{"id":161,"date":"2007-06-29T17:00:48","date_gmt":"2007-06-29T16:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-19-26-woche-2007\/"},"modified":"2020-06-21T12:49:58","modified_gmt":"2020-06-21T11:49:58","slug":"leon-neschle-19-26-woche-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-19-26-woche-2007\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 19 (26. Woche 2007)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #4f81bd\"><strong>Unwort \u201eHumankapital\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>\u201eUntat\u201c nicht nur des Jahres 2004 (I)<\/strong><\/span><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>The urge to save humanity is almost always a false front for the urge to rule it.&nbsp;<\/em>(H. L. Mencken)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eigentlich ist die Wahl von \u201eHumankapital\u201c zum Unwort des Jahres 2004 bedeutungslos f\u00fcr den \u00d6konomen. Was st\u00f6rt es die deutsche Eiche \u2026 !? Diese Wahl ist jedoch das Musterbeispiel f\u00fcr <i>Dummverstand<\/i> bei denen, die hierzulande ihr <i>Geistespharis\u00e4ertum<\/i> zelebrieren und sich dabei als Bildungselite feiern oder feiern lassen wollen.<!--more--> Neschles Essay zur \u201eDummheit dieser Gescheiten\u201c hat daher sogar <i>drei<\/i> Teile, denn alle[r] b\u00f6sen Dinge sind drei(st), und f\u00e4llt entsprechend deftig aus:<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>A. \u00d6konomisches Denken macht blind f\u00fcr den Wert des Menschen!<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">H\u00e4tte es eines Beweises bedurft, wie dusselig Philologen in Fragen der Wirtschaft sein k\u00f6nnen: 2005 nach Christus haben sie den Beweis erbracht: mit der Wahl von <i>Humankapital<\/i> zum Unwort des Jahres 2004. Bisher hatten sie zu \u00f6konomischen Fachbegriffen geschwiegen, ob aus Weisheit oder Unkenntnis wusste niemand. Jetzt haben sie geredet und sich ins Dasein der \u00d6konomen gen\u00f6tigt. Zum Vorschein kamen die blanke Ignoranz und die abgrundtiefe \u201eDummheit der Gescheiten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Normalerweise sind Sto\u00dfstange, Morgenstund oder M\u00fc\u00dfiggang aller Laster Anfang. F\u00fcr die Unwort-Jury ist es <i>\u201eHumankapital\u201c. Dieses Wort mache blind f\u00fcr den Wert des Menschen<\/i>, sagt die Jury. \u00d6konomen wissen offenbar nicht, dass man nicht alles z\u00e4hlen kann, was z\u00e4hlt. Und dass nicht alles z\u00e4hlt, was man z\u00e4hlen kann:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Macht aber die Kenntnis des Preises eines Weins die Geschmacksnerven taub f\u00fcr dessen Aromen, die Augen blind f\u00fcr sein Farbspiel, die Nase unsensibel f\u00fcr den Duft, den Geist unempf\u00e4nglich f\u00fcr dessen Geschichte? Es gibt offenbar Leute, die das denken. Sie sind ausnahmslos keine \u00d6konomen. Die denken genau umgekehrt: Wer den Preis eines Weines kennt, versucht eher dessen Wert zu ergr\u00fcnden und das zu erkennen, was diesen Wert ausmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die gute Absicht spricht Neschle der Jury gar nicht ab. Gepaart mit Dummheit gilt aber die Weisheit Dantes: Mit guten Absichten ist der Weg zur H\u00f6lle gepflastert. &#8211; Frei interpretiert: <i>Ein hartes Herz kann man nicht durch ein weiches Hirn ersetzen!<\/i> (Neschle sollte anfangen, seine \u201eSpr\u00fcche\u201c zu sammeln!) Auch eine Verdrehung der Tatsachen unterstellt Neschle nicht. <i>Tatsachen muss man kennen, ehe man sie verdrehen kann.<\/i> Diese Philologen sind ehrliche M\u00e4kler, was sie aber nicht sch\u00fctzt vor dem Makel der Torheit, der sie zu Maklern des Dummverstandes macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Solche Leute setzen Fische auf B\u00e4ume, um sie vorm Ertrinken zu retten. So trieft die Begr\u00fcndung f\u00fcr das Unwort <i>Humankapital <\/i>vor Moralin und stockt vor lauterer Dummheit: <i>\u201eDer Gebrauch dieses Wortes &#8230; f\u00f6rdert &#8230; die prim\u00e4r \u00f6konomische Bewertung aller denkbaren Lebensbez\u00fcge, &#8230; degradiert nicht nur Arbeitskr\u00e4fte in Betrieben, sondern Menschen \u00fcberhaupt zu nur noch \u00f6konomisch interessanten Gr\u00f6\u00dfen\u201c<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit Grauen denkt Neschle an die Mediziner, die von der <i>Leber auf Zimmer 112<\/i> oder vom <i>Raucherbein auf Station 3<\/i> sprechen. Leber und Raucherbein, das w\u00e4ren grandiose Unw\u00f6rter, die den Menschen auf einen Teil reduzieren, dazu noch auf einen kranken. Vergessen die Mediziner nicht den Menschen, der daran h\u00e4ngt? Betrachtet der Gyn\u00e4kologe seine Frau beinahe so, wie der Zuh\u00e4lter die Prostituierte, nur ein wenig kranker und nicht ganz so geldgeil?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie stark muss der Sch\u00e4delfra\u00df nagen, bevor man so denkt? Wie war das? Der Gebrauch des Wortes Humankapital<i> \u201ef\u00f6rdere die prim\u00e4r \u00f6konomische Bewertung aller denkbaren Lebensbez\u00fcge\u201c, <\/i>degradiere Menschen<i> zu \u201enur noch \u00f6konomisch interessanten Gr\u00f6\u00dfen\u201c<\/i>. Was ist dann erst mit dem Gebrauch der W\u00f6rter <i>\u201aLeber\u2019<\/i> oder <i>\u201aRaucherbein\u2019<\/i> durch menschenverachtende Mediziner?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle wartet nun darauf, dass <i>\u201aErbguttr\u00e4ger\u2019<\/i> oder <i>\u201aDeckhengst\u2019<\/i> zum Unwort des Jahres wird. Damit f\u00fchlt er sich auf Fortpflanzung reduziert. Das arme Pferd k\u00f6nnte aber nichts daf\u00fcr, dass die Jury das Denken nicht seiner Spezies \u00fcberlie\u00df. <i>Pferde sind n\u00e4mlich nicht doof. Sie wetten jedenfalls nicht auf Menschen, schon gar nicht auf Philologen. <\/i>&#8211; Bei <i>\u201aGeb\u00e4rmaschine\u2019<\/i> h\u00f6rt freilich bei Neschle der Spa\u00df auf. Doch was verunglimpft, kann auf einen Miss-Stand hinweisen. Das hat auch etwas Gutes, weil es den Keim der Ver\u00e4nderung n\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unsere liberale Gesellschaft erlaubt jedem, so ignorant und d\u00f6sig zu sein, wie er will und kann. Doch wer seine demonstrative Abscheu \u00fcber die Sprachverkommenheit seiner Landsleute ausgie\u00dft, sollte so viel echtes Humankapital haben, um dar\u00fcber urteilen zu k\u00f6nnen. Gef\u00fchltes Gutmenschentum reicht nicht, wenn Oberlehrer der Sprachkultur mit herrischem Zeigefinger auf die dekadente Sprachverwahrlosung deuten. Das kennen wir von Pharis\u00e4ern: <i>Wie gut, dass ich nicht bin wie jene S\u00fcnder dort!<\/i> Gut, dass ich bin wie jene Menschenverwerter, die im Menschen nur das Nutzvieh der Wirtschaft sehen und Unw\u00f6rter propagieren, bei denen ihre Mitmenschen gar nicht anders k\u00f6nnen als andere auch nur noch auf diese Weise wahrzunehmen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hat das Wort \u201eHumankapital\u201c wirklich diese magische Kraft? Neschle glaubt da eher an die Kraft der Worte als an die der W\u00f6rter.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>B. Personalkosten, Ehrenmord, Heuschrecken: gescheiterte Unw\u00f6rter.<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Man kann den gutmenschlichen Philologen gar nicht b\u00f6se sein, dass sie nichts von <i>Humankapital<\/i> verstehen und in der \u00d6konomie nur eine Anleitung zum Geldverdienen auf Kosten anderer sehen. Das ist die allgemeine \u00f6konomische Ignoranz in diesem. Lande. Die der Philologen an erster Stelle. <i>In weiten Bereichen ist unser Dasein und Denken ent-\u00f6konomisiert. Am st\u00e4rksten offenbar dort, wo sicherheitsversorgte Beamte in wirtschaftsfernen Arbeitskoppeln blutleere Steckenpferde aufz\u00e4umen, \u00fcber Unworte nach- oder Rechtschreibreformen verdenken. Doch k\u00f6nnen wir uns das Leben noch leisten, wenn wir es weiter ent\u00f6konomisieren?<\/i> Was wird, wenn wir die Philologisierung vorantreiben? K\u00f6nnen wir Philo- oder Anthropologen noch bezahlen, falls wir sie dann noch brauchen wollen? <i><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Denkw\u00fcste der Philologen erf\u00fcllt zudem auch das Wort <i>\u201aPersonalkosten\u2019<\/i> alle Kriterien, die zum Unwort <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i> f\u00fchrten. Dar\u00fcber hinaus wird der Mensch darin allein negativ gesehen. Als Kostenfaktor(!) oder wie die Jury sagen w\u00fcrde: <i>\u201e<u>nur<\/u> noch als Kostenfaktor\u201c<\/i>. Das ist schlechter als ein \u00f6konomisch positiver Faktor wie Humankapital. Trotzdem k\u00fcrte die Jury <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i>. Was lie\u00df sie den Bann gegen <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i> richten noch <i><u>vor<\/u><\/i> (!!!) <i>\u201aBegr\u00fc\u00dfungszentrum\u2019 <\/i>f\u00fcr ein Auffanglager afrikanischer Fl\u00fcchtlinge?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das entartete Schmeicheletikett <i>\u201aBegr\u00fc\u00dfungszentrum\u2019<\/i> reiht sich zweifel- und nahtlos ein in die Reihe sch\u00f6nf\u00e4rbender Schmuckw\u00f6rter f\u00fcr unmenschliche Abscheulichkeiten, die wie <i>\u201aethnische S\u00e4uberung\u2019 <\/i>mit Recht auf den Index sprachlicher Abartigkeiten gesetzt wurden. Hier hat die Jury sinnvoll gehandelt und Vern\u00fcnftiges bewirkt. Warum aber rangiert <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i> ranggleich mit solch brutalen Besch\u00f6nigungen wie <i>\u201aethnische S\u00e4uberung\u2019<\/i> oder h\u00f6her im Unwertrang? Warum nicht eher <i>\u201aPersonalkosten\u2019<\/i>? Es muss an der Verkn\u00fcpfung des menschlichen <i>\u201aHuman\u2019<\/i> mit dem Reizwort <i>\u201aKapital\u2019<\/i> liegen, das in den Ohren der Jury inhumaner klingt als <i>belastende Kosten<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da h\u00f6rt Neschle schon den antikapitalistischen Chor nostalgischer Alt-68er Beifall klatschen. Doch <i>die Jury will ausdr\u00fccklich \u201enicht in die marxistische Ecke\u201c gestellt werden<\/i>, nur weil ihre Kritik am <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i> gerade aus dieser Ecke mit klammheimlicher Freude begr\u00fc\u00dft wird. Die Jury ist allerdings stolz auf den <i>Unisono-Aufschrei <\/i>der \u00f6konomischen <i>Experten<\/i>. Ihr stelle sich n\u00e4mlich die Frage<i>,<\/i> <i>\u201eob wir mit der Wortkritik nicht einen Nerv sogar der \u201eHumankapital\u201c-Theorie und ihrer gesellschaftlichen Relevanz getroffen haben\u201c<\/i><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>? \u2013 Wie sagt man heute: \u201eNa toll!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da hat man es nun sogar den Experten der \u00d6konomie gezeigt, K\u00f6pfe mit N\u00e4geln gemacht. \u201eDen Nerv getroffen\u201c lobt sich die Jury selbst wie ein kommunistischer Funktion\u00e4r, der die eigene Rede beklatscht. Allerdings ist der Mensch das einzige Wesen, das sich selbst loben kann. Sollte man ihn daf\u00fcr tadeln? Doch schmunzeln wird man d\u00fcrfen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weil die Unwortjury die \u00d6konomen hart am Kopf traf, schreien die Getroffenen auf. Da das so gut geklappt hatte, versuchte es die Jury 2005 wieder mit einem Begriff aus der Wirtschaft. <i>\u201aEntlassungsproduktivit\u00e4t\u2019<\/i> wurde mit Recht gescholten. Wohl wegen des Aufsehens des Unworts <i>\u201aHumankapital\u2019 <\/i>wurden viele solcher Begriffe der Wahl ausgeliefert. <i>\u201aEntlassungsproduktivit\u00e4t\u2019<\/i> jedoch vor(!!!) <i>\u201aEhrenmord\u2019<\/i> zu platzieren, zeugt von einer Verschiebung der Werte oder von Effekthascherei mit einem grobgalaktischen Rundumschlag gegen alles \u201eWirtschaftliche\u201c. Insofern spricht hieraus die unterschwellige Wirtschaftsfeindlichkeit dieser Jury, die in der Wahl von <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i> bislang ihren ungeistigen Tiefpunkt fand.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So kann es nicht verwundern, dass M\u00fcnteferings <i>\u201aHeuschrecken\u2019<\/i> ungekr\u00f6nt blieben. Diese Bezeichnung f\u00fcr als <i>Ungeziefer<\/i>-Plage betrachtete Geld-<i>Menschen<\/i> hatte zwar 2005 das meiste Aufsehen erregt, sie klingt jedoch gen\u00fcgend antikapitalistisch und wirtschaftsverachtend, um offenbar dadurch f\u00fcr die Jury wieder \u201emenschlich\u201c zu wirken. Aber man muss schon ganz \u201esch\u00f6n braun\u201c sein, um sich zu erinnern, wann man zuletzt Menschen als \u201eUngeziefer\u201c hinstellte!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine vormals gewerkschaftseigene Bank nahm solche Heuschrecken sp\u00e4ter dennoch gern zur Rettung der Arbeitspl\u00e4tze in Anspruch. Eine Rettung, die die Gewerkschaft nicht mehr leisten konnte oder wollte. Wof\u00fcr Heuschrecken pl\u00f6tzlich auch gut sind!?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das mit den Heuschrecken passt offenbar ins Weltbild der Jury!? Weil sie selbst so wenig Schlimmes an diesem tierischen Vergleich findet, nutzt Neschle das, um die Jury mit einem Ochsen zu vergleichen. Dem ist beim althergebrachten Lateiner allerdings nicht erlaubt, was dem Jupiter erlaubt ist<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>C. Furz des Ochsen trifft den Nerv, dicker Hund kommt von der Kette.<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei der Wahl zum Unwort hatte der Sprecher der Jury noch betont, das Wort \u201a<i>Humankapital\u2019<\/i> habe <i>in der Fachsprache durchaus seinen Platz<\/i>. Das Problem sei nur, dass sich der Gebrauch <i>in \u201enichtfachlichen Bereichen\u201c<\/i> ausbreite. Er hatte bekr\u00e4ftigt: <i>\u201eIch will den Wissenschaftlern den Begriff nicht nehmen!\u201c <\/i>Da hatte man das Dorf noch in der Kirche gelassen und die Kirche im Dorf!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch nachdem sich die Wirtschaftswissenschaftler gewehrt hatten gegen diese Wahl und die r\u00e4tselhafte P\u00f6belei schulmeisternder Philologen gegen ihre Kollegen vom anderen Ufer, \u00e4nderte sich das. Die Jury selbst w\u00e4hlte nun entgegen ihrer Ank\u00fcndigung die Flucht nach vorn zum Angriff in die Reihen der Wirtschaftswissenschaft. Diese Reihen hatte sie anfangs umsichtig gemieden. Jetzt entbl\u00f6dete sie sich aber nicht mehr, die Wirtschaftswissenschaftler wegen dieses Unworts zu schm\u00e4hen und ihnen neunmalkluge Ratschl\u00e4ge zu erteilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der geistige Kohl, den der gemeine Philologe t\u00e4glich verdauen muss, f\u00fchrte zu mentalen Bl\u00e4hungen, gegen die sich die Wahl von <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i> zum Unwort beinahe als F\u00fcrzchen ausnahm. Schon das stank den \u00d6konomen kr\u00e4ftig, doch im Hochn\u00e4schen der anti-\u00f6konomischen Einbildungselite wurde es nur allzu gern gewittert, was bei den \u00d6konomen wiederum als Miefmultiplikator wirkte. Insoweit ist \u201eein Nerv\u201c der Wirtschaftswissenschaftler getroffen. Doch nicht jeder Furz eines Ochsen ist ein verheerender Luftangriff. Aber er bel\u00e4stigt, wenn der Ochse j\u00e4h einen Raum betritt und dabei auf die Witterung von Leuten trifft, die diese Spezies sonst selten schnuppern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Jury stellt zwar nur die <i>Frage<\/i>: <i>\u201eob wir nicht einen Nerv sogar der \u201eHumankapital\u201c-Theorie \u2026 getroffen haben?\u201c<\/i> Suggestiv wird sie dabei aber \u201e<i><u>die<\/u><\/i> Humankapital-Theorie\u201c der \u00d6konomen direkt getroffen:. \u2013 Was aber meint die Jury mit \u201e<i><u>der<\/u><\/i> Humankapital-Theorie\u201c? Es gibt doch allenfalls <i>Ans\u00e4tze<\/i> zu <i><u>einer<\/u><\/i> solchen Theorie. Wenn man so angreift, sollte man doch ein wenig mehr wissen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Man k\u00f6nnte nun die strunzdummen Selbst\u00fcberheblichkeiten der Jury v\u00f6llig unbeachtet lassen. Doch deeskalierendes Herunterschlucken jeder sozial verbr\u00e4mten Absurdit\u00e4t f\u00fchrt dazu, dass die Klugen am Ende von den Dummen regiert werden. Die werden bekanntlich nicht alle. Mit ihnen die Dummheit. Denn die <i>T\u00fcrsteher unserer Sprachkultur<\/i> lassen einen noch viel dickeren Hund von der Kette:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u201e\u2026<\/i> <i>mit welcher Sicherheit<\/i> <i>soll denn <\/i>&#8230; <i>der<\/i> <i>&#8230; menschliche Anteil an der Leistungskraft von Unternehmen wie der ganzen Gesellschaft berechnet werden, wenn<\/i> <i>im<\/i> <i>wirtschaftspolitischen und \u2013praktischen Handeln das sog. \u201eHumankapital\u201c von inzwischen mehr als f\u00fcnf Millionen und mit jeder weiteren Massenentlassung auf den M\u00fcll geworfen wird. Was hat die Theorie da noch mit der Realit\u00e4t zu tun? Realit\u00e4t ist doch wohl, dass das \u201eHumankapital\u201c grunds\u00e4tzlich dem \u201eshareholder value\u201c untergeordnet wird. &#8230; Auch sollten sich die Experten einmal einer Debatte \u00fcber etwas weiter gefasste anthropologische Fragestellungen nach dem Wert von Menschen \u00f6ffnen, der nicht nur in Euro oder Cent berechnet werden kann.\u201c<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Beim letzten Punkt kann Neschle beruhigen: Nicht alles, was uns au\u00dfer Geld bereichert, wird von \u00d6konomen als un\u00f6konomisch abgetan. Auf der Suche nach Bestimmungsfaktoren des Humankapitals haben \u00f6konomische J\u00e4ger und Sammler so ziemlich jede fette Weide in den Niederungen von Psychologie, Soziologie und Anthropologie abgegrast und eher leichtsinnig selbst kaum brauchbare nebul\u00f6se Erkenntnisse vereinnahmt. Von solchen Bem\u00fchungen scheint die Jury nichts zu wissen oder wissen zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch auch bornierte \u00d6konomen m\u00fcssen nicht jeden k\u00fcmmerlichen Erguss blutleerer Gehirnwindungen aufnehmen, der mit schw\u00fclstigen Worth\u00fclsen in karge Ein\u00f6den geistigen Stillstands ver-f\u00fchrt. <i>Vernebelnde Wortschleier ph\u00e4nomenalen Geschw\u00e4tzes am lallenden Bande, mit Heideggerschen Unsch\u00e4rfen mystifizierte S\u00e4tze, die auf vielen Wegen vom Nirgends zum Nichts f\u00fchren, m\u00f6gen Philologen begeistern. \u00d6konomen nicht! Denn die m\u00fcssen sich an und in der Praxis beweisen, nicht allein bei Mitbewohnern elfenbeinerner T\u00fcrme eines vergeistigten Wolkenkuckucksheims.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn die Jury schon apodiktische Hinweise f\u00fcr \u00d6konomen gibt, k\u00f6nnten ihre Mitglieder auch selbst die Theorieentwicklung zum \u201eHumankapital\u201c vorantreiben. Das armselige Ergebnis solcher Bem\u00fchungen l\u00e4sst aus obiger Argumentation erahnen und ebenso sein Untergang im Wettbewerb der Ideen. Denn in der Argumentation der Jury gehen unvermengbare Gedankenbr\u00f6sel einen ungenie\u00dfbaren Argumentationsbrei ein. Da geht es um <i>Berechnung<\/i> oder besser: <i>\u201aMessung\u2019 von Humankapital<\/i>. Im selben Satz ohne Verbindung um etwas ganz anderes: den <i>realen Verlust<\/i> von Humankapital durch <i>Massenentlassungen<\/i><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Warum soll der reale Verlust von Humankapital die Sicherheit seiner Messung behindern? Zum Me\u00dfergebnis muss man doch dann nur den Zeitpunkt der Messung hinzuf\u00fcgen: Sind in einer Badewanne hundert Liter und ich lasse zehn Liter ab, habe ich vorher hundert und hinterher neunzig. Warum behindert das Ablassen des Wassers die <i>Sicherheit der Berechnung<\/i>? Es relativiert sie in der Zeit. Eine zeitunabh\u00e4ngige Messung des Humankapitals ist jedoch selbst beim einzelnen Menschen nur m\u00f6glich beim v\u00f6lligen geistigen Stillstand, jenem krankhaften Stumpfsinn, den Mediziner <i>Stupor<\/i> nennen. Warum kommt der Jury ausgerechnet der in den Sinn?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Messproblem ist klar: Mit jeder Entlassung in Deutschland vermindert sich hier das in Unternehmungen gebundene Humankapital. Bei einer Verlagerung der Arbeitspl\u00e4tze nach Polen oder China erh\u00f6ht sich dort das in Unternehmungen gebundene Humankapital. Bei konstantem Besch\u00e4ftigungsstand bewirken Aus- und Weiterbildung in Unternehmungen eine Erh\u00f6hung des Humankapitals. In jedem Land gibt es aber auch Humankapital, das nicht an Unternehmungen gebunden ist, wie das unserer Unwort-Jury. Manchmal f\u00e4llt das durchaus ins Gewicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das blanke Wort <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i> bewirkt zudem nichts f\u00fcr dessen Verlust durch Entlassungen. Entlassungen gibt es nicht <i>wegen<\/i> des Unwortes <i>\u201aHumankapital\u2019<\/i>, sondern <i>trotz(!)<\/i> des Verlustes von <i>realem(!) Humankapital<\/i>. Oder glaubt die Jury, irgendetwas w\u00fcrde besser, wenn man den Menschen nur als Kostenfaktor betrachtet?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit Ignoranz erkl\u00e4rt man Entlassungen nicht, noch schafft sie ein naiver Sozialwunsch aus dem Weg oder macht sie auch nur ertr\u00e4glicher. Unverst\u00e4ndnis richtet mehr Schaden an als es hilft bei Problemen, die ihre Ursache in diesem Unverst\u00e4ndnis haben. <i>Oder glaubt die Jury, dass eine \u201ade-florierende\u2019 Wirtschaft in Deutschland dem herausragenden \u00f6konomischen Verst\u00e4ndnis hierzulande geschuldet ist und nicht dem Unverst\u00e4ndnis?<\/i> Gerade Philologen, die unsere Schulausbildung formen, und Regulierungsbeamte, die zwar die Wirtschaft beeinflussen, sich aber nie mit \u00f6konomischem Wissen belasten mussten, spielen dabei eine tragische Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><b><u>&#8211; Die Fortsetzung verfolgt einen im n\u00e4chsten Essay \u2013<\/u><\/b><\/p>\n<p><u><\/u><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der \u00d6konom, der B\u00f6sewicht,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">der kennt den Wert des Menschen nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der wahre Wert ist ihm egal,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ist nur \u201ehumanes Kapital\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Den wahren Wert, den kennt viel n\u00e4her<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">der Philologenpharis\u00e4er.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Es meldet sich der Ethi-krat,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">erteilt so manchen Ethik-rat,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">den unmenschlichen \u00d6konomen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">versorgt er stolz mit Sprachkondomen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Auf diese Weise gut beh\u00fctet,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wird auch der B\u00f6seste \u201everg\u00fctet\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ist man im Fach auch Dilettant,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">man tut als sei alles bekannt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und scheut sich nicht dem fremden Fache,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">keck zu erkl\u00e4ren <i>dessen<\/i> Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ist dessen Reaktion auch Hohn,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>erf\u00fchlt<\/i> man simpel ihn als Lohn.<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\">\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Man sollte die Sprachkompetenz dieser Sprachbewacher selbst in Frage stellen! Solche Presseverlautbarungen weisen diese \u201averbalen Vorturner\u2019 nicht gerade als Akrobaten ihrer Disziplin aus. Wer der gute Hirte der Sprachdisziplin sein will, sollte sich ihr selbst unterwerfen und nicht in relevanztriefendes Soziologendeutsch der Alt-68er abrutschen. Selbst die meisten 68er sind da heute \u201eein St\u00fcck weit\u201c weiter. Ja, aber <i>hallo<\/i>!!!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Quod licet Jovi non licet bovi! Frei \u00fcbersetzt: Was dem Jupiter erlaubt ist, ist noch lange nicht jedem Ochsen erlaubt!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Warum nur eine <i>\u201e<b>Massen<\/b>entlassung\u201c<\/i> zum Verlust von Humankapital f\u00fchrt ist ohnehin unklar. Es deckt in Freudscher Weise auf, welche Geisteshaltung dahinter steht: Es geht nicht gegen den kleinen Handwerker \u2013 dazu sind die verbalen Sauberm\u00e4nner zu sozial -, sondern gegen die gro\u00dfen Konzerne. Aber muss ein Handwerker einen Mitarbeiter entlassen, ist das meist relativ mehr Brain-Drain als bei der Entlassung von Tausenden durch einen Konzern. Wenn das viele Handwerker tun, summiert sich das auch absolut schnell auf das Volumen mehrerer Massenentlassungen von Gro\u00dfunternehmungen.<\/p>\n<p><a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=53\">PDF-Datei<\/a><br \/>\nThis post was downloaded by  1196  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unwort \u201eHumankapital\u201c \u201eUntat\u201c nicht nur des Jahres 2004 (I) The urge to save humanity is almost always a false front for the urge to rule it.&nbsp;(H. L. Mencken) Eigentlich ist die Wahl von \u201eHumankapital\u201c zum Unwort des Jahres 2004 bedeutungslos f\u00fcr den \u00d6konomen. Was st\u00f6rt es die deutsche Eiche \u2026 !? Diese Wahl ist jedoch &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-19-26-woche-2007\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 19 (26. 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