{"id":1078,"date":"2020-07-04T14:45:27","date_gmt":"2020-07-04T13:45:27","guid":{"rendered":"https:\/\/neschle.de\/?p=1078"},"modified":"2020-07-06T11:58:15","modified_gmt":"2020-07-06T10:58:15","slug":"leon-neschle-83","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-83\/","title":{"rendered":"Leon Neschle 83"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-color\" style=\"color:#4f81bd\"><strong>Auf, bei, nach, zu oder zum Aldi? Oder:<\/strong> <strong>Wie Ruhrdeutsch RICHTICH geht.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Ein Nachtrag aus dem Archiv!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><em>Der (Bastian) Sick macht mich krank, auch wenn er kein Engl\u00e4nder ist. <\/em>(Neschle)<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Heimatsprache ist Ruhrdeutsch! Nicht meine Muttersprache: Denn meine Eltern sprachen Hochdeutsch. Ruhrdeutsch lernte ich als Fremdsprache auf der Stra\u00dfe in Gelsenkirchen Schalke-Nord.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber <mfn>Ruhrdeutsch<\/mfn> stirbt aus, ist schon fast tot. Und seit ich Kind bin, werden Witze dar\u00fcber gemacht. Meist schlechte, die diese Sprache heruntermachen, weil die Witzbolde diese Sprache nicht verstehen k\u00f6nnen oder wollen, geschweige denn beherrschen. Der bekannteste Ulk geht nach Sick<a href=\"#_ftn1_5619\" name=\"_ftnref1_5619\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;so: \u201eJeder kennt den Witz mit dem Manta-Fahrer, der auf der Suche nach einem Supermarkt neben einem T\u00fcrken bremst. \u201aEy, sag mal, wo geht&#8217;s hier NACH Aldi?\u2018, fragt er. \u201a<em>ZU<\/em>&nbsp;Aldi\u2018, verbessert der T\u00fcrke. Der Manta-Fahrer guckt verdutzt: \u201aWas denn, schon nach sechs?\u2018\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Freundlicherweise siedelt der als Kenner der deutschen Sprache gefeierte Bastian Sick seinen Witz zwar im Niemandsland an, aber \u201eManta, Manta\u201c spielt schlie\u00dflich im Revier, authentischer \u201ein Pott\u201c, auf Hochdeutsch getrimmt \u201eim Pott\u201c. Dort sagt man tats\u00e4chlich \u201eNACH Aldi\u201c, doch NUR, wenn Aldi nicht in Adiletten-N\u00e4he liegt oder, wenn man doch in Adiletten hinkommt, NUR falls man eine Abneigung gegen Aldi hat und die \u201emoralische\u201c Entfernung signalisieren will. Doch dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Speziell f\u00fcr Gelsenkirchen hat Sick eine besondere Variante erfunden: \u201eIn der Gelsenkirchen-Version des oben zitierten Witzes fragt der Mantafahrer: \u201aWo geht&#8217;s denn hier AUF Aldi?\u2018, denn in Gelsenkirchen geht man schlie\u00dflich&nbsp;<em>auf<\/em>&nbsp;Schalke. Wer&nbsp;<em>nach<\/em>&nbsp;Schalke geht, der kommt zweifelsfrei nicht von Gelsenkirchen weg, sondern von woanders her und wird sich m\u00f6glicherweise verlaufen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr jeden Gelsenkirchener beweist Sick damit, dass er NICHTS von Ruhrdeutsch versteht. Keiner sagt dort \u201evon Gelsenkirchen weg\u201c, sondern schlicht \u201eaus Gelsenkirchen\u201c.<a href=\"#_ftn2_5619\" name=\"_ftnref2_5619\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Und das Stadion des FC Schalke 04 hat als \u201eInsel der Gl\u00fcckseligen\u201c einen Sonderstatus. Schlie\u00dflich ist man auch AUF Hawaii oder AUF Sylt. Mit \u201eAUF Schalke\u201c ist jedoch&nbsp;<em>ausschlie\u00dflich<\/em>&nbsp;das \u201eSchalker Stadion\u201c gemeint, NICHT DER ORTSTEIL Schalke. Denn wer dorthin will, sagt in Gelsenkirchen besser \u201eNACH Schalke\u201c. Wer dem Taxifahrer sagt, er wolle AUF Schalke, landet mehr als vier Kilometer entfernt am Stadion des FC Schalke 04. \u201eAUF Schalke\u201c (das Stadion) lag schon fr\u00fcher nicht IN Schalke, als Gl\u00fcckauf-Kampfbahn n\u00e4mlich im Ortsteil Schalke-Nord. Heute als Veltins-Arena liegt es noch weiter weg vom Ortsteil Schalke im Berger Feld bei Sutum, wo man auch den Fan-Friedhof des Vereins findet, mit 1904 Gr\u00e4bern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAUF Schalke\u201c geht oder f\u00e4hrt man NUR zum Stadionbesuch. Man geht \u201eAUF Schalke\u201c und man ist \u201eAUF Schalke\u201c. Auch das Wohin regiert hier den Dativ. Im Pott wird der verwendet, wenn es auf den Endpunkt einer Handlung ankommt (\u201eNich am Auto packen!\u201c). Das ist jedoch eine AUSNAHME. Ansonsten gibt es nur den ersten und vierten Fall. Man kommt z.B. nicht mit \u201edem\u201c Rad, sondern mit \u201eden Rad\u201c, nicht mit \u201eden R\u00e4dern\u201c, sondern mit \u201edie R\u00e4ders\u201c. Das ist Akkusativ und nicht Dativ. Gelsenkirchener ersetzen viel h\u00e4ufiger den Dativ durch den Akkusativ als umgekehrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n<p>Anders als Bastian Sick es mit seinem Buchtitel \u201eDer Dativ ist dem Genitiv sein Tod\u201c<a href=\"#_ftn3_5619\" name=\"_ftnref3_5619\"><sup>[3]<\/sup><\/a> behauptet, vertritt zumindest im Ruhrdeutschen nicht der Dativ den Genitiv, sondern der Akkusativ, der klingt wie ein Nominativ. \u201eDas Haus meines Vaters\u201c wird entweder zu \u201emein Vatta sein Haus\u201c oder zu \u201edatt Haus von mein Vatta\u201c. \u201eMein\u201c steht jeweils f\u00fcr \u201emeinen\u201c und gleicht dem Nominativ \u201emein Vatta\u201c. Wer mit \u201edatt Haus von meim Vatta\u201c einen Dativ andeutet (\u201emeim\u201c f\u00fcr \u201emeinem\u201c) steht schon au\u00dferhalb der engeren Sprachgemeinschaft. Der Titel von Sicks Buch trifft daher die aussterbende Sprache des Ruhrgebiets nicht.<\/p>\n\n\n<p>Und niemand, der nur ein wenig Ruhrdeutsch versteht, w\u00fcrde sagen, ich geh AUF Aldi, lieber Bastian Sick. Auch nicht in Gelsenkirchen. Dieser Sonderstatus kommt au\u00dfer dem Schalker Stadion auch der Steinkohlenzeche zu. Wenn einer behauptete, sein Vater sei oder gehe \u201eAUF Ernestine\u201c, war keineswegs \u201eAnr\u00fcchiges\u201c gemeint. Sein Vater war \u201eAUF Maloche\u201c oder \u201eAUFE Aabeit\u201c. Und die war eben AUFE Zeche Ernestine in Essen-Stoppenberg. Na ja, auch der Sch\u00fcler geht \u201eAUF Schule\u201c, der Artikel \u201edie\u201c zur gelegentlich angedeutet mit \u201eAUFE Schule\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich h\u00f6rt man in autochtonen Gelsenkirchen fast nie ZU, ZUM, ZUR und noch viel, viel weniger AUF Aldi. AUF Aldi, Lidl, Rewe oder Edeka ist da noch niemand gegangen. Damit w\u00fcrde man den FC Schalke 04 oder seine Maloche AUF Zeche beleidigen. Man geht BEI oder NACH Aldi und diese Unterscheidung ist ziemlich komplex.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob man BEI oder NACH Aldi geht, ist zun\u00e4chst eine Frage der Entfernung, aber nicht nur. \u201eIch geh ma eben BEI Aldi\u201c, ist korrekt, wenn man daf\u00fcr nicht mal den Hausanzug und die Adiletten ablegen muss. Dagegen ist \u201eIch fahre ma eben BEI Aldi\u201c beinahe unbekannt. Nat\u00fcrlich f\u00e4hrt man NACH Aldi, denn man nimmt dazu ein Fahrzeug, wenn Aldi weit entfernt ist. \u201eBEIN Aldi\u201c als \u201eBEI den\u201c Aldi gibt es hier nicht, auch wenn Sick das bei Rheinl\u00e4ndern beobachtet haben will.<a href=\"#_ftn4_5619\" name=\"_ftnref4_5619\"><sup>[4]<\/sup><\/a>&nbsp;&nbsp;Die Leute im Revier unterscheiden scharf zwischen Kettenl\u00e4den (BEI) und Menschen mit Vornamen. \u201eBEIN\u201c (\u201ebein \u00c4hrwin\u201c) und \u201eBEIE\u201c (\u201ebeie Susi\u201c) gibt es, aber f\u00fcr Kettenl\u00e4den gibt es kein \u201eBEIN\u201c. Im Revier macht(e) man es so wie der Franzose, der bei Personen \u201echez\u201c verwendet, bei Institutionen aber \u201ea la\u201c bzw. \u201eau\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was zun\u00e4chst f\u00fcr r\u00e4umliche N\u00e4he (BEI) und Entfernung (NACH) gilt, muss sprachlich durch die emotionale N\u00e4he verfeinert werden. Das ist besonders erhellend, wenn sich Gegens\u00e4tze paaren: r\u00e4umliche Entfernung und emotionale N\u00e4he oder r\u00e4umliche N\u00e4he und emotionale Entfernung. Im Ruhrgebiet dominiert dann immer das Emotionale das Geografische: Ich \u201egeh ma BEI den \u00c4hrwin\u201c oder \u201eBEIN \u00c4hrwin\u201c zeugt daher von&nbsp;<em>besonderer<\/em>&nbsp;Zuneigung, wenn \u00c4hrwin weit entfernt wohnt. \u201eIch will nich NACH den Onkel\u201c beweist dagegen die Abneigung eines Kindes, wenn es dem \u201eOnkel\u201c direkt gegen\u00fcbersitzt, obwohl der \u201eOnkel\u201c vorher gesagt hat \u201eKomm DU ma BEIN Onkel!\u201c oder \u201eKomma BEI mich BEI!\u201c, um damit aus seiner Sicht ein emotional begr\u00fcndetes anzudeuten. Niemals w\u00fcrde er dann sagen \u201eKomma NACHEN Onkel\u201c, weil dies ein Widerspruch w\u00e4re und wenig Interesse bekunden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u201enich(t)\u201c dr\u00fcckt immer Abneigung aus. Kommt ein \u201enich(t)\u201c im Satz vor, gibt es daher immer NACH, niemals BEI. Es hei\u00dft immer: \u201eIch will NICH(T) NACH den Onkel\u201c. \u201eIch will nich BEI den oder BEIN Onkel!\u201c ist ebenfalls ein Widerspruch, weil das \u201enich\u201c emotionale Ablehnung ausdr\u00fcckt und den \u201eOnkel\u201c dadurch in weite Entfernung r\u00fcckt. Wer emotional entfernt ist, geht selbst bei geografischer N\u00e4he vom BEI zum NACH \u00fcber. Geht man trotz unmittelbarer N\u00e4he \u201eNACH Aldi\u201c, zeigt man damit seine Abneigung gegen diesen Laden. Man ginge also lieber BEI Lidl, Edeka oder Rewe, falls auch die in der N\u00e4he liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da man sich f\u00fcr die Arbeit auf jeden Fall umziehen muss und die emotionale N\u00e4he zur Maloche meist eingeschr\u00e4nkt ist, sucht man hier BEI meist vergebens. Nat\u00fcrlich geht oder f\u00e4hrt man NACHE Arbeit (f\u00fcr NACH DIE), aber (siehe oben) AUFE Zeche oder AUF Consol (Zeche Consolidation in Gelsenkirchen). Einige Situationen gibt es aber doch, wo \u201eAUF Aldi\u201c vorkommt: \u201eIch hab keinen Bock AUF Aldi\u201c, \u201eIch bin stolz AUF Aldi\u201c oder \u201eProst AUF Aldi\u201c. \u2013 Jetzt m\u00fcsste sogar Bastian Sick verstanden haben, wie man spricht in Gelsenkirchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In Bayern geht man weder NACH noch BEI Aldi, sondern plumpvertraulich ZUM Aldi und findet Sachen IM oder BEIM Aldi. Im Norden f\u00e4hrt oder geht man dagegen allenfalls ZUM Ali, dem t\u00fcrkischen Gem\u00fcseh\u00e4ndler. ZUM als \u201ezu dem\u201c und BEIM als \u201ebei dem\u201c ist reserviert f\u00fcr nat\u00fcrliche Personen, die man beim Namen kennt, oder f\u00fcr konkrete Orte. Daher geht man dort ZU Aldi, aber ZUM Metzger seines Vertrauens. Die S\u00fcddeutschen \u00fcbertragen dagegen ihre pers\u00f6nliche Beziehung zum B\u00e4cker oder Fleischer auf anonyme Ladenketten, wei\u00df der Himmel warum. Im S\u00fcden geht man also ZUM Aldi, ZUM Edeka oder ZUM Penny so wie fr\u00fcher zum Huber oder zum Mair.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wei\u00df auch Sick. Doch dummtraurig sind seine Wertungen, die er dann f\u00fcr die Sprachvarianten vornimmt. Er meint, NACH und BEI sprachlich korrigieren zu m\u00fcssen, schreibt aber \u00fcber die s\u00fcddeutsche Version: \u201eIn S\u00fcddeutschland kauft man &#8222;beim&#8220; Aldi oder &#8222;beim&#8220; Lidl. Das liegt daran, dass Namen dort prinzipiell mit Artikel gesprochen werden: der Franz, die Elisabeth, das Mariandl. Man geht vorn\u00e4mlich zum Alois, zum Michl und zur Christa, aber auch nachn\u00e4mlich zum Hillgruber, zum Moosbauer und zum Obermayer &#8211; folglich auch zum Aldi und zum Lidl. Wer also gerade &#8222;beim&#8220; Spar war, &#8222;zum&#8220; Edeka will oder &#8222;vom&#8220; Rewe kommt,&nbsp;<em>der dr\u00fcckt sich nicht etwa falsch aus, sondern typisch s\u00fcddeutsch.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTypisch s\u00fcddeutsch\u201c ist dann wohl auch, dass der Bayer \u201edie Hos(e)n\u201c anhat, auch wenn es nur eine ist. \u201eFalsch\u201c ist dagegen wohl, wenn die Ruhrgebietssprache ein Plural-s anh\u00e4ngt, wo Singular und Plural gleich sind. Daher hei\u00dft der Plural von \u201eHose\u201c auch \u201eHosen\u201c, der von \u201eWagen\u201c aber \u201eWagens\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn \u201enicht \u201etypisch westdeutsch\u201c, sondern falsch\u201c sind f\u00fcr Sick auch NACH oder BEI. Dabei ist es \u00fcberhaupt nicht zwingend, wenn man ZUM Michl oder ZUM Moosbauer geht, \u201eFOLGLICH AUCH ZUM Aldi\u201c(?!) laufen muss. Schon gar nicht deshalb, weil eigentlich nur bei Personen(!) der Artikel verwendet wird. Wie folgerichtig und differenziert ist es denn, einen Kettenladen wie eine Person anzusprechen? Gar nicht! Der Pottie zeigt dagegen, dass es differenzierter geht. Ein anonymer Kettenladen wird er niemals ansprechen wie eine Person. Und das ist falsch?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Warum soll es denn falsch sein, zwischen Personen und Institutionen zu unterscheiden? Sprachliche Gleichsetzung von Michl oder Moosbauer mit einem Kettenladen zeugt doch eher von mangelnder Differenzierungsf\u00e4higkeit. So gaukelt der S\u00fcddeutsche sich und seinen Landsleuten vor, es sei alles beim Alten geblieben im Handel. Fr\u00fcher hat DER Michl oder DER Moosbauer Milch und K\u00e4se verkauft und heute ist es DER ALDI. Das gibt DEM Aldi zwar etwas Menschliches, aber realistisch w\u00e4re, wenn es nicht \u201eder Aldi\u201c, sondern nur \u201eAldi\u201c w\u00e4re wie beim Pottie. Da kennt der Pottie dann sogar noch eine weitere Differenzierung, die von \u201eBEI\u201c und \u201eNACH\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Dem kundigen Zuh\u00f6rer offenbart er damit mehr als f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Sachverhalts notwendig. Und damit \u00fcbertrifft er den Franzosen, der allein aus grammatikalischen Zw\u00e4ngen unterscheidet, ob er zu einer Institution geht (a la, au) oder zu einer Person (chez=bei!). Die Offenheit der Menschen im Pott geht dar\u00fcber hinaus. So h\u00f6rt man dort im Supermarkt \u201eDaaf ich ma am Rotkohl!?\u201c<a href=\"#_ftn5_5619\" name=\"_ftnref5_5619\"><sup>[5]<\/sup><\/a>. In S\u00fcddeutschland ist man dagegen der Ansicht, es gehe andere nichts an, was man kaufen will. Da hei\u00dft es in der freundlichen Version \u201eDarf ich bitte mal (vorbei)?\u201c, in der unfreundlichen \u201eGehn Sie mal da weg!\u201c unterst\u00fctzt durch eine wegwischende Handbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die angebliche Gelsenkirchen-Version Bastian Sicks \u201eAUF Aldi\u201c beweist grobe Unkenntnis. Das ist peinlich, weil Sick uns mit der Zwiebelfibel sagen wollte, wie Sprache in Deutschland funktioniert. Daher, lieber Bastian Sick: Vorher einen fragen, der Ahnung hat, also einen \u201eExperten\u201c, aber bitte nicht einen \u201eExperten\u201c, wie ihn der Pott kennt. \u201eExperte\u201c ist hier n\u00e4mlich ein Schimpfwort. Das ist einer, der von nichts eine Ahnung hat, aber zu allem eine Meinung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Wichtigste zum Schluss: Was zeugt von h\u00f6herer Sprachkultur? Das Ruhrgebietsdeutsche mit der Differenzierung nach Wertsch\u00e4tzung und Entfernung und der Unterscheidung von Menschen und Kettenl\u00e4den: NACHN f\u00fcr m\u00e4nnliche Personen, NACHE f\u00fcr weibliche bei r\u00e4umlicher oder emotionaler Entfernung oder bei emotionaler oder r\u00e4umlicher N\u00e4he BEIN bzw. BEIE. Dagegen steht NACH f\u00fcr Aldi, Edeka und Co. oder ausnahmsweise BEI, wenn sie diese Institutionen direkt in der N\u00e4he liegen und man keine Abneigung gegen sie hegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das simple s\u00fcdeutsche ZUM wirklich besser, das all diese subtilen sprachlichen Unterscheidungen gar nicht kennt und vielleicht wegen des sprachlichen Zwangs zur Offenheit auch gar nicht kennen will? Wenn Sprache der Information dient, ist die bayrische Version jedenfalls deutlich im Nachteil. Und naiv gegen\u00fcber den ver\u00e4nderten Verh\u00e4ltnissen am Markt ist sie obendrein. Denn sie ignoriert, dass sich viel ge\u00e4ndert hat, seit man die Milch BEI Aldi und nicht mehr BEIM Moosbauer kauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, mein lieber Sprachf\u00fcrst: Auf zur Nachhilfe! Und bitte ein wenig mehr Sprachgef\u00fchl und Sprachverst\u00e4ndnis. Sonst bleibst Du ein Experte. Und was das im Revier hei\u00dft, steht schon weiter oben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse has-text-align-center\"><strong><u>Des Sprachf\u00fcrsten Fehlurteil<\/u><\/strong>\n\nDer M\u00fcnchner geht mit Dackel Waldi\nZUM Edeka und auch ZUM Aldi,\ner geht ZUM Michl und ZUM Sepp,\nZUM Obermayr und ZUM Depp.\nDas macht er einfach, ohne eiern,\nda wei\u00df man gleich, man ist in Bayern.\n\nDer Pottie differenziert ganz klar,\nist Aldi weit oder ist\u2019s nah,\nist\u2019s nah wird man \u201eBEI Aldi\u201c h\u00f6r\u2018n,\n\u201eNACH Aldi\u201c aber, wenn es fern.\nWeil dies f\u00fcr Sick so gar nicht geht,\nzeigt das f\u00fcr ihn: Ein Sprachprolet!\n\nDer Pottie macht \u2018nen Unterschied,\nden man in Bayern gar nicht sieht.\nDem Pottie ist es nicht egal,\nob\u2018s Mensch ist oder blo\u00df Regal.\nDenn \u201edie\u201c und \u201eden\u201c h\u00e4ngt er nur an,\nist es ne Frau oder nen Mann.\n\nEr geht NACHN \u00c4hrwin oder BEIN,\nBEIN \u00c4hrwin trinkt man Bier und Wein,\nund NACHE Susi oder BEI(D)E,\nwas man auf selbe Weise scheide.\nWer so fein trennt, fordert den Geist,\ndass Bastian Sick das Handtuch schmei\u00dft.\n\nWo er nicht will, wohin nicht mag,\nda geht der Pottie immer NACH.\nDoch liebt er jemand frisch und frei,\ngeht er da immer wieder BEI.\nBei negativer Emotion\nBestimmt also das NACH den Ton.\n\nS\u00fcddeutsch einfach, das sei gut,\nsagt der Sick, wobei er tut,\nals sei Sprachdifferenzierung roh,\ndabei macht sie den H\u00f6rer froh.\nDenn so kann besser er erkennen,\nwas da der Sprecher will benennen.\n\nMit wenig Worten gibt der preis,\nwas der H\u00f6rer noch nicht wei\u00df:\nLiegt Aldi nah oder ist\u2019s fern,\nhasst \u00c4hrwin er, hat er ihn gern?\nDas ist gehobene Sprachkultur,\ndas Bayrische verh\u00fcllt da nur.\n\nDer Pottie ist nur selten k\u00fchl,\nzeigt Emotion und Sprachgef\u00fchl.\nUnd so was l\u00e4sst den Sick nun grausen\nwie viele andere Sprachbanausen:\nWer Witz und Leidenschaft verkennt,\ndem fehlt f\u00fcr Sprachkritik Talent.<\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1_5619\" name=\"_ftn1_5619\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00a0Bastian Sick, Ich geh nach Aldi, Zwiebelfibel vom 7. Februar 2006, Spiegelonline<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2_5619\" name=\"_ftn2_5619\"><sup>[2]<\/sup><\/a>\u00a0Den Gelsenkirchener, den er hier zu zitieren glaubt, hat er wohl in Dortmund kennengelernt, denn da finden sich \u00f6fter alte Westfalen, die so sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3_5619\" name=\"_ftn3_5619\"><sup>[3]<\/sup><\/a>\u00a0Vgl. Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod! Folge 1-6.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref4_5619\" name=\"_ftn4_5619\"><sup>[4]<\/sup><\/a>\u00a0Der meint ja auch der Gelsenkirchener sage \u201eauf Aldi\u201c!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref5_5619\" name=\"_ftn5_5619\"><sup>[5]<\/sup><\/a>\u00a0Siehe auch Antonia Cervinski-Querenburg &#8211; Daaf ich ma am Rotkohl? von Rainer Bonhorst (Autor), Essen 1992, der die besondere Offenheit und Mitteilsamkeit des Potties thematisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: =;\"><a href=\"http:\/\/www.neschle.de\/download-manager.php?id=213\">PDF-Datei<\/a><span style=\"font-size: small;\"><br \/>This post was downloaded by  372 people until now.<\/span><\/span><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf, bei, nach, zu oder zum Aldi? Oder: Wie Ruhrdeutsch RICHTICH geht. Ein Nachtrag aus dem Archiv! Der (Bastian) Sick macht mich krank, auch wenn er kein Engl\u00e4nder ist. (Neschle) Meine Heimatsprache ist Ruhrdeutsch! Nicht meine Muttersprache: Denn meine Eltern sprachen Hochdeutsch. Ruhrdeutsch lernte ich als Fremdsprache auf der Stra\u00dfe in Gelsenkirchen Schalke-Nord.&nbsp; Aber Ruhrdeutsch &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/neschle.de\/index.php\/blog\/leon-neschle-83\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLeon Neschle 83\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,6],"tags":[100,44,98,97,99,40],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1078"}],"collection":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1078"}],"version-history":[{"count":35,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1078\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1133,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1078\/revisions\/1133"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1078"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1078"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neschle.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1078"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}