{"id":165,"date":"2007-07-04T13:40:36","date_gmt":"2007-07-04T12:40:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-20-27-woche-2007\/"},"modified":"2020-06-21T12:47:02","modified_gmt":"2020-06-21T11:47:02","slug":"leon-neschle-20-27-woche-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-20-27-woche-2007\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 20 (27. Woche 2007)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #4f81bd\"><strong>Unwort \u201eHumankapital\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Untat nicht nur des Jahres 2004 (II)<\/strong><\/span><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>I am, at heart, a tiresome nag complacently positive that there is no human problem which could not be solved if people would simply do as I advice. <\/em>(Gore Vidal)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die <i>Realit\u00e4t <\/i>deutscher Unternehmungen besteht f\u00fcr die Unwort-Jury darin, dass <i>Humankapital dem Shareholder Value untergeordnet ist<\/i>. Das l\u00e4sst sich diskutieren, gerade weil es nicht <i>so<\/i> und so <i>nicht<\/i> richtig ist. Realit\u00e4t ist n\u00e4mlich allein das, was bleibt, wenn man aufh\u00f6rt nur zu glauben.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie aber sieht die \u00f6konomische Welt jenseits des Glaubens der Jury aus? Dazu muss man deren Gedankenwirrwarr entkn\u00e4ulen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Begriffe, die man \u00fcber- oder unterordnet wie Shareholder Value und Humankapital, sollten in einer gedanklichen Kategorie liegen. Verschiedene Kategorien schaffen Absurdit\u00e4ten. Im Ruhrgebiet ist etwa der Steiger Rangma\u00dfstab f\u00fcr alle Berufe auch au\u00dferhalb des Bergbaus: <i>\u201eMein Bruder iss Feldwebel. \u2013 Iss dat mehr wie Steiger?\u201c <\/i>Die Frage l\u00e4sst sich nicht beantworten, weil sich zwar Feldwebel und Oberst vergleichen lassen bzw. Steiger und Bergassessor, aber nicht Feldwebel und Steiger Ebenso abwegig ist der Vergleich von Humankapital und Shareholder Value.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>A. Der Mensch als Ganzer und seine Leistungen. Oder: Wen (und wer) heiratet schon die Prostituierte?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Shareholder Value<\/i> ist eine finanzielle Zielgr\u00f6\u00dfe, der andere Zielgr\u00f6\u00dfen wie Umsatz oder Gewinn zugeordnet werden k\u00f6nnen. <i>Humankapital <\/i>ist Anspruch auf eine Ressource und Schwesterbegriff zu <i>Realkapital<\/i> und <i>Finanzkapital<\/i>. <i>Humankapital<\/i> ist die treudeutsche und treudoofe \u00dcbersetzung von <i>Human Capital<\/i><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Dabei gibt es ein den Unwort-Philologen augenscheinlich unbekanntes Problem mit den Kapitalbegriffen in Volks- und Betriebswirtschaftslehre:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Finanzkapital<\/i> als Eigen- oder Fremd<i><u>kapital<\/u><\/i> (und auch <i>Humankapital<\/i>) bezeichnet in der BWL Anspruchsrechte auf Human-, Finanz- und <i><u>Sachverm\u00f6gen<\/u><\/i> und deren Nutzung. Diese Nutzung ist bei allen Verm\u00f6gensteilen durch unsere Rechtsordnung eingeschr\u00e4nkt. Mit Sachverm\u00f6gen kann man nicht machen, was man will. Jeder, der betrunken Auto fahren will, wei\u00df das. Und Finanzverm\u00f6gen f\u00fcr Bestechung eingesetzt? Doch die sch\u00e4rfsten Einschr\u00e4nkungen finden sich bei der Nutzung von \u201eHumanverm\u00f6gen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u201eHuman<u>kapital<\/u>\u201c<\/i> im <u>volkswirtschaftlichen<\/u> Sprachgebrauch entspricht in der Regel dem <u>betriebswirtschaftlichen<\/u> Begriff<i> \u201eHuman<u>verm\u00f6gen<\/u>\u201c<\/i>, ein Schwesterbegriff zu Sachverm\u00f6gen und Finanzverm\u00f6gen. Um es in der Sprache des Rechnungswesens auszudr\u00fccken: \u201eHumanverm\u00f6gen\u201c geh\u00f6rt zu den Verm\u00f6genspositionen auf der Aktivseite einer Bilanz, nicht auf die Passivseite (auch: Kapitalseite) der Bilanz neben das Finanzkapital. Das dies gemeint ist und der Begriff \u201eHumanverm\u00f6gen\u201c vielleicht weniger Ressentiments ausl\u00f6st, wird Neschle nachfolgend die betriebswirtschaftliche Diktion f\u00fcr \u201eVerm\u00f6gen\u201c und \u201eKapital\u201c verwenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eHumanverm\u00f6gen\u201c wird auf der Aktivseite einer Bilanz <i>nicht<\/i> als solches und Ganzes, sondern nur \u201escheibchenweise\u201c bilanziert: bei spezifischen Leistungsrechten. Rechte aus einem Arbeitsvertrag als \u201epotentiellen Zugriff auf Humanverm\u00f6gen\u201c sucht man in dort vergebens. Erst recht das \u201eGesamtpotential der Mitarbeiter\u201c. Das Finanzkapital hat n\u00e4mlich gar keinen Anspruch darauf. Ein Arbeiter geh\u00f6rt der Unternehmung nicht mit Haut und Haar, mit Werk und Denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Rechte am Human<u>kapital<\/u> hat allein und unstreitig nur der einzelne Mensch. Jeder an seinem eigenen. <\/i>Humankapital in diesem Sinne liegt au\u00dferhalb der Verf\u00fcgung einer Unternehmung. <i>Ein Teil<\/i> (!) des Humanverm\u00f6gens dagegen nicht, sofern ein Mensch es abgrenzbar, freiwillig und gegen Entgelt der Unternehmung zur Nutzung \u00fcberlie\u00df:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Anspruchsrechte auf die Nutzung von Humanverm\u00f6gen sind in Arbeits- oder Dienstleistungsvertr\u00e4gen eingegrenzt. Sie betreffen <i>nie den gesamten Menschen<\/i>, sondern einen vorgegebenen Leistungsrahmen (Arbeitsvertr\u00e4ge) oder nur eine spezifische Leistung (bei Dienstleistungen), bei Patenten abgesonderte, manchmal absonderliche Teile geistigen Humanverm\u00f6gens. Wie sollen hiermit <i>die Menschen insgesamt zu nur noch \u00f6konomisch interessanten Gr\u00f6\u00dfen werden \u2013 so bef\u00fcrchtet das die Unwort-Jury \u2013, w<\/i>ie das \u201eHumankapital\u201c als Ganzes dem Shareholder Value untergeordnet werden? <i>Der Mensch als Ganzer ist hier an keiner Stelle im Spiel und damit auch kein Objekt irgendeiner bilanziellen Rechenhaftigkeit.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sagen wir es statt im Indikativ mal im Provokativ, also definitiv: Wer sich von einer Prostituierten professionell bedienen l\u00e4sst, erwirbt nicht das Recht, sie zu heiraten!!! Meist will er das auch gar nicht, von ehemaligen Mitgliedern des VW-Betriebsrats abgesehen. Das gilt ebenso f\u00fcr die Gegenseite, wie man aus deren aufreizenden und weitverteilten Angeboten an eine androgene Allgemeinheit erkennt. An Heirat denkt die Prostituierte da nicht, jedenfalls nicht bei jedem armen Teufel, an dem sie ihre Dienstleistung verrichtet. Pretty Woman-M\u00e4rchen erz\u00e4hlt die Realit\u00e4t nur selten. Sicher kann man \u201eals Mann\u201c sogar eine besondere Beziehung zu seinem Mietwagen aufbauen. Doch wer kauft ihn dann schon?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nicht anders ist das beim Finanzkapital und dessen Streben nach Shareholder Value. <i>Shareholder sind interessiert an Vorteilen einer spezifischen Nutzung menschlicher F\u00e4higkeiten<\/i>, nicht an der Heirat mit dem Humanverm\u00f6gen. Vorteile der Humanverm\u00f6gensnutzung sind direkt greifbar im Werkvertrag, der sich auf ein festgelegtes Ergebnis richtet. Beim Arbeitsvertrag ist das heikler, weil die Definition des Leistungsanspruchs offener ist und f\u00fcr beide(!) Seiten flexibler. Der Arbeitsvertrag richtet sich nicht auf eine konkrete Leistung, sondern auf ein Leistungspotential, auf allgemeine, nicht n\u00e4her bezeichnete Leistungsversprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Beim Arbeitsvertrag geht daher auch die Verpflichtung des Finanzkapitals weiter als beim Dienstleistungsvertrag.<\/i> Der Geld- und Arbeitsplatzgeber muss sich auch mit Leistungsst\u00f6rungen bis zu einem gewissen Grade abfinden, seien sie krankheits- oder faulheitsbedingt. <i>Das Finanzkapital haftet letztlich auch f\u00fcr Unverm\u00f6gen und ethisches Fehlverhalten der Mitarbeiter.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das zeigte sich bei den Unternehmungszusammenbr\u00fcchen von Enron und Worldcom. <i>War hier etwas \u201euntergeordnet\u201c \u2013 hier folgt Neschle mal dem anfechtbaren Sprachgebrauch der Jury \u2013, dann der Shareholder Value dem Humanverm\u00f6gen moralisch hasardierender Leitender Angestellter.<\/i> Darunter litten sogar die Verwertung des Humanverm\u00f6gens der anderen Mitarbeiter und deren Finanzkapital, das zur Sicherung ihrer Rente dienen sollte. <i>Das<\/i> aber ist eine andere Realit\u00e4t als die von der Jury erf\u00fchlte generelle Unterordnung des \u201eHumankapitals\u201c unter den Shareholder Value. <i><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Von den derartigen Haftungsverpflichtungen f\u00fcr Leistungsst\u00f6rungen und Leistungsverfehlungen kann sich das Finanzkapital allerdings befreien: Beim Outsourcing werden Arbeitsvertr\u00e4ge durch Dienstleistungsvertr\u00e4ge ersetzt. Im Extremfall entwickelt sich dadurch die Agentur-Unternehmung. Der Transportunternehmer mutiert zum Frachtenkontor, seine Arbeitnehmer zu \u201eselbst\u00e4ndigen\u201c Fracht-Unternehmern. Sie stellen jetzt Dienst-Leistungen auf eigenes Risiko bereit und befreien das Finanzkapital von seiner Risiko-Abh\u00e4ngigkeit bei Leistungsst\u00f6rungen und Verfehlungen aus dem fr\u00fcheren Arbeitsvertrag. Die Ergebnisrisiken verschieben sich zu dem nun \u201eselbst\u00e4ndigen Arbeitnehmer\u201c, der statt (Teile seines gesamten) Leistungspotential(s) zur betrieblichen Nutzung vorzuhalten nun vorbestimmte Leistungen liefern muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u201eScheinselbst\u00e4ndigkeit\u201c<\/i> hat man diesen Status genannt und kuriert mit dessen rechtlicher Sanktionierung am Symptom, ohne die Ursache daf\u00fcr verstehen zu m\u00fcssen. Franchise-Systeme machen dasselbe, nur geschickter, im rechtlich zul\u00e4ssigen Rahmen. Von Franchise-Nehmern wird wie von Scheinselbst\u00e4ndigen nur der Einschuss eigenen Risiko-Kapitals erwartet. Unternehmerisch gedacht wird fast allein bei den Franchise-Gebern, wie bei der Agentur-Unternehmung mit Scheinselbst\u00e4ndigen. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Arbeitsvertr\u00e4ge gew\u00e4hren also zwar umfangreichere und flexiblere Rechte des Finanzkapitals am Humanverm\u00f6gen als Dienstleistungsvertr\u00e4ge, sind aber mit erweiterten Pflichten verbunden. Sind die Nachteile aus den arbeitsvertragsbestimmten Pflichten f\u00fcr die Unternehmung gr\u00f6\u00dfer als die Vorteile aus den entsprechenden Rechten, sind dem Finanzkapital Dienstleistungsvertr\u00e4ge mit selbst\u00e4ndigen Unternehmern lieber. Dann wird lieber die einzelne Taxifahrt gebucht als der Fahrer eingestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Viele \u201eScheinunternehmer\u201c sehnen sich nun heute ausgerechnet und in genau den Arbeitnehmerstatus zur\u00fcck, der sich nach der Jury dem Shareholder Value unterordnen muss.<\/i> F\u00fcr die Jury ist also exakt dasselbe das <i>\u201esozial unerw\u00fcnscht\u201c<\/i>, was f\u00fcr diese Humanverm\u00f6genstr\u00e4ger <i>\u201eerw\u00fcnscht sozial\u201c <\/i>w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wollen hier philologische Gutmenschen wieder mal helfersyndromatisch f\u00fcr andere denken und ihnen andienen, was die gar nicht wollen? Wieder mal eine gute Tat vollbringen, die keiner will? Das war schon die 68er-Masche, die schon damals schlecht gestrickt war. Intellektuelle denken f\u00fcr die Arbeiter! Klasse!<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>B. Beuten Vereine die Fu\u00dfballer aus oder Fu\u00dfballer die Vereine?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Falls sich ein Student entschlie\u00dft, sein Humanverm\u00f6gen durch Besuch einer Vorlesung zu erh\u00f6hen, tut er das nicht, um den Shareholder Value irgendeiner Unternehmung zu erh\u00f6hen. Er ordnet sich dem auch nicht unter, wie die Jury meint. Selbst Weiterbildung <i>eines Arbeitnehmers<\/i> dient aus <i>dessen<\/i> Sicht nicht zwingend dazu, den Shareholder Value der Unternehmung zu erh\u00f6hen, selbst wenn die Unternehmung und nicht der Arbeitnehmer diese veranlasst hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>F\u00fchren Weiterbildungsaktivit\u00e4ten zu \u00fcberproportionalen Gehaltserh\u00f6hungen f\u00fcr den Arbeitnehmer, sinkt sogar der Shareholder Value. Die Unternehmung zahlt dann mehr als diese zus\u00e4tzliche Aktivit\u00e4t f\u00fcr sie wert ist.<\/i> Ob einer Erh\u00f6hung des Humanverm\u00f6gens eine Erh\u00f6hung des Shareholder Value folgt oder nicht, h\u00e4ngt also davon ab, auf welche Bezahlung sich Unternehmung und Arbeitnehmer danach einigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da soll es zudem in Vorst\u00e4nden gro\u00dfer AGs Leute geben, die sich ihr Humanverm\u00f6gen viel zu hoch entgelten lassen. Humankapitale Vorst\u00e4nde beuten hier das Finanzkapital aus. Der Shareholder Value verf\u00e4llt ihrem und unter ihrem \u201eHumankapital\u201c. Auf Hauptversammlungen kann man diesen Vorwurf h\u00e4ufig genug vernehmen, kontrovers und lautstark.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Humankapital hat hier den Shareholder Value im W\u00fcrgegriff. Beutet da nicht sogar eine Arbeit die andere aus und zus\u00e4tzlich das Finanzkapital? Dieses Argument gegen uners\u00e4ttlich \u201ehumankapitale\u201c Vorst\u00e4nde m\u00fcsste f\u00fcr die wirtschaftskritischen Unwort-Philologen zwar ein gefundenes Fressen sein, widerspricht aber den eigenen Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Unterordnung des \u201eHumankapitals\u201c unter den Shareholder Value.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach popul\u00e4rer Ansicht verarmen auch Bundesliga-Vereine derzeit an der Ausbeutung des Finanzkapitals durch das \u201eHumankapital\u201c ihrer beratergesteuerten Balltreter. Mancher Star hat sein Geld zwar wie erwartet kassiert, aber die Leistungserwartungen nicht erf\u00fcllt. Das Finanzkapital l\u00e4sst sich vom \u201eHumankapital\u201c ausbeuten, weil bei ihm mehr Herzblut und Vereinstreue im Spiel ist als bei den trickreichen Fu\u00dfballs\u00f6ldnern. Da kann der \u00f6konomische Unverstand der Unwort-Philologen tausendmal betonen, Realit\u00e4t sei, dass <i>\u201eHumankapital grunds\u00e4tzlich dem Shareholder Value untergeordnet wird\u201c<\/i>. Richtig wird das nicht, auch nicht grunds\u00e4tzlich. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Argumente solcher Gutmenschen sind gef\u00e4hrlich, weil sie einen moralischen Anspruch erheben und die meisten Menschen ihnen arglos gegen\u00fcberstehen, ehe sie die Gefahr erkennen. Die gef\u00e4hrlichsten Unwahrheiten sind eben Wahrheiten, m\u00e4\u00dfig entstellt. Doch selbst bei international vagabundierendem Gesellschafterkapital, also M\u00fcnteferings Heuschrecken, findet die Priorit\u00e4t des Shareholder Value ihre Grenzen in Entscheidungen der Humankapitaltr\u00e4ger. Noch kann keine Unternehmung ihre Arbeitnehmer zwingen, f\u00fcr ein bestimmtes Entgelt zu arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Marktlage ist freilich derzeit f\u00fcr die Anbieter von Arbeit (also Arbeit<i>platz<\/i>nehmer<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>) immer noch schlechter und besser f\u00fcr die Nachfrager nach Arbeit (also Arbeit<i>platz<\/i>geber). <i>Doch sind wir in diese Lage gekommen, weil wir alles so fein \u00f6konomisiert haben? Oder war es die Tatsache, dass wir nicht fr\u00fch und nicht \u00f6konomisch genug \u00fcber unsere Entwicklung nachgedacht haben? Dass etwa bei der deutschen Vereinigung \u00f6konomische \u00dcberlegungen hintan standen und politische Argumente absoluten Vorrang hatten.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Ist der Preis, den wir in der Bundesrepublik Deutschland daf\u00fcr (hoffentlich gerne!) zahlen, der Osten nat\u00fcrlich mit, nicht der Preis f\u00fcr die Missachtung von \u00f6konomischen Folgen, also f\u00fcr mangelnden \u00d6konomismus?<\/i> So wie der Preis des teuren Champagners, den ich mir leiste, um eine Freundin zu beeindrucken, obwohl ich es mir gar nicht leisten kann. Haben die Glut des Herzens und der Drang der Lenden<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Vorrang, steht die \u00d6konomie ebenso hintan wie bei politischen Grundsatzentscheidungen. <i>Nicht das \u00f6konomische Denken, <u>das nicht\u00f6konomische Denken kostet den Mehr-Preis<\/u>, den man freilich auch bewusst und mit Freuden zahlen kann.<\/i> \u00dcber die \u00f6konomischen Folgen klagen dann allerdings meist diejenigen am lautesten, die das politische Denken vorher besonders vehement eingefordert haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Daf\u00fcr gibt es nur eine Erkl\u00e4rung: Sie werden am meisten \u00fcberrascht von den negativen \u00f6konomischen Folgen des Vorrangs nicht\u00f6konomischer Handlungsmotive. <i>Zu wenig \u00d6konomisierung des Denkens ist die Ursache, nicht zu viel. <\/i>W\u00fcnscht also die Jury eine weitere Ent-\u00d6konomisierung des Denkens, wird das einen Mehr-Mehr-Preis kosten. Streicht man die Stellen der Jury-Mitglieder und schr\u00e4nkt ihre Alterversorgung ein, werden auch sie merken, dass man sich von guten Absichten nicht ern\u00e4hren kann. Dass man sich Einkommensver(sch)wendung erst leisten kann, wenn man bei der Einkommenserzielung keine Verschwendung zul\u00e4sst. Das schlie\u00dft auch und gerade den effektiven und effizienten Einsatz von Arbeitskraft und Kapital ein.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>C. Ein weiterer Arbeitnehmer = zwei Porsche weniger: So geht die Rechnung <i><u>ohne<\/u><\/i> Humankapital!<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Sagen wir endlich, was positiv am <i>\u201eHumankapital\u201c<\/i> ist oder besser am<i> Humanverm\u00f6gen<\/i>: Im klassischen Rechnungswesen taucht der Arbeitnehmer nur als <i>Personalkosten<\/i> auf. Er erscheint nicht als Verm\u00f6gen einer Unternehmung. Das mag auf den ersten Blick menschlich und gut sein. Nach allem, was auch den \u00d6konomen heilig ist, steht der Mensch nicht auf einer Stufe mit Sachen oder Finanzen. Diese Ent\u00f6konomisierung des Menschen scheint daher auf den ersten Blick angemessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Leider gereicht das dem Menschen nicht immer zum Vorteil. Menschen entl\u00e4sst man nicht leichter, weil man den Wert ihres Humanverm\u00f6gens kennt. Im Gegenteil: <i>Wird der Mensch allein als Kostenfaktor gesehen, gilt er ausschlie\u00dflich als finanzielle Belastung. Geht man davon aus, dass die besten Mitarbeiter auch die teuersten sind, w\u00fcrde man diese zuerst entlassen. W\u00e4re das gut? Wie lange w\u00fcrden das der Rest der Firma und die \u00fcbrigen Arbeitnehmer \u00fcberstehen?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was das Unwort <i>\u201eHumankapital\u201c<\/i> n\u00fctzt angesichts der vielen Entlassungen, hat die Jury gefragt. \u2013 Sind die Kosten des Personals h\u00f6her als der Ertrag ihres Humanverm\u00f6gens, gibt es f\u00fcr eine Unternehmung nur zwei Wege, falls sie auf M\u00e4rkten nicht h\u00f6here Erfolge erzielt: Dahinsiechen bis zur Insolvenz oder Rettung mit einem Teil der Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Unternehmer beh\u00e4lt einen Arbeitnehmer nur oder stellt ihn ein, wenn er von ihm einen h\u00f6heren Leistungswert erwarten darf als er an L\u00f6hnen und Lohnebenkosten an ihn zahlen muss. Das ist f\u00fcr einen gut durchschnittlichen Arbeitnehmer in etwa die Rate, die man f\u00fcr das Leasen zweier gediegener Porsches zahlen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wer \u00fcber diesen Vergleich entsetzt ist, dem sei geholfen. Stellt man den Vergleich an \u201eein Arbeitnehmer mehr = zwei Porsche weniger\u201c, geht man davon aus, dass der Arbeitnehmer nur Geld kostet, aber nichts bringt. Eine solche Rechnung kann nur aufmachen, wer von <i>Humankapital<\/i> nichts wissen will. Wie die Jury! Perfiderweise!!! Oder derjenige, der glaubt, bei Beamten und Politikern stimme diese Gleichung wirklich. Schlie\u00dflich zahlen wir Steuern ohne Anspruch auf Gegenleistung!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Wird der Mensch nur als Kostenfaktor betrachtet, ist jede Investition in Personalentwicklung, in Ausbildung und Bildung nutzlos.<\/i> Genau so werden diese Investitionen im klassischen Rechnungswesen behandelt: W\u00fcrde man Geld aus dem Fenster werfen, statt in die Ausbildung seiner Mitarbeiter stecken: die bilanziellen Auswirkungen w\u00e4ren dieselben. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Liebe Jury! W\u00e4re eine Vorstellung von <i>Humanverm\u00f6gen<\/i> nicht menschlicher. Ob man dazu wie die Volkswirte <i>\u201eHumankapital\u201c<\/i> sagt, macht die Sache nicht anders, latente Anti-Kapitalisten wegen des W\u00f6rtleins \u201eKapital\u201c aber offensichtlich reizbarer? \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Um durch fehlgeleitete Gewinnanreize Unternehmungen nicht der Kompetenzbasis zu berauben, hat man im amerikanischen <i>Management-Accounting<\/i> die Ausgaben f\u00fcr die Entwicklung des Personals als <i>Verbesserung des Humanverm\u00f6gens<\/i> angesetzt, als damit als Verm\u00f6genserh\u00f6hung (Gewinn) definiert und so eine neue Berechnungsbasis f\u00fcr die Gewinnbeteiligung entwickelt. Dadurch ist es f\u00fcr gewinnbeteiligte Manager lohnenswerter, in Mitarbeiter zu investieren. Deutsche Wissenschaftler haben dann Varianten dieser Humanverm\u00f6gensrechnung entwickelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wo liegt hier der menschenverachtende Ansatz, den die Unwort-Jury unterstellt? Personalentwicklung f\u00f6rdert die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und die M\u00f6glichkeit, gest\u00e4rkt in Gehaltsverhandlungen zu gehen. Erh\u00f6ht dies \u2013 was nicht einmal zwingend ist (s.o.) \u2013 zugleich den Shareholder Value, ist das ein fairer Deal, der beide Vertragspartner besser stellt. Was spricht dagegen, wenn \u201eHumankapital\u201c, Gehalt <i>und<\/i> Shareholder Value steigen? Nur ein anti-kapitalistisches Ressentiment: Das verwegene Vorurteil, ein verbessertes Humanverm\u00f6gen bringe allein Vorteile f\u00fcr die kapitalistisch beherrschte Unternehmung und erm\u00f6gliche dem Finanzkapital nur eine bessere Ausbeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Tats\u00e4chlich ist aber Bildung von Humanverm\u00f6gen seit Jahrhunderten <i><u>der<\/u><\/i> Weg zur Emanzipation von Menschen, selbst wenn es auf diesem Weg auch Holper- und Stolpersteine gibt, wie das Neschle bei der \u201eAdemischen Ludenknechtschaft\u201c (<a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-16-23-woche-2007\/\">Leon Neschle 16<\/a>) gezeigt hat! Denn schlie\u00dflich macht erh\u00f6htes Humanverm\u00f6gen auch seine Ausbeutung lohnender. Bei \u201erichtigem\u201c Einsatz st\u00e4rkt es allerdings auch die Position des Humanverm\u00f6genstr\u00e4gers, manchmal so sehr, dass er nun umgekehrt \u201edas Finanzkapital\u201c seinen Zielen \u201eunterordnen\u201c kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><b><i><u>&#8211; Dritter und letzter Teil verfolgt Dich noch! &#8211; <\/u><\/i><\/b><\/p>\n<p><u><\/u><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Kosten macht er nun einmal<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">der Mensch als Teil vom Personal.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Doch seine Arbeit hat erst Sinn,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wenn sie betrieben mit Gewinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ist das nicht so, wird er entlassen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">auch wenn das manche gar nicht fassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(Kapitale Fortsetzung:)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Es rettet uns vor solcher Qual<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">hohes humanes Kapital.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und wie Betriebswirte vorz\u00f6gen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">nennt man es auch \u201eHumanverm\u00f6gen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Jetzt kann der Mensch auf seinem Posten,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">was wert sein, statt nur was zu kosten.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bei der sklavischen \u00dcbernahme von Spracheigenheiten waren wir immer gro\u00df. Wo betet man \u201eVaterunser\u201c, wenn es sprachlich korrekt \u201eUnser Vater\u201c hei\u00dfen m\u00fcsste. In England jedenfalls nicht. Da hei\u00dft es <i>\u201eOur Father\u201c<\/i>. Es ist <i>dort<\/i>(!) ohne Bedeutung, dass die Reihenfolge bei \u201ePater noster\u201c sprachbedingt anders ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <i>\u201eArbeitnehmer\u201c<\/i> und <i>\u201eArbeitgeber\u201c<\/i> w\u00e4ren Kandidaten f\u00fcr die Unwortwahl. Sie stellen auf zynische Weise den Sachverhalt auf den Kopf, dass die Arbeitnehmer ihre Arbeit geben und ihre Haut zum Markte tragen. Arbeitgeber stellen zwar Arbeitspl\u00e4tze bereit, aber sie nehmen Arbeit und Leistung entgegen, sind also Arbeitnehmer. Arbeitgeber m\u00fcsste also \u201eArbeits<i>platz<\/i>geber\u201c oder \u201eArbeitnehmer\u201c hei\u00dfen, Arbeitnehmer entsprechend \u201eArbeits<i>platz<\/i>nehmer\u201c oder \u201eArbeitgeben\u201c. Liebe Unwortjury: Diese Unw\u00f6rtelei gibt es seit mehr als hundert Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Oder war es \u201eder Drang des Herzens und die Glut der Lenden\u201c?<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=54\">PDF-Datei<\/a><br \/>\nThis post was downloaded by  1206  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unwort \u201eHumankapital\u201c Untat nicht nur des Jahres 2004 (II) I am, at heart, a tiresome nag complacently positive that there is no human problem which could not be solved if people would simply do as I advice. (Gore Vidal) Die Realit\u00e4t deutscher Unternehmungen besteht f\u00fcr die Unwort-Jury darin, dass Humankapital dem Shareholder Value untergeordnet ist. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-20-27-woche-2007\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 20 (27. 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