Rasma: Watt soll den Quatsch?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Analogie hie\u00dfe das: Falls man eine Wanderkarte (\u00f6konomische Theorie) betrachtet, worin ein <i>Haus als rotes Rechteck <\/i>ein Haus darstellt (<i>Humankapital<\/i>), hat das zur Folge, dass sich allen Menschen diese Wanderkarte aufdr\u00e4ngt wird und sie H\u00e4user in der Realit\u00e4t nur als noch Rotes Rechtecke wahrnehmen. Das w\u00e4re in der Tat bedauerlich und daher k\u00e4me \u201eRotes Rechteck\u201c auf den Index.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Niemand w\u00fcrde n\u00e4mlich noch die reale Welt au\u00dferhalb der Wanderkarte sehen, g\u00e4be es nicht ein H\u00e4ufchen aufrechter Unw\u00f6rtler die das Unheil abwenden. Auch wenn sie es selbst nicht k\u00f6nnen, fordern sie von anderen, eine Landkarte zu schaffen, die diese Welt und in ihr die H\u00e4user bis in die letzten Facetten ganzheitlich und realistisch darstellt. \u2013 Aber geht das denn? Und wem w\u00fcrde das helfen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der letzte Satz der Kurzgeschichte von Umberto Eco <i>\u201eDie Karte des Reiches im Ma\u00dfstab 1:1\u201c<\/i> belegt das Ergebnis: <i>\u201eJede Karte des Reiches im Ma\u00dfstab 1:1 besiegelt das Ende des Reiches als solches und w\u00e4re mithin die Karte eines Territoriums, das kein Reich mehr ist\u201c.<\/i> Und was belegt die Jury? Wissenschaftliche Inkompetenz und einen gesicherten Platz im \u00f6konomischen Laientheater!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Jury hat sich in ihrer Ideenwelt verfangen und glaubt mittlerweile wohl selbst ihren Verf\u00e4lschungen. <i>An diesem Punkt kann sie nur noch Wahrheiten verbreiten, wenn sie l\u00fcgt. Doch eine L\u00fcge traut Neschle diesen Gutmenschen nicht zu. So gibt es leider auch keine Wahrheit von dieser Jury.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sie wird niemals zugeben, sie habe mit der Unwort-Wahl <i>\u201eHumankapital\u201c<\/i> einen kapitalen Bock geschossen. Das l\u00e4sst sich aus der Reaktion auf die Kritik der Fachwissenschaftler ablesen. Danach hat sie n\u00e4mlich den noch kapitaleren Bock erlegt, indem sie sogar den Gebrauch dieses Begriffes in der Fachsprache angriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch nicht der Ethik-Rat oder der Ethi-Krat, der seine eigene <i>Humanit\u00e4t<\/i> laut trommelnd vor sich hertr\u00e4gt, schafft daf\u00fcr am meisten. Oder wer diejenigen anficht, die \u00f6konomisches Denken pflegen, weil sie darin die Lebensgrundlage der Staatsb\u00fcrger sehen. Bert Brecht wusste noch: \u201eErst kommt das Fressen, dann die Moral\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Moralisch schw\u00e4tzen kann man erst, wenn man (schon oder noch) eine \u00f6konomische Grundlage hat. Ob nicht der Jury und ihren Mitgliedern die \u00f6konomische Basis entzogen w\u00e4re, d\u00e4chten <i>alle<\/i> so \u00fcber Humankapital wie sie? Der kategorische Imperativ Kants<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> verb\u00f6te dann eine derart anti\u00f6konomisch motivierte Unw\u00f6rtelei. Die Gleichung der Jury, \u00f6konomisch = inhuman, geht n\u00e4mlich nicht auf. H\u00e4tten die Jurymitglieder ein wenig Kenntnis von der Geschichte der \u00d6konomie, w\u00fcrden sie wissen, welche enge Verzahnung sie mit Moralit\u00e4t und Humanit\u00e4t hat. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr die Humanit\u00e4t hat die Jury zweifellos etwas getan, als sie den Begriff <i>ethnische S\u00e4uberung<\/i> anprangerte. Neschle w\u00e4re nicht gegen die Jury zu Feld gezogen, w\u00e4re sie auf diesem Niveau geblieben. Dann h\u00e4tte 2005 jedoch <i>Ehrenmord<\/i> sicher vor <i>Entlassungsproduktivit\u00e4t<\/i> den obsz\u00f6nen Sieg davontragen m\u00fcssen oder doch wenigstens <i>Heuschrecken<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist bislang ohne Beispiel, dass ein Begriff aus der Fachsprache einer Wissenschaft zum Unwort erkl\u00e4rt wurde. <i>Es war sicher nicht zuf\u00e4llig die \u00d6konomie und es geschah nicht zuf\u00e4llig in Deutschland.<\/i> H\u00e4tte eine \u00fcbergeordnete Jury allerdings \u00fcber das unwortigste Unwort des Jahrzehnts zu entscheiden, \u201eHumankapital\u201c h\u00e4tte gr\u00f6\u00dfte Chancen gew\u00e4hlt zu werden. Doch es gab in demselben Jahr einen weiteren Fehlgriff, der den \u00f6konomischen Unverstand der Jury noch direkter zeigt und dazu ihren bemerkenswerten Mangel an Allgemeinwissen offenlegt. Und siehe: Sie waren nackt!<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>B. Waffen- und Drogenhandel sind unbedenklich, weil sie gesetzlich geregelt sind!? Luftverschmutzung ist es nun auch!<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf Platz drei im Unwort-Rang landete f\u00fcr 2004 bei derselben Wahl <i>\u201eLuftverschmutzungsrechte\u201c<\/i>. \u201eLuftverschmutzungsrechte\u201c wurden dabei vom \u00f6konomischen Laientheater der Jury in eseliger Anma\u00dfung nicht nur der Sache nach als <i>\u201e<u>\u00f6kologisches Unding<\/u>\u201c<\/i> verdammt. <i>Vielmehr trage das Wort dazu bei, \u201e<u>\u2019Treibhausgasemissionen\u2019 f\u00fcr unbedenklich zu halten, weil ihr Handel rechtlich geregelt wird\u201c<\/u>. <\/i>Das muss man wiederholen: Die Leute sollen Treibhausgase f\u00fcr <i>unbedenklich<\/i> halten, \u201e<i><u>weil<\/u> ihr Handel <u>rechtlich geregelt<\/u> wird\u201c. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Stellen wir dazu <i>Stichfragen<\/i>, die das Argument der Jury gleich mehrfach umbringen:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sollen wir ab morgen anfangen, Vergewaltigung und Mord f\u00fcr <i>unbedenklich<\/i> zu halten, <i>weil sie rechtlich geregelt sind<\/i>? Oder den Handel mit Waffen oder Drogen? Oder irgendetwas anderes, das rechtlich geregelt ist? <i>Ist es nicht genau umgekehrt? Wird nicht etwas rechtlich geregelt, <u>weil<\/u> man es f\u00fcr bedenklich h\u00e4lt? <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Warum sollte ein nicht zum Schrumpfkopf neigender Bundesb\u00fcrger der entflohenen Jury folgen und hier das Gegenteil denken? Wie verquer und verquarzt muss man urteilen, um solchen Quatsch zu behaupten?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit der Bezeichnung von <i>\u201eLuftverschmutzungsrechten\u201c<\/i> als <i>\u201e\u00f6kologisches Unding\u201c<\/i> und seiner Wahl zum \u201eUnwort\u201c beweisen die Meister des Wortes, dass sie es auch hier nicht in der Sache sind. Das hindert sie keineswegs daran, ihr Unwissen im Zusammenhang mit der Unwortwahl moralapostelisch in die Welt zu bl\u00f6ken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u201eDie Natur spielt verr\u00fcckt und der Mensch ist ein Teil davon\u201c<\/i>, ist das Motto derart unt\u00e4tlicher Unwort-Wahlen. Muss man da nicht ausrufen: <i>Der Herr sei Dein Hirte, denn Dein Hirn ist die H\u00e4rte? <\/i>Das ist \u00d6ko-Komik, keine \u00d6ko-Nomik oder \u00d6ko-Logik.<i> Herr, schmei\u00df Hirn vom Himmel!<\/i> \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Warum denn nur \u201eRechte f\u00fcr Luftverschmutzung\u201c? Genau deshalb, weil <i>Treibhausgasemissionen<\/i> entgegen der Jury <i>eben nicht (mehr) f\u00fcr unbedenklich<\/i> gehalten werden. Denn bislang war die Lage doch so:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Luftverschmutzungsrechte waren undefiniert<\/i>. Jeder hat sie genutzt und keiner machte davon Aufhebens. Die Tragik der Allmende! Jeder, der es wollte, konnte sich der frischen Luft bedienen. Denn was nicht verboten ist, ist erlaubt, jedenfalls in einem Staat, der (zum Gl\u00fcck!) auch solche Jurys und deren verwegene Urteile gestattet. Die Luft war und ist f\u00fcr die meisten \u2013 doch jetzt nicht mehr f\u00fcr alle! \u2013 weiterhin ein freies Gut: F\u00fcr die Kuh, die ihre bombastischen Methanblasen in unsere Atmosph\u00e4re furzt, oder den Menschen, der mit seinen Atemaktivit\u00e4ten zwanghaft die Luft verpestet. <i>Verbannen wir alle diese Atmungssch\u00e4dlinge<\/i><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><i><b>[2]<\/b><\/i><\/a><i> von der Erde, wird es endlich die gute Luft geben, die keiner mehr braucht.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Summum jus summa injuria,<\/i> hei\u00dft dieses Prinzip in der Rechtwissenschaft. H\u00f6chstes Recht ist h\u00f6chstes Unrecht. In ein vergleichbares Desaster f\u00fchrt radikale Umweltpolitik. Sie entzieht der eigenen Begr\u00fcndung den Boden. Vollst\u00e4ndige Beseitigung der Inanspruchnahme unserer Luft kann folglich keine Alternative sein. Die Alternative hei\u00dft Beschr\u00e4nkung, weil sich die freie Nutzung in Industrie- und Schwellenl\u00e4ndern f\u00fcr die Welt zum Problem ausgewachsen hat. Es geht darum, die Einleitung von Schadstoffen zu kontingentieren. Und zwar zun\u00e4chst dort, wo es am einfachsten und effektivsten ist: bei der Industrie. Beim Engpass ansetzen: Das ist eine \u00f6konomische Grundregel!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Will man das tun, muss man <i>reduzierte Verschmutzungskontingente<\/i> definieren und zuweisen. Das sind die kritisierten \u201eLuftverschmutzungsrechte\u201c. <i>Sie sind daher fest mit der Reduzierung der Luftbelastung verkn\u00fcpft.<\/i> Sie haben nichts, aber \u00fcberhaupt nichts damit zu tun, dass es neuerdings das Recht gibt, die Luft <i>st\u00e4rker<\/i> zu belasten. Es sind einschr\u00e4nkende Rechte, wie das Eigentumsrecht, mit dem ich andere zwar von der \u201eNutzung\u201c meines Schlafzimmers, aber \u2013 wegen ihrer humankapitalen Selbstbestimmung \u2013 nicht von der \u201eNutzung\u201c meiner Ehefrau ausschlie\u00dfen kann. In unserem Rechtskreis ist das Schlafzimmer mein Eigentum, meine Frau jedoch nicht. Das Missverst\u00e4ndnis dieser Tatsache hat in der Geschichte der Menschheit allerdings schon viel \u00c4rger bereitet. In einigen Kulturkreisen ist das aber selbst heute noch nicht einmal ein Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein einschr\u00e4nkendes Recht kann man auch verschenken oder verkaufen, wenn es einen Markt daf\u00fcr gibt, der zugleich Informationen \u00fcber Knappheiten innerhalb des Beschr\u00e4nkungsrahmens liefert. Solange aber Luft ein freies Gut ist, ist niemand am Kauf solcher Rechte interessiert. Niemand muss die Nutzung der Luft bezahlen. Das geht erst an mit ihrer Beschr\u00e4nkung und damit verbessertem Umweltschutz. Warum will dem die Jury im Wege stehen, wenn auch nur mit l\u00e4cherlichem Verbalgeklingel?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Alternative dazu w\u00e4re eine staatliche Zuweisung von Kontingenten ohne die Flexibilit\u00e4t der Marktl\u00f6sung, nachdem wir, siehe oben, eine strikte Verbotsl\u00f6sung f\u00fcr alle Atmungssch\u00e4dlinge mit unserem Leben bezahlen m\u00fcssten. Dann spricht gegen ver\u00e4u\u00dferbare Luftverschmutzungsrechte nur eine marktwirtschaftsfeindliche Haltung, <i>die von konzentrierter Politmacht mehr Segen erwartet als von dekonzentrierter Marktmacht, von regulierten Preisen mehr Effizienz als von Marktpreisen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Da kann sich die Jury noch so oft verbal distanzieren von der marxistischen Ecke. Sie stellt sich mit ihrer Wahl und Begr\u00fcndung voll hinein.<\/i> Es gibt hier nur <i>eine <\/i>Antwort: Ja oder Nein zur Marktwirtschaft<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Warum aber sollte Marktwirtschaft nicht wirkungsvoll im Umweltschutz eingesetzt werden, wenn sie sich anderw\u00e4rts als das wirksamste System gezeigt hat? Die Rahmenbedingungen und Kontingente daf\u00fcr muss allerdings der Staat setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Gegen Luftverschmutzungsrechte zu sein, bedeutet gerade nicht, sich f\u00fcr die Umwelt stark zu machen.<\/i> Das behaupten jedoch die aufgeblasen-ahnungslosen Philologen. Verlassen solche Idealisten ihren Elfenbeinturm, laufen sie geradewegs in die Gosse. Nach der \u00f6konomischen jetzt auch in die \u00f6kologische und juristische. Den Begriff <i>\u201eLuftverschmutzungsrechte\u201c<\/i> zu \u00e4chten, hei\u00dft den Bannstrahl \u201e\u00f6kologisches Unding\u201c gegen ein Instrument zu richten, das der <i>Verminderung der Umweltbelastung<\/i> dient, ganz gleich, ob man es f\u00fcr das beste Instrument h\u00e4lt oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zudem ger\u00e4t die Jury hier wie beim \u201eHumankapital\u201c von der Sprachkritik direkt in die Sachkritik und vermengt beides. Doch in der Welt der Sprache hat der Hund vier Buchstaben, nur in der dinglichen Welt hat er vier Beine. Das ist eine ganz andere Welt und da setzt er sich h\u00f6chstens auf seine \u201evier Buchstaben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So bedarf es schon der Unbedarftheit eines Hans im Gl\u00fcck, den Goldklumpen <i>Luftverschmutzungsrechte<\/i> gegen dieses Philologengeschw\u00e4tz einzutauschen. Das bewirkt das Gegenteil von dem, was es f\u00fcr sich in Anspruch nimmt. Falls es jemand ernst n\u00e4hme, stiftete es mit seiner scheinbar arglosen Unw\u00f6rtelei nicht nur \u00f6konomisches Unheil beim <i>\u201eHumankapital\u201c<\/i>, sondern auch \u00f6kologisches bei den <i>\u201eLuftverschmutzungsrechten\u201c<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit Emotionen gegen Emissionen, das reicht nicht! <i>Sinnvolle \u00c4u\u00dferungen zur Emissionskontrolle verlangen auch Emotionskontrolle. Reine Gesinnungsethik lullt nur einen selbst ein. Sie ist moralische Selbstbefriedigung mit dem einzigen Ziel, sich selbst zu beweisen, wie sch\u00f6n moralisch man ist.<\/i> Nie war man sich so wertvoll wie heute. Klostermanns Gewissensgeist!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kommt der positive Vergleich hinzu, ist man beim Pharis\u00e4er: <i>Wie gut, dass ich nicht bin wie jene S\u00fcnder dort!<\/i> Doch das Leben da drau\u00dfen spielt sich au\u00dferhalb des eigenen Kopfes ab. Und da macht es schon Sinn, ab und zu \u00fcber die Folgen seiner moralinsauren Einl\u00e4ufe nachzudenken, die man anderen verpasst und sich damit nicht in satter Selbstzufriedenheit \u00fcber die eigene Moralit\u00e4t zum T\u00e4ter oder gar zum T\u00f6ter zu machen.<i> <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Jury sollte Lichtenbergs Weisheit h\u00f6ren: <i>\u201eEs ist gewiss besser, eine Sache gar nicht studiert zu haben als oberfl\u00e4chlich. Denn der blo\u00dfe gesunde Menschenver\u00adstand, wenn er eine Sache beurteilen will, schie\u00dft nicht so sehr fehl als die halbe Gelehrsamkeit.\u201c<\/i> Manchmal macht schon die halbe Gelehrsamkeit das Ma\u00df voll. Doch man kann jede Dummheit noch steigern. Einstein war zwar von der Endlichkeit des Weltraums \u00fcberzeugt, aber nicht von der Endlichkeit menschlicher Dummheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vielleicht kommt daher <i>\u201eGeld\u201c<\/i> bald auf den Unwort-Index, weil es der \u201eRechenhaftigkeit aller Lebensverh\u00e4ltnisse\u201c Vorschub leistet. Doch schon die Beatles mussten feststellen: <i>\u201eMoney can\u2019t buy me love\u201c.<\/i> Michael Jackson, der \u00fcber einen Gro\u00dfteil der Beatles-Rechte verf\u00fcgt, hat dies dann sogar gerichtsaktenkundig bewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sp\u00e4testens von den Beatles wissen wir also, dass man nicht alles monet\u00e4rer Kalkulation unterwerfen kann. Dennoch versuchen es die b\u00f6sen \u00d6konomen nach der Vorstellung der Unwort-Jury immer wieder. Diese philologischen Wortbegatter werden wohl nicht ruhen, bis es <i>alle \u00f6konomischen Begriffe<\/i> auf ihrem Index geschafft haben. Erst dann leben wir wohl aus ihrer Sicht in voller Humanit\u00e4t. Dann wird man ihnen das Gehalt streichen, denn wir werden sie nicht mehr brauchen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aber Hand aufs Herz: Brauchen wir sie noch? \u2013 Neschle sagt eindeutig: Ja! \u2013 \u00dcberrascht? \u2013 Die hat Jury mit \u201eHumankapital\u201c einen Kapitalfehler gemacht, ebenso mit \u201eLuftverschmutzungsrechten\u201c. Doch sonst achtet sie darauf, dass \u201eSprachverschmutzungsrechte\u201c, die eigentlich jedem B\u00fcrger zustehen, nicht zu ungest\u00fcm genutzt werden. Da kann es schon mal geschehen, dass Sprachwertstoffe verkannterweise in einem Zuge mit entm\u00fcllt werden<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Schlie\u00dflich ist kein Mensch unfehlbar. Nicht einmal Neschle! In aller hier noch m\u00f6glichen Bescheidenheit, Ihr Leon Neschle!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Keine Theorie der Welt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">erkl\u00e4rt, was die zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Denn dient sie nicht b\u00f6ser Verf\u00fchrung,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">so gibt sie uns nur Orientierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Bei allen, die sich mehr versprechen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wird sich\u2019s durch Dogmatismus r\u00e4chen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(Und zur Unwortwahl \u201eLuftverschmutzungsrechte\u201c)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wenn f\u00fcr das Luftverschmutzungsrecht<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die Industrie heut\u2019 kr\u00e4ftig blecht,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">dann glauben unsere Philologen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sie wird dadurch dazu erzogen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">uns mehr und ohne viel Bedenken<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">mit Treibhausgasen zu \u201ebeschenken\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Nun liegt es deutlich auf der Hand,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">es fehlt \u00d6konomieverstand:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Warum grad sollt man sich gew\u00f6hnen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">an Dreck, f\u00fcr den man satt muss l\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Es ist hier so wie bei der Steuer,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">da bleibt man sauber, sonst wird\u2019s teuer.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Er lautet: <i>Handle so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten k\u00f6nnte.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Das w\u00e4re ein sch\u00f6nes Unwort als Fachbegriff der Ultras unter den Umweltsch\u00fctzern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Genau genommen sind es ja zwei Antworten, aber Neschle will nur die erste h\u00f6ren! Wie wir wissen, l\u00e4sst sich ohnehin nicht jede Frage problemlos mit \u201eja oder nein\u201c beantworten. Was will man antworten auf die Frage: \u201eHast Du aufgeh\u00f6rt, Deine Frau zu schlagen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Das eigentlich Perfide an der Jury sind nicht diese Fehler, aber die Unf\u00e4higkeit und der Unwille. Sie einzusehen.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=56\">PDF-Datei<\/a><br \/>\nThis post was downloaded by  1207  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unwort \u201eHumankapital\u201c Untat nicht nur des Jahres 2004 (III) Es gibt manche Leute, die nicht eher h\u00f6ren, bis man ihnen die Ohren abschneidet.&nbsp;(Georg Christoph Lichtenberg) Wenn die Unwort-Jury 2005 als Reaktion auf die Kritik aus der Wirtschaftswissenschaft die Verwendung des Begriffs \u201eHumankapital\u201c durch die Experten angreift, zeigt sie auch ihr eklatantes Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr die Arbeit &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-21-28-woche-2007\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 21 (28. 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