{"id":117,"date":"2007-05-31T11:35:25","date_gmt":"2007-05-31T10:35:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neschle.de\/?p=117"},"modified":"2020-06-21T15:53:30","modified_gmt":"2020-06-21T14:53:30","slug":"leon-neschle-16-23-woche-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-16-23-woche-2007\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 16 (23. Woche 2007)"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #4f81bd\">Akademische Ludenknechtschaft<\/span><\/strong><\/h2>\n<\/header>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>When a man tells you that he got rich through hard work, ask him: \u201eWhose?&#8220;&nbsp;<\/em>(Don Marquis)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eMeine Ausbildung war kostenlos, Deine war umsonst!\u201c, sagte Neschle vor einigen Jahren im Scherz zu seinem Bruder. Heute ist man weiter: Die akademische Ausbildung ist schon wegen der Studiengeb\u00fchren nicht mehr kostenlos, aber immer h\u00e4ufiger umsonst.<!--more--> Und die Guten bezahlt man nach dem Examen und beim Studium oft schlechter als die Schlechten: <i>Gut ausgebildet, gut ausgebeutet. <\/i>Bei den Guten lohnt sich Ausbeutung eben mehr als bei den Schlechten!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist wie beim Luden, beim Zuh\u00e4lter der \u201eGaunersprache\u201c (so der Duden!): Der w\u00e4hlt gerade die attraktivsten M\u00e4del, um sie seinem Regiment zu unterwerfen und diese als \u201eLuder\u201c, also als K\u00f6der, einzusetzen. Die h\u00fcbschen M\u00e4del landen daher in der \u201eLudenknechtschaft\u201c, w\u00e4hrend weniger attraktive von ihm unbehelligt bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die guten Leute werden nicht mehr <i>ge<\/i>kauft, sondern nur noch <i>ver<\/i>kauft, f\u00fcr dumm und manchmal f\u00fcr Geld. Frei nach Francis Bacon: \u201cGreat riches have sold more men than they have bought.\u201d Unser Reichster, der Vater Staat, ist mal wieder dabei!<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><b>A. Betteldozenten: Lehrauftr\u00e4ge und Pr\u00fcfungen gehen leer aus!<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Neulich ging es durch die Gazetten: In der Putzkolonne des Deutschen Bundestages wird mit unter sechs Euro pro Stunde weniger verdient als das, was sich viele in der Politik als Mindestlohn vorstellen. Um dieses Gehaltsniveau zu erreichen, muss man aber gar nicht putzen. Man kann auch eine akademische Ausbildung machen und im Dienste des Staates lehren, z.B. an einer Universit\u00e4t. Da wird n\u00e4mlich der geringe Verdienst locker aufgewogen durch die hohe Ehre, dort \u00fcberhaupt lehren zu <i>d\u00fcrfen<\/i>. Lehren darf man dort \u00fcbrigens nur, wenn man bereits \u00fcberdurchschnittliche Qualit\u00e4t bei Studium und Promotion bewiesen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle ist ein wenig besch\u00e4mt, erst durch einen Zeitungsartikel im Mai 2007 zu diesem Essay inspiriert worden zu sein; denn er kennt den Sachverhalt seit Jahren aus n\u00e4chster Anschauung. \u201eDer Betteldozent\u201c war der Artikel \u00fcberschrieben. Darin stand \u00fcber Lehrveranstaltungen eines Dozenten zu lesen: \u201eEr tat das unentgeltlich. F\u00fcr manche Lehrauftr\u00e4ge gab es weniger als 20 Euro pro Stunde, f\u00fcr andere nichts und auch f\u00fcr die Pr\u00fcfungen nichts.\u201c Zu all dem bekleckerte man ihn noch ein wenig mit \u201eEhre\u201c als zynisches Sahneh\u00e4ubchen. Nach f\u00fcnf Jahren Lehre wurde der Dozent \u201eau\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor\u201c. Doch f\u00fcr diesen Titel konnte er sich buchst\u00e4blich \u201enichts kaufen\u201c. Er war nach Promotion und Habilitation mit deutlich \u00fcber 30 Jahren und weniger als Hartz-IV auf die Unterst\u00fctzung seiner Mutter angewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So k\u00f6nnte der \u201eBetteldozent\u201c von heute zusammen mit dem operettenhaften Bettelstudenten fr\u00fcherer Zeiten singen: \u201eIch hab\u2019 kein Geld, bin vogelfrei, will aber nicht verzagen. Du, Jugendleichtsinn, steh\u2019 mir bei, mein Schicksal zu ertragen.\u201c Der \u201eJugendleichtsinn\u201c w\u00fcrde bei ihm allerdings durch die \u201eGelassenheit des Alters\u201c ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nimmt man unbezahlte Lehrauftr\u00e4ge, Vorbereitungen und Pr\u00fcfungen hinzu, dann k\u00f6nnen sich die Reinigungskr\u00e4fte im Bundestag fast \u201egl\u00fccklich sch\u00e4tzen\u201c: Sie verdienen mehr als unser \u201eau\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor\u201c. Und das mit viel geringeren Investitionen in ihr Humankapital.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das ist f\u00fcr sich genommen perfide genug. Das Perfideste ist aber die schr\u00e4ge Begleitmusik etwa zu den heute ohne Zusatzentgelt durchgef\u00fchrten Pr\u00fcfungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Denn die Pr\u00fcfungsentgelte wurden gerade zu einer Zeit gestrichen, als man <i>\u201emehr Leistungsorientierung und mehr Leistungsgerechtigkeit\u201c <\/i>an den Hochschulen propagierte. Neschle hat damals das Ger\u00fccht geh\u00f6rt, ein Bielefelder Professor h\u00e4tte dem Ministerium zuvor die Steilvorlage geliefert. Er fragte dort an, was die \u00dcberweisung dieser Kleckerbetr\u00e4ge f\u00fcr Pr\u00fcfungen sollte. Die Korrekturen seien doch Bestandteil seines Jobs und mit seinem Gehalt bereits abgegolten. Das lie\u00df sich das Ministerium nicht zweimal sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es deutet allerdings auch darauf hin, dass der Bielefelder Professor in der komfortablen Lage war, nur wenige Studenten bedienen zu m\u00fcssen. In Massenf\u00e4chern wie der Betriebswirtschaftslehre kamen aber im Jahr schnell \u00fcber 1.000 Klausuren zusammen, daneben Diplomarbeiten und Dissertationen. Soweit die Mitarbeiter mit Vorkorrekturen befasst waren, lie\u00dfen viele Professoren diesen das Geld zukommen. Nun sitzen die Mitarbeiter unmotiviert vor Bergen von Klausuren, zumal der Abbau der Pr\u00fcfungsentgelte auch die Abschaffung der zeitfressenden m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungen durch die Professoren beschleunigt und sie durch schriftliche ersetzt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heute verdienen Professoren und Mitarbeiter ihr Geld unabh\u00e4ngig davon, wie viele Klausuren, Diplomarbeiten und Dissertationen sie korrigieren oder wie viele m\u00fcndliche Pr\u00fcfungen sie abnehmen. Die Pr\u00fcfung war f\u00fcr Professoren zwar immer schon ein \u201eQuasi-Ehrenamt\u201c, f\u00fcr das man eine \u201ePr\u00fcfungsberechtigung\u201c brauchte, das separate Entgelt war jedoch von wichtiger Symbolik. Nur bei Lehramtspr\u00fcfungen gibt es jetzt noch diese ohnehin mageren Zusatzentgelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Selbst innerhalb einzelner Fakult\u00e4ten unterscheidet sich allerdings die Pr\u00fcfungsbelastung enorm. Zwischen den Fakult\u00e4ten sind die Unterschiede noch \u00e4rger: Als Neschles Alter Ego in einem Jahr mit der Rekordzahl von 5500 Klausuren (mit Vor- und Nachklausuren im Grundstudium) konfrontiert war, sagte ihm eine Kollegin aus einer anderen Fakult\u00e4t, sie habe in diesem Jahr 5 Klausuren zur Korrektur gehabt. In einer Fakult\u00e4t, der Neschles Alter Ego einmal angeh\u00f6rte, hatte ein Lehrstuhl jahrelang keine einzige Diplomarbeit, ein anderer in derselben Zeit im Durchschnitt 80 pro Jahr. Zusatzarbeit ohne Zusatzentgelt. Beide Lehrst\u00fchle hatten dieselbe Zahl von Mitarbeitern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Sommer 2006 flackerte kurz ein Protest an einer M\u00fcnchener Universit\u00e4t auf: F\u00fcr Lehrauftr\u00e4ge gab es 9 Euro pro Stunde, Vorbereitung und Sprechstunden wurden nicht gesondert bezahlt. Geht man davon aus, dass beide dieselbe Zeit beanspruchen wie die Lehrveranstaltung, bedeutet das nicht einmal 5 Euro pro Arbeitsstunde. Und was bekommen die Reinigungskr\u00e4fte im Bundestag? Immerhin ein wenig mehr! Was kostet heute eine Meisterstunde? Ein Vielfaches. Was hatten die Dozenten? Einen akademischen Grad, der mehr war als \u201eakademischer Meister\u201c! Sie waren promoviert und habilitiert, wof\u00fcr der \u201eMaster\u201c nur die notwendige Voraussetzung ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Randy Newmans Hit \u201eIt\u2019s Money that Matters hei\u00dft es: \u201cOf all of the people that I used to know most never adjusted to the great big world \u2026 All of those people are much brighter than I. In any fair system they would flourish and thrive. But they barely survive they eke out a living and they barely survive.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn die Leute in diesem System nicht mehr \u00fcberleben, besteht die Gefahr, dass dieses System selbst nicht \u00fcberlebt, zugleich jedoch die <i>Hoffnung auf Weisheit bei den Entscheidungstr\u00e4gern<\/i>, dass es <i><u>so<\/u><\/i> nicht \u00fcberlebt. Denn wie sollen wir damit \u00fcberleben in der internationalen Konkurrenz des Wissens. Wer ergreift hierzulande noch den Beruf des Wissenschaftlers, gerade bei gut vermarktbaren F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten? Die Besten gehen schon heute in die Praxis, bleiben nicht an der Universit\u00e4t. Aber an der Universit\u00e4t finden die Multiplikatorwirkungen auf unseren akademischen Nachwuchs statt. Daf\u00fcr brauchen wir die Besten an dieser Stelle. Durch massive Besoldungsk\u00fcrzungen versteckt hinter einer \u201eleistungsorientierteren <i>Umstellung<\/i>\u201c von der C- auf eine W-Besoldung ist unser Staat derzeit dabei, genau dies zu verhindern. Neschle empfiehlt derzeit keinem seiner Mitarbeiter mehr, auf eine Universit\u00e4tskarriere in Deutschland zu setzen. Das kurzfristige, aber recht hohe Ziel der Haushaltssanierung verstellt hier den Blick auf den k\u00fcnftigen Bildungshorizont.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unser Bildungsakku hat bereits an Ladung verloren und der Brain Drain wird enorm sein in den n\u00e4chsten Jahren. \u00dcber die langfristigen Wirkungen der jetzigen Verbildungspolitik vermag Neschle gar nicht nachzudenken. Da muss er als Ausgleich sofort ein wenig Kabarett h\u00f6ren, sonst werden Schmerzen und Trauer zu gro\u00df. Neschle prognostiziert: Es wird wieder ein massives Umsteuern geben m\u00fcssen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und wie ist es auf der \u201ePropaganda-Seite\u201c? Wie eh und je! Dort wird das Gegenteil verk\u00fcndet und eine Bildungsoffensive verfolgt die n\u00e4chste. Die vielen \u201eQualit\u00e4tspakte\u201c, f\u00fcr die man kaum mehr Namen findet, hie\u00dfen indes besser \u201eQuantit\u00e4tspakte\u201c. Denn hier geht es vor allem um zwei Dinge: Wie billig und wie viel? F\u00fcr wie wenig Geld bekomme ich m\u00f6glichst viele Studenten ausgebildet? &#8211; Doch der Staat ist nicht einmal allein bei der Ausbeutung der besonders Qualifizierten.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><b>B. Praktisches Projekt-Praktikum produziert problemlos potenzierten Profit!<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Junge \u00c4rzte in Krankenh\u00e4usern sind nur das auff\u00e4lligste Beispiel f\u00fcr die \u00dcberstundengesellschaft akademischer Frischlinge. Man findet diese unentsch\u00e4digte \u00dcberstundenklopferei in der Industrie, bei Banken, Versicherungen, in der Unternehmensberatung. Immer mit der Folge: Die <i>effektive<\/i> Stunden-Entlohnung der Qualifizierten sinkt auf die von Unqualifizierten, manchmal darunter. Alles wird propagandistisch \u201egesch\u00f6nt\u201c durch die normal <i>nominell<\/i> zu leistenden Stunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Ausnutzung und Ausbeutung der Qualifizierten nimmt zu. Junge Akademiker hungern sich von Praktikum zu Praktikum. Billige Arbeitskr\u00e4fte werden <i>ge<\/i>liebt. Manchmal so sehr, dass sie kaputtgeliebt werden. Das gilt heute vor allem f\u00fcr solche, die den <i>wichtigsten<\/i> \u201eProduktionsfaktor\u201c mitbringen: neues und junges Wissen. K\u00f6nnen die billigen Arbeitkr\u00e4fte das auch noch dynamisch umsetzen, k\u00f6nnen die Unternehmen gar nicht genug von ihnen kriegen. Sie wollen mehr davon! Und mehr!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Arbeitsmarkt f\u00fcr junge Akademiker ist eng an einigen Stellen, an anderen weiter, aber fast immer so un\u00fcbersichtlich wie ein orientalischer Markt: Gerade gro\u00dfe und als \u201eseri\u00f6s\u201c geltende Firmen \u00fcbernehmen auf diesen Markt heute spielend und bislang weitgehend unerkannt die Rolle des betr\u00fcgerischen H\u00e4ndlers. Die l\u00e4sst sich besonders leicht unter ihrem (noch) guten Ruf spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Praktikantinnen und Praktikanten einzustellen, das war &#8211; wie bei manchen Auszubildenden noch heute &#8211; einmal eine soziale, beinahe altruistische Tat. Nun gibt man es meist nur noch daf\u00fcr aus. So kann Neschle von einer als sehr seri\u00f6s geltenden Bank nur Pharis\u00e4erhaftes berichten. Sie versuchte das, was Neschle \u201e\u00dcbers-Ohr-Heucheln\u201c genannt hat. Weil er selbst betroffen ist, ist er hier auch beleidigt:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle hatte seit l\u00e4ngerem Hinweise darauf, dass <i>diese<\/i> Bank gern Praktikanten nahm und empfahl ihr einen besonders guten Studenten, einen glatten Einser-Kandidaten. Der hatte bereits praktische Erfahrungen und erstklassige Zeugnisse. Obwohl <i>diese<\/i> Bank \u2013 Neschle wiederholt sich, weil er sich nicht mehr einkriegt \u2013 sehr gern und sehr viele Praktikanten nahm, erhielt der dieser junge Mann eine Absage von der Personalabteilung. \u00dcberraschend?!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle rief daher einen seiner Ehemaligen an, der bei dieser Bank ein ansehnliches Amt bekleidete. Dieser war \u00fcber die Ablehnung nicht \u00fcberrascht und erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Das mit den Praktikanten und der Werbung der Bank daf\u00fcr stimme. Aber man bekomme so viele Angebote, dass man w\u00e4hlen k\u00f6nne. Daher habe man sich entschieden, nur Praktikanten mit guten Noten <u>und<\/u> abgeschlossenem Examen anzunehmen. Die k\u00f6nnten flexibler eingesetzt werden. Vor allem im Projektgesch\u00e4ft erg\u00e4ben sich manchmal Verz\u00f6gerungen, etwa bei M &amp; As (Mergers and Acquisitions, Zusammenschl\u00fcssen und Unternehmensk\u00e4ufen). Studenten mit unfertiger Ausbildung m\u00fcssten wegen der Wiederaufnahme des Studiums h\u00e4ufig das Projekt verlassen, w\u00e4hrend man \u00fcber die \u201eFertigen\u201c weiter verf\u00fcgen k\u00f6nne. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Au\u00dferdem <\/i>\u2013 so f\u00fcgte er mit einem von Neschle geh\u00f6rten L\u00e4cheln und Augenzwinkern hinzu<i> \u2013 k\u00f6nne man f\u00fcr Praktikanten mit abgeschlossenem Examen den Kunden \u201aguten Gewissens\u2019 <\/i>(Ist da ein Loch, wo andere Gewissen haben?)<i> h\u00f6here Stundens\u00e4tze in Anrechnung stellen. Durch die Leistung sei das gerechtfertigt.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Nat\u00fcrlich <\/i>\u2013 gestand er auf Neschles Nachfrage \u2013<i> arbeiteten die Praktikanten immer nur in einem Projekt. Beim n\u00e4chsten Projekt w\u00fcrden sie durch neue ersetzt. \u2013 \u201e\u00dcbernommen?\u201c Nein, \u00fcbernommen w\u00fcrde fast keiner. Die Praktikanten deckten vor allem das Spitzengesch\u00e4ft ab, wodurch man sich teure und schlechte Mietarbeit erspart habe. \u2013 \u201eArbeitszeit?\u201c Ja, das sei so eine Sache! Vor allem M &amp; A-Projekte liefen immer unter Zeitdruck ab. Da seien 60 Stunden und mehr pro Woche eher die Regel als die Ausnahme. Mit 40 Stunden k\u00e4me jedenfalls keiner hin.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u201eEntgelt?\u201c Ja, sicher gibt es! <\/i>(Erstaunlich bei den geringen Anforderungen und bei der Ehre, f\u00fcr diese Bank arbeiten zu d\u00fcrfen!)<i>. \u2013 \u201eWie hoch?\u201c D\u00fcrfe er eigentlich nicht sagen, aber so zwischen 600 und 1.200 Euro. \u2013 \u201eOb man den Praktikanten Hoffnung auf \u00dcbernahme mache?\u201c Ja klar, es wird ja auch manchmal einer \u00fcbernommen. \u2013 \u201eWie oft?\u201c Ja, so einer von f\u00fcnfzig! \u2013 \u201eWie oft?\u201c Einer von f\u00fcnfzig. Die sollen ja keine Dauerarbeiter werden, sondern die Leistungsspitzen abdecken! <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle legte auf und war verdammt schlecht aufgelegt. Und er rechnete, denn bei so etwas ist immer mit ihm zu rechnen. Nehmen wir die \u201eNormalarbeitszeit\u201c von 60 Stunden bei diesen Praktikanten als Basis und tun wir gro\u00dfz\u00fcgig so, als sei jeder Monat ein schaltjahrfreier Februar und bestehe aus exakt 4 Wochen. Dann l\u00e4sst sich bei dieser einfachen Zahlenlage schon mit einem halben Auge erkennen: Die vollakademischen Praktikanten dieser Bank verdienen zwischen 2,50 und 5 Euro in der Stunde brutal, sorry: brutto.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle will hier nicht an die Verrechnungspreise denken, die man den Kunden \u201erichtigerweise\u201c f\u00fcr die qualifizierte Arbeit dieser PraktikantInnen in Rechnung stellte, oder an den Rekordgewinn erinnern, den diese Bank j\u00fcngst auswies. Er vergleicht das einmal mit dem Aushilfsjob einer Studentin in einem Sonnenstudio, die Neschle von 5 Euro und ein wenig Trinkgeld erz\u00e4hlte. <i>\u201eNicht zu wenig?\u201c, fragte Neschle. \u2013 Daf\u00fcr sitze sie ja die meiste Zeit nur herum und k\u00f6nne h\u00e4ufig nebenbei noch lernen. Das sei nicht \u00fcppig, aber O.K. f\u00fcr sie.<\/i> Neschle will dieser Studentin nichts B\u00f6ses, <i>aber f\u00fcr den niedriger bezahlten und viel h\u00e4rteren Job bei der Bank w\u00e4re sie nicht qualifiziert genug gewesen.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weniger also f\u00fcr voll ausgebildete Praktikanten, die auch noch das tun, was sie jahrelang gelernt haben. Das Perfide: Man verkauft es ihnen bankseitig als \u201eInvestition in ihre Zukunft\u201c. Nat\u00fcrlich mit Risiko! \u201eAlle \u00fcbernehmen wir nat\u00fcrlich nicht!\u201c &#8211; Nee, 2 Prozent! Manche haben dabei nicht einmal gelernt, sich nicht wieder auf so etwas einzulassen. Sie hangeln sich von einem sogenannten Praktikum zum n\u00e4chsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was sich hier am Ende der Ausbildungskette abspielt ist perfide genug, kann aber gesteigert werden durch die neuen \u201eKinderf\u00e4nger\u201c. Gegen deren Fl\u00f6tent\u00f6ne, die sie arglosen Studienanf\u00e4ngern verf\u00fchrerisch vorgeigen (Perverse Dinge verlangen auch nach Sprachentartung!), sind die des Rattenf\u00e4ngers von Hameln Kinderkram. Ihr Ansatz: Sie fangen die Studenten gleich zu Beginn ihrer Ausbildung und fesseln sie durch Knebelvertr\u00e4ge oder knebeln sie durch Fesselvertr\u00e4ge. Diese Studenten arbeiten f\u00fcr ein \u201egro\u00dfz\u00fcgiges Stipendium\u201c billiger als jeder Auszubildende. Wollen sie aussteigen aus dem Vertrag, werden von ihnen Unsummen verlangt. Gerade die Besten stehen dabei am schlechtesten da, w\u00e4hrend die Schlechten besser davonkommen. Vom \u201eKaputtlieben\u201c der Guten handelt das n\u00e4chste Kapitel.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><b>C. Seven A: Anf\u00e4nglich abgeschlossener Arbeitsteilzeitvertrag als arglos aussehende Ausbeutung!<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine l\u00e4ndlich gelegene Bank links des Rheins (Der Leser verwechsele das nicht mit einer Landesbank!) will einmal partizipieren an dem gro\u00dfen Gesch\u00e4ft mit Jungakademikern. Sie liebt besonders die guten unter ihnen. Also zieht sie einen dick scheinenden <i>F\u00f6rderschafspelz<\/i> an und heckt dann als W\u00f6lfin einen b\u00f6sen Streich aus. Dabei zeigt sie zun\u00e4chst eine harmlos gewei\u00dfte Pfote, aus der jedoch schon bald ihre widerborstigen Wolfshaare hervorstechen, wenn der Braten gar zu fett scheint:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr junge Mitarbeiter, die nach der Ausbildung studieren wollen, bietet die Bank f\u00fcr die Dauer des Studiums einen \u201eTeilzeitjob\u201c. Zwei Tage volle Arbeitszeit f\u00fcr das Gehalt eines Azubis. Daf\u00fcr werden die Studienschwerpunkte an den (gerade aktuellen) W\u00fcnschen der Bank ausgerichtet. W\u00e4hrend des Studiums steigt der Student von der Kundenberatung (Grundstudium) in die Fachabteilungen (Hauptstudium) auf, in denen er sein Wissen unmittelbar einsetzen und f\u00fcr die Bank nutzbar machen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch damit \u00e4ndern sich die Spielregeln: Um in der Fachabteilung \u201earbeiten zu d\u00fcrfen\u201c, muss der Student einen Zusatzvertrag unterschreiben. Der verpflichtet ihn<i>, nach Ende seines Studiums mindestens zwei Jahre f\u00fcr die Bank zu arbeiten oder die H\u00e4lfte seines Gehaltes zur\u00fcckzuzahlen.<\/i> Unterschreibt er nicht, ist das F\u00f6rderprogramm beendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach dem Studium wird schlechten und durchschnittlichen Studenten von der Bank nahegelegt, sich um eine andere Arbeitsstelle zu bewerben. Sie kommen ohne Probleme aus ihrer Verpflichtung heraus und brauchen auch nichts zur\u00fcckzahlen. Ein schlechter Student verdient also w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr zwei volle Arbeitstage das Entgelt eines Azubis. Bedenkt man, dass der normale Azubi nicht viel l\u00e4nger zur Verf\u00fcgung steht, ist das nicht \u00fcppig. Nach seinem Studium ist er dann aber immerhin frei zu tun und zu lassen, was er m\u00f6chte. Die Bank l\u00e4sst ihn gehen, ohne \u201eAbl\u00f6se\u201c zu verlangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Guten Studierenden weist die Bank dagegen eine Stelle im eigenen Haus zu, allerdings zu einer Verg\u00fctung die deutlich unter dem Gehalt liegt, zu dem Berufseinsteiger ansonsten entlohnt werden, selbst ohne Praktika und dar\u00fcber hinausgehende Berufserfahrungen. Nimmt der gute Student den ihm zugewiesenen Job nicht an, zeigt die W\u00f6lfin Bank die Z\u00e4hne und sich nachtragend. Sie pocht auf vertragsgem\u00e4\u00dfe R\u00fcckerstattung von 50% der Ausbildungskosten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der gute Student h\u00e4tte dann im Effekt nur die H\u00e4lfte dessen verdient, was der schlechte Student erhielt, wohlgemerkt f\u00fcr eine von der Bank anerkannt bessere Arbeit. Entschlie\u00dft sich der gute Student dagegen, noch zumindest die zwei Jahre zu bleiben, ergeht es ihm auch nicht besser. Dann zahlt er diese 50% und mehr \u00fcber seinen Gehaltsverzicht zur\u00fcck: W\u00e4hrend seine schlechteren Kommilitonen ihren Job zu arbeitsmarkt\u00fcblichen Konditionen antreten, bleibt der gute deutlich darunter, geknebelt durch den Zusatzvertrag bei seinem \u00dcbergang in die Fachabteilung. Den Vertrag nutzt die Bank nur in seinem Fall optional zu seinem Nachteil, w\u00e4hrend sie bei den schlechten auf die Aus\u00fcbung der vertraglichen Option verzichtet. Ausbeutung lohnt sich halt nur bei den guten Studenten wirklich. Denn was soll man ausbeuten, wenn wenig kommt?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle sagt seinen Studenten immer: \u201e\u00dcberlegen Sie es sich gut, ob Sie studieren und dabei gut sein wollen! Die Gewerkschaft ist nicht mehr f\u00fcr Sie da: Keine 40 Stunden-Woche, erst recht keine 35. Und je besser Sie ausgebildet sind, umso mehr wird versucht, Sie auszubeuten. Die \u201eganz Seri\u00f6sen\u201c geh\u00f6ren da heute h\u00e4ufig zu den Schlimmsten!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neschle nennt das \u201eakademische Ludenknechtschaft\u201c! Denn auch Zuh\u00e4lter arbeiten nach diesem Prinzip: Sie beuten gerade die attraktivsten M\u00e4del am st\u00e4rksten aus und legen ihrem Weggang die meisten Foltern in den Weg. Weniger attraktive haben dagegen weit weniger Probleme. Sie d\u00fcrfen gehen, ja m\u00fcssen es zu ihrem Gl\u00fcck sogar manchmal.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend diese alte \u201eLudenknechtschaft\u201c in Mitteleuropa eher zur\u00fcckgeht, w\u00e4chst eine neue akademische Ludenknechtschaft auf dem h\u00f6heren Niveau des Kopfes heran. Je besser und intelligenter die Studenten sind, umso mehr lohnt es sich, sie auszubeuten. Je st\u00e4rker diese Studenten auf finanzielle Unterst\u00fctzung angewiesen sind, umso leichter ist es. Studiengeb\u00fchren machen das auf keinen Fall schwerer. Gute Studierende in finanzieller Notlage werden auch k\u00fcnftig die beliebtesten Opfer in diesem b\u00f6sen Spiel sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diejenigen, denen es gelingt, sich zu befreien von ihren seri\u00f6s auftretenden neuen Luden &#8211; die fr\u00fcheren fuhren schon Mercedes, um ihre Seriosit\u00e4t zu unterstreichen, waren aber an T\u00e4towierung und Muskelshirt leichter zu erkennen als die neuen &#8211; , verdienen dann freilich mehr als ihre schlechteren Kommilitonen. Auch das ist wie bei der Prostitution und der L\u00f6sung der Prostituierten aus der \u201eLudenknechtschaft\u201c. Gelingt dies den besonders Attraktiven macht sich das in einem gro\u00dfen \u201eGehaltssprung\u201c deutlich und die Differenz verweist auf die besonders hohen Kosten ihrer Ludenknechtschaft. So ist das auch beim guten Akademikernachwuchs.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der gr\u00f6\u00dfte Depp im ganzen Land<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Das ist und bleibt der Praktikant<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Denn wird er stets qualifizierter,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wird ganz besonders maltr\u00e4tiert er.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Je mehr er hat von neuem Wissen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">umso mehr wird er beschissen!<\/p>\n<p>&nbsp;<a title=\"PDF-Datei\" href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=7\">PDF-Datei<\/a><br \/>\nThis post was downloaded by  1326  people until now.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Akademische Ludenknechtschaft When a man tells you that he got rich through hard work, ask him: \u201eWhose?&#8220;&nbsp;(Don Marquis) \u201eMeine Ausbildung war kostenlos, Deine war umsonst!\u201c, sagte Neschle vor einigen Jahren im Scherz zu seinem Bruder. Heute ist man weiter: Die akademische Ausbildung ist schon wegen der Studiengeb\u00fchren nicht mehr kostenlos, aber immer h\u00e4ufiger umsonst.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,6],"tags":[26,12],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117"}],"collection":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=117"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1049,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions\/1049"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}